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07. Juli 2008, 10:23 Uhr

Waffen der Samurai

Schwerter für die Ewigkeit

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Sie sind das Höchste, was menschliche Schmiedekunst je hervorgebracht hat: Katana, die Langschwerter der japanischen Samurai-Ritter. Noch heute stellen Schmiedemeister die Waffen nach uralter Tradition her. Und wirklich gute Handwerker wissen auch, wie man damit kämpft.

Auf der Platte liegen graue Klumpen, porös wie Vulkangestein. Schwer, geruchlos, hässlich. "Das ist der Rohstahl, den Meister Matsuba verwendet", sagt Karl-Heinz Peuker.

Samurai-Waffen: Langschwert Katana und Kurzschwert Wakizashi
K.H. Peuker

Samurai-Waffen: Langschwert Katana und Kurzschwert Wakizashi

Er öffnet seinen Schrank und holt ein Katana aus seiner Sammlung hervor. Seine Bewegungen sind langsam. Ehrfürchtig. Eine kurze Handbewegung und das Katana gleitet ein kleines Stück aus der schwarzglänzenden Scheide heraus. Peuker trägt weiße Stoffhandschuhe. Damit kein Schweiß auf die Klinge des kostbaren Samurai-Schwertes gelangt, während er sie langsam herauszieht.

Mit einem Puderballen tupft er die Klinge der Länge nach vorsichtig, fast zärtlich ab. Dann zieht er sie durch ein Stofftuch und legt das Schwert längs auf den Tisch. Die Spitze der Klinge bettet er auf ein kleines rosafarbenes Kissen. Makellos blitzt sie im Licht der Lampe.

Meister Kunimasa Matsuba sitzt am Tisch und beobachtet die Prozedur regungslos. Nun senkt er den Kopf, legt ihn schräg und schaut längs entlang der Klinge. "Sehen Sie den Hamon?", fragt er in gebrochenem Englisch, fährt mit einem kleinen Laserpointer die Klinge ab und zeichnet dabei die wellenförmige Struktur etwa in Höhe der Mitte der Klinge nach. "Wenn mir ein Kunde nicht explizit sagt, dass ich einen anderen Hamon machen soll, dann mache ich ihn so", sagt Matsuba und lächelt fein. Der Hamon ist die Trennlinie zwischen der speziell gehärteten Schneide und dem Klingenkörper. Er bestimmt die Schönheit einer Klinge ganz entscheidend - und er ist das Markenzeichen und das Gütesiegel eines Schmiedes.

Kunimasa Matsuba ist klein und kräftig und trägt eine Brille. Der knapp 50-Jährige ist einer der besten Katana-Schmiede Japans. Er macht die Langschwerter so, wie sie die Meister seiner Zunft schon vor tausend Jahren anfertigten. Zahlreiche Preise hat er bereits für seine Samurai-Schwerter gewonnen. Bald, erzählt er, wird er zum Mukansa aufsteigen, der obersten Klasse der Katana-Schmiedemeister. Seine kräftigen Arme verwandeln die grauen Stahlklumpen in das Höchste, was menschliche Schmiedekunst je hervorgebracht hat - in ein Katana, das Langschwert eines Samurai. Eine über 60 Zentimeter lange, gekrümmte Klinge aus mehreren tausend Lagen gefalteten Stahls.

Das Statussymbol der japanischen Ritter

Das Katana war das Statussymbol der japanischen Ritter. Nur den Samurai war es gestattet, eines zu tragen - fast eintausend Jahre lang, mit einer kurzen Unterbrechung, bis ihnen im Jahr 1867 der Kaiser das Schwertmonopol entzog und sie dadurch entmachtete.

Nur die Klinge schmiedet Matsuba, das Herz des Schwertes. Die Fertigung des Handgriffs, des Schwertstichblatts und der Scheide sind Künste für sich. Und selbst die Klinge ist nach dem Schmieden noch nicht fertig, sondern muss noch zwei Arbeitswochen lang von Hand poliert werden, mit Poliersteinen unterschiedlichster Körnung. Auch das eine eigene Kunst, die nur wenige beherrschen. Ein guter Polierer verleiht der Klinge und dem Hamon den allerletzten Schliff. Ein schlechter Polierer kann eine Klinge ruinieren.

