Wahrnehmung Kinder erfassen räumliche Tiefe erst mit zwölf

Wie kommt die dreidimensionale Welt in unseren Kopf? Forscher haben herausgefunden, dass Kinder den Raum anders wahrnehmen als Erwachsene. Erst ab zwölf Jahren kombinieren sie die Tiefeneindrücke zu einem realen Gesamtbild. Davor ist das auch nicht nötig.

3-D-Spielzeug: Räumliches Sehen ist bei Kindern noch nicht vollständig ausgeprägt.
Mathematikum Gießen / Rolf K. Wegst

3-D-Spielzeug: Räumliches Sehen ist bei Kindern noch nicht vollständig ausgeprägt.


Washington - Wie schnell nähert sich ein Auto? Erwachsene können meist gut einschätzen, ob sie noch sicher über die Straße kommen oder besser auf dem Fußweg bleiben sollten. Kinder haben damit größere Probleme. Neben der geringeren Erfahrung im Straßenverkehr liegt das womöglich auch an den Unterschieden im räumlichen Sehen. Denn wie Forscher um Marko Nardini vom University College London nun im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten, nehmen Kinder und Erwachsene räumliche Tiefe unterschiedlich wahr.

Tiefenwahrnehmung entsteht auf unterschiedliche Weise. Im zweidimensionalen Raum, also auf Fotos oder im Film, werden zum Beispