Christian Stöcker

Wahlen in Frankreich Kampf der Weltbilder

In Frankreich wird abgestimmt, die Bürger haben die Wahl zwischen zwei Weltbildern. Eines davon ist irrational, gefährlich und psychologisch leicht erklärbar. Das andere deckt sich mit der beobachtbaren Realität.
Wahlplakate in Antibes (Frankreich)

Wahlplakate in Antibes (Frankreich)

Foto: ERIC GAILLARD/ REUTERS

Über Ostern war ich in Paris und habe mich wieder einmal verliebt in diese Stadt und ihre Bewohner. Die Straßen sind voller Menschen, bis tief in die Nacht, überall stehen Gruppen von Leuten aller möglicher Hautfarben beieinander, reden und lachen. Junge Frauen im Businesskostüm plaudern, Zigarette in der Hand, vor den Cafés mit älteren Herren, im Innenhof nationaler Heiligtümer spielen bunt gemischte Gruppen von Kindern Fußball, stolz beobachtet von Eltern mit und ohne Bart, mit und ohne Kopftuch.

Auf der Treppe vor der Sacré Coeur machen nachts Schwarze Musik auf abgeschabten Instrumenten und Plastikkisten, arabischstämmige Männer verkaufen illegal Bier aus Pappkartons, obwohl am Treppenabsatz junge Soldaten mit automatischen Waffen und Splitterschutzwesten stehen. Dazwischen deutsche Touristen in Allwetterjacken, amerikanische mit weißem Haar und asiatische mit Selfie-Sticks, von den Einheimischen stoisch, aber nicht unhöflich ignoriert.

In jedem Kaufhaus und jedem Museum gibt es jetzt Sicherheitskontrollen, das führt manchmal zu langen Schlangen, trotzdem bleibt der Umgang höflich und zivilisiert, ja oft heiter. Es ist, wenn man durch diese Stadt läuft, die zumindest an der innenstädtischen Oberfläche wie ein Modell für ein künftiges Europa wirkt, kaum zu glauben, dass eine fremdenfeindliche Nationalistin wie Marine Le Pen hier, nach den letzten Umfragen vor der Wahl, im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl mit 22 Prozent auf Platz zwei landen könnte.

Zweidrittelmehrheit für die Vernunft?

Was viel besser zu diesem Bild passt ist, dass der 39-jährige Emmanuel Macron den gleichen Umfragen zufolge im ersten Wahlgang knapp vor Le Pen läge und im zweiten Wahlgang dann mit 62 bis 65 Prozent der Stimmen rechnen könnte. Es wäre eine knappe Zweidrittelmehrheit für die Vernunft.

In der Wahl zwischen Le Pen und Macron stehen sich zwei grundlegend unterschiedliche Vorstellungen von der Welt der Zukunft gegenüber. Eine ist realistisch, die andere eine gefährliche, unverantwortliche Fiktion.

Marine Le Pen steht für die paradoxe Vision einer nationalistischen Internationalen, einer im Gleichschritt der Reaktionäre in Ost und West zu vollziehende Wende zurück in eine fiktive Vergangenheit. Deshalb lässt Le Pen sich mit Wladimir Putin fotografieren, deshalb preist sie Donald Trump, deshalb redet sie wirres Zeug über die Deportation französischer Juden im Zweiten Weltkrieg. Man denkt unwillkürlich an Björn Höcke.

Mit einer Schaufel gegen die Wanderdüne

Le Pen betrachtet sich als Teil einer internationalen Bewegung, die die gesellschaftspolitische Uhr zurückdrehen möchte. Deshalb investiert ihre Partei, nicht nur das hat sie mit der AfD gemeinsam, so viel Energie in die Beschneidung der Rechte von Minderheiten und die Umdeutung der Vergangenheit. Und deshalb wünscht sie sich, voll auf Putins Linie, eine Schwächung der Nato, eine Schwächung der EU, Einschnitte im Bereich des internationalen Handels.

Das Programm von Parteien wie dem Front National ruht auf zwei psychologisch leicht zu erklärenden, aber unzweifelhaft irrationalen Säulen, die der Steigerung des persönlichen Selbstwertgefühls ihrer Anhänger dienen sollen: Der Herabsetzung von Minderheiten, Stichwort: abwärtsgerichteter sozialer Vergleich; und der Bevorzugung der eigenen "Nation" gegenüber den übrigen, Stichwort: In-Group vs. Out-Group.

Irrational sind diese Positionen deshalb, weil beispielsweise die Herabsetzung von Muslimen rein gar nichts an den realen Problemen der Grande Nation ändern wird. Und weil die Globalisierung nicht weggeht, nur weil ein Land dabei nicht mehr mitmachen will. Im Gegenteil, eine bereits globalisierte Welt wird auf isolierte Versuche der Abschottung einzelner Staaten in etwa so reagieren wie eine Wanderdüne, deren Bewegungsrichtung ein Einzelner mit Hilfe einer Schaufel umkehren möchte.

Nationalistisch, revisionistisch, zynisch

Man kann mit solchen Positionen vielleicht Wahlen gewinnen, aber definitiv nicht die Zukunft. Vermutlich weiß Marine Le Pen das sogar, und das macht sie neben einer Nationalistin und Geschichtsrevisionistin auch zur Zynikerin.

Emmanuel Macron ist mit Sicherheit kein perfekter Kandidat, denn den kann es nun mal nicht geben. Seine Vorstellung von der Zukunft Europas und der Welt aber deckt sich mit der aktuell beobachtbaren Realität: Er weiß, dass die Globalisierung nicht aufgehalten, aber geformt werden kann, er weiß, dass das nur mit einer starken Europäischen Union gehen wird - und er hat sogar die Kühnheit, gelegentlich Dinge zu sagen, die er für richtig hält, obwohl man sie in Frankreich nicht gerne hört.

Zum Beispiel, als er die französische Kolonialpolitik ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit und eine wahre Barbarei" nannte. Was sein mutmaßlich korrupter, ostentativ und aus persönlichem Geschäftsinteresse russlandfreundlicher Konkurrent François Fillon dann für eines Präsidentschaftskandidaten "unwürdig" befand.

Macron ist sicher kein Mann des Volkes im engeren Sinne, seine Eltern sind Ärzte, er war auf einer der französischen Eliteuniversitäten, hat für einen Philosophen gearbeitet, war Banker, Präsidentenberater und Minister. Aber er scheint doch weit genug weg sein von der verblüffenden Unverfrorenheit der Vetternwirtschaftler von Fillon bis Le Pen, auf deren Scham- und Maßlosigkeit das französischen Wahlvolk nicht ganz zu Unrecht mit einem kräftigen Misstrauen gegen die "Eliten" reagiert.

Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass viele französische Wahlberechtigte diese Kolumne lesen, hier trotzdem der Appell an alle, die es angeht: Gehen Sie wählen, heute und in zwei Wochen, wählen sie Macron. Und zwar nicht nur gegen den Nationalismus, sondern für die Vernunft.

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