Meister Matsuba ist zu Besuch bei Karl-Heinz Peuker, der Samurai-Schwerter sammelt und handelt - neue wie antike. Er legt ein antikes Schwert neben das neu geschmiedete von Meister Matsuba. Die alte Klinge sieht genauso makellos aus wie die neue, nur der Hamon ist anders, hat flachere Wellen. Ein Laie kann der Klinge die Jahrhunderte nicht ansehen. Zeit, so scheint es, spielt bei diesen Schwertern keine Rolle. Sie wurden mit dem Anspruch der Perfektion geschaffen.

Rund 18.000 Euro kostet das neu geschmiedete Katana von Meister Matsuba. Die Preise für diese Schwerter folgen anderen Gesetzen als bei sonstigen Kunstobjekte üblich. Ein antikes Schwert kann sogar günstiger sein als ein neues. Auch hier ist Zeit bedeutungslos: "Allein die Güte der Schmiedekunst bestimmt den Preis einer Klinge, nicht ihr Alter", sagt Peuker. Wenn ein Schmied vor 500 Jahren kein gutes Schwert geschmiedet hat, dann war es damals nichts wert und ist es auch heute nicht. Auch ein einziger Riss in der Klinge kann ein Schwert wertlos machen. Katana sind mittlerweile begehrte Kunstobjekte geworden. Und teure dazu: "Ich kann mich an ein spätes Katana von 1845 erinnern, dessen Wert um die 500.000 Euro lag", sagt Peuker.

Beim Schmieden muss es völlig dunkel sein

Drei Dinge sind entscheidend für die Qualität einer Klinge: Die Form, die Oberflächenstruktur der Klinge und der Hamon. Die Struktur zeigt, wie der Schmied gearbeitet, wie er den Stahl gefaltet hat. Meister Matsuba genügt ein kurzer Blick, dann kann er eine Klinge einem bestimmten Schmied und einer bestimmten Epoche zuordnen.

Der Hamon entsteht während des Schmiedeprozesses. Der Schmied umgibt die Klinge mit einem Tongemisch, das nach einem geheimen Rezept angefertigt wird. Dann drückt er im Bereich der Schneide das Muster des Hamon in den noch feuchten Tonmantel. Wenn er getrocknet ist, wird die Klinge in der völlig abgedunkelten Schmiede erhitzt. Nur die Glutfarbe verrät dem Schmied die richtige Temperatur - einer der kritischsten und schwierigsten Momente während des gesamten Schmiedeprozesses. Ist die richtige Temperatur erreicht, schreckt der Schmied die Klinge im Wasserbad ab, dabei kühlt der dünne Tonmantel im Schneidenbereich sehr schnell ab und härtet die Schneide dabei optimal. Im restlichen Bereich ist der Ton dicker, daher kühlt der Stahl dort langsamer und bleibt weicher und flexibler.

"Kill Bill war ein dummer Film"

Wie wird man Katana-Schmied? "Eigentlich wollte ich damals selbst nur ein Schwert bestellen", erzählt Meister Matsuba. "Für meine Schwertübungen. Der Meister sagte zu mir: 'Du solltest Schwertschmied werden.' Und so begann ich damit." Mittlerweile, über 20 Jahre und 350 geschmiedete Schwerter später, ist Matsuba einer der besten Katana-Schmiede. Jahr für Jahr prämiert die Gesellschaft zur Wahrung des japanischen Kunstschwertes die beste Klinge. Um zum Mukansa aufzusteigen muss man zehn Mal den ersten Preis gewinnen. Fünf erste Preise fehlen Matsuba noch für den Titel.

Die Katana-Schmiedekunst drohte lange Zeit in Vergessenheit zu geraten. Als 1876 die Samurai entmachtet und ihr Schwertmonopol gebrochen wurde, traf das auch die Schmiede. "Wir haben damals einen Teil unserer Kultur verloren", sagt Matsuba. "Denn Samurai-Kultur ist japanische Kultur."

Auch die Schwerter selbst wären beinahe verloren gegangen: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ordnete das US-Militär an, dass alle Waffen vernichtet werden müssten - auch die kostbaren, uralten Katana. Glücklicherweise ließ sich der Oberbefehlshabende General MacArthur doch noch umstimmen. Die Samurai-Schwerter blieben verschont, mussten aber registriert werden. Seither erhält jedes neu geschmiedete Schwert einen Registrierungsschein.

