Christian Stöcker

Waffen in den USA Ein Land im Krieg mit sich selbst

Zehntausende US-Bürger sterben jedes Jahr durch Schüsse - und nach jedem Massenmord steigen die Aktien der Waffenhersteller. Woher kommt diese Irrationalität? Die Forschung hat - düstere - Antworten parat.
Waffenladen in Colorado (Archiv)

Waffenladen in Colorado (Archiv)

Foto: Brennan Linsley/ AP/dpa

In meinem Elternhaus kam einmal im Halbjahr ein Katalog mit Jagdbedarf an. Keine Ahnung, warum, niemand in der Familie war Jäger und große Fans von Lodenmänteln waren wir auch nicht. Mich hat der Katalog trotzdem immer interessiert. Er enthielt Bilder von Klappspaten, wasserdichten Taschenlampen - und Waffen.

Ich habe nie etwas Gefährlicheres als ein Luftgewehr in der Hand gehalten, war aber wie viele Jungs fasziniert von den Gewehren, Schrotflinten und Pistolen. Ich lernte Begriffe wie "brüniert" und unterhielt mich mit Freunden darüber, welche Pumpgun wir gerne besitzen würden. Die begleitenden Emotionen ähnelten denen, die ich mit Pick-up-Trucks wie bei "Ein Colt für alle Fälle" verband, oder mit Supersportwagen. Ferne, fremde Objekte waren das, unerreichbar, für den eigenen Alltag völlig unbrauchbar, aber total sexy. Das hat zweifellos etwas mit der medialen Umgebung zu tun, in der wir alle aufwachsen: Waffen- und Autofetischismus sind nun einmal zentrale Säulen der westlichen Unterhaltungsindustrie.

Wer viele Krimis sieht, glaubt an das Gute in der Knarre

Interessanterweise zeigt eine US-Studie, die auf heute 22 Jahre alten Daten basiert, dass regelmäßiger Konsum von Kriminalfilmen und -serien im Fernsehen in den USA sich auf die Haltung zu Waffen auswirkt: Amerikaner, die mehr Krimis sehen, sind tendenziell gegen Waffenkontrollgesetze. Sie glauben sogar, dass Schusswaffen Verbrechen verhindern helfen . Was natürlich Unsinn ist.

Trotzdem habe ich bis heute ein gewisses Verständnis dafür, dass Menschen gerne Waffen besitzen möchten, genau wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen mit einer Vorliebe für Pick-ups habe. Aber was sich in den USA jedes Mal abspielt, wenn wieder irgendjemand mit legal erworbenen Waffen viele Menschen umbringt, macht mich trotzdem fassungslos.

Nach dem Massenmord von Las Vegas war es wieder das gleiche. Es ist immer gerade zu früh, um über irgendeine wirksame Kontrolle zu reden, man ist immer lieber mit "Gedanken und Gebeten" bei den aktuellen Opfern und ihren Familien. Nicht den künftigen.

Jede Woche schießt ein Kleinkind

2016 starben in den Vereinigten Staaten 37.000 Menschen durch Schusswaffen, wenn man die Suizide mitzählt. Und das muss man, denn eine Waffe im Haus erhöht das Risiko, dass sich jemand selbst tötet, um das bis zu fünffache . 30 Prozent der erwachsenen US-Bürger besitzen persönlich eine Waffe, 42 Prozent leben in einem Haushalt, in dem es eine gibt .

Im Schnitt einmal pro Woche wird ein US-Amerikaner von einem Kleinkind angeschossen oder erschossen .

Und fast jedes Mal, wenn wieder jemand besonders viele auf einmal umbringt, steigen die Aktien der Waffenhersteller.

Pochen auf das Recht aufs Sturmgewehr

Ähnlich paradox wie die Reaktionen sind auch die Einstellungen von US-Bürgern gegenüber Waffen. Wenn man die richtigen Fragen stellt, sind auch Waffenbesitzer oft dafür, Regelungen einzuführen, die Schusswaffengewalt reduzieren sollen. Sieht man aber genau hin, dann werden Einstellungen formuliert, die Europäer einfach nicht verstehen können.

Zum Beispiel ist auch ein Drittel der US-Bürger, die selbst gar keine Waffe besitzen, dagegen, den Verkauf jener halbautomatischen Sturmgewehre zu verbieten, die bei den Massenmördern der jüngeren Zeit  so populär sind. Unter den Waffenbesitzern pochen 54 Prozent auf ihr Recht aufs Sturmgewehr.

Es sind ja, wie die berühmte Phrase sagt, nicht die Waffen, die Menschen töten, sondern andere Menschen. Wo aber liegen die Wurzeln dieses irrwitzigen, irrationalen Glaubens, dass all die Schusswaffen nichts mit all den Schusswaffenopfern zu tun haben?

Sicher, die NRA ist eine mächtige, eine reiche Organisation, die mit ihrem Geld Politiker erfolgreich machen oder vernichten kann. Aber die NRA ist nur deshalb so stark, weil sie bis heute einen so großen Rückhalt in der Bevölkerung hat. Woher? Den - wenigen - verfügbaren Studien zufolge führt diese Frage bis ins Herz der tiefen Konflikte, an denen die USA so leiden. Wenige sind es auch deshalb, weil eine der reichsten Forschungsförderungseinrichtungen der USA, die CDC, seit über 20 Jahren keine Studien zum Thema finanziert - auf expliziten Druck der Waffenlobbyorganisation NRA.

Je rassistischer der Mensch, desto größer seine Waffenliebe

Der aus Neuseeland stammende Psychologe Kerry O'Brien und seine Kollegen zeigten 2013, dass es einen Zusammenhang zwischen unbewussten rassistischen Einstellungen und Waffenbesitz  gibt. Je höher die Punktzahl weißer Amerikaner auf einer Rassismus-Skala, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Schusswaffe im Haus haben. Menschen, die Schwarze tendenziell für kriminell und gewalttätig halten, sind zudem häufiger gegen Waffenkontrollgesetze.

Mit anderen Worten: Je mehr sich Menschen vor Waffengewalt fürchten, desto mehr wollen sie gerne Waffen besitzen dürfen. Auch, wenn das natürlich heißt, dass auch die anderen, die Bösen, leichter an Waffen herankommen können.

Gerade US-Bürger, die schon einmal zum Opfer eines Überfalls geworden sind, wehren sich gegen Waffenverbote. Die Autoren dieser im "Journal of Criminal Justice" erschienen Studie  formulieren es so: "Diejenigen, die daran glauben, dass die Polizei sie vor Verbrechern schützen kann, sind für Waffenkontrolle. Die dagegen, die nicht daran glauben, dass sie sich auf die Polizei verlassen können, vertrauen lieber auf die Waffe."

Zu welcher Gruppe eine Person gehöre, hänge "teilweise von relativ unflexiblen kulturellen Zügen ab". Man müsse deshalb davon ausgehen, dass sich die Einstellung zu Waffen allenfalls mit "gletscherhafter" Geschwindigkeit ändern werde, was Generationen dauern könne.

Es bleibt also zu befürchten, dass der bewaffnete Krieg, den Amerika gegen sich selbst führt, noch lange andauern wird. Nicht nur wegen der Krimis.

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