Denn es ist ein Kunstwerk, mit dem man töten kann. Das Katana symbolisiert wie kaum ein anderes Kunstwerk die Dualität der menschlichen Natur: Schaffenskraft und Zerstörungswut. "Das Schwert ist für mich in erster Linie ein Kunstwerk", sagt Meister Matsuba. "Aber es ist auch eine Waffe." Anders als viele andere Schmiede kann Matsuba mit dem Katana auch kämpfen. Außerdem ist er versiert in Kendo, Aikido und Karate. Ein Schmied müsse, meint Matsuba, das Schwert auch beherrschen. Nur so könne er es in seiner Ganzheit erfassen.

Dass er das Katana wirklich beherrscht, zeigt Meister Matsuba dann eindrucksvoll bei einem Schnitttest im Garten (siehe Video).

Dann blitzt das Katama in der Sonne

Karl-Heinz Peuker hat Bambusstangen mit Tatami umwickelt und in Wasser eingeweicht. Sie sind so dick wie ein menschlicher Arm. Tatami sind Matten aus Gras mit denen Japaner normalerweise ihre Böden belegen. "Von der Konsistenz her ähnelt so eine Rolle sehr dem menschlichen Körper", sagt Peuker. In seinem Garten hat er zwei Tatami-Rollen senkrecht in Sonnenschirmhalter gesteckt. Matsuba, nun gekleidet in blau-weiße Aikido-Gewänder, hat das Katana nach Samurai-Manier durch seinen Stoffgürtel gesteckt. Er stellt sich vor die Rolle, steht einen Moment lang reglos, die Arme ruhig neben dem Körper hängend. Dann eine schnelle Bewegung, das Katana blitzt in der Sonne, und links und rechts fallen schräg abgeschnittene Stücke herunter. Die Schnittflächen im Bambus und den Tatami-Rollen sind völlig glatt.

"Genau so wäre ein Knochen durchgeschnitten worden", sagt Peuker trocken. Früher ließen Samurai mit teuren Schwertern auch Schnitttests durchführen. Schließlich wollte man wissen, ob man Qualität bekommen hatte. Nur wenige Leute waren autorisiert, die Tests durchzuführen. Peuker zeigt ein dreihundert Jahre altes Schwert, auf dem das Ergebnis des Tests unter dem Griff in goldener Schrift vermerkt ist: "Schnitt drei Körper durch", ist dort in Japanisch zu lesen. Tatsächlich wurden für die Schnitttests nicht Tatami-Rollen, sondern Leichen verwendet, sagt Peuker. "Und manchmal auch Verbrecher - lebend."

Meister Matsuba und Karl-Heinz Peuker mögen die Verklärung der Samurai und ihrer Schwerter nicht. "'Kill Bill' war ein dummer Film", sagt Matsuba und grinst kopfschüttelnd. "Mit der Realität hatte er nichts, aber auch gar nichts zu tun." Genauso "The Last Samurai" mit Tom Cruise in der Hauptrolle. In ihm hätte Matsuba sogar selbst fast mitgespielt. "Der Regisseur wollte einen echten Katana-Schmied in seinem Film haben, der zudem auch Englisch konnte", sagt Peuker. Die Rolle ging dann aber doch an einen von Matsubas Kollegen.

"Viele Ausländer schreiben mir, dass sie Katana-Schmied werden wollen", erzählt Matsuba. Einmal habe ihm ein Kanadier geschrieben, der seine Kunst lernen wollte. Matsuba grinst. Der war ihm nicht geheuer - langhaarig und voller Piercings sei er gewesen. "Die Leute haben keine Ahnung, wie hart und langwierig es ist, das Schmieden zu lernen." Außerdem müssten sie Japanisch können. Dann könne auch ein Ausländer Schmied werden. Tatsächlich gebe es einen Kanadier, der Katana in Japan schmiede, erzählt Matsuba.

Doch auch japanischen Interessenten erteilt Matsuba meistens erst einmal Absagen. Er selbst habe zwei Schüler, seit mittlerweile fünf Jahren. Viele Jungen kämen zu ihm und fragten ihn, ob sie bei ihm lernen könnten, sagt Matsuba. "In der Regel sage ich ihnen Nein." Nur wenn sie nicht aufgeben, immer wieder kommen, zeige das die nötige Motivation und Leidenschaft, glaubt er.

Und dann bekommen sie vielleicht eine Chance - Schwerter zu schmieden, die für die Ewigkeit bestimmt sind.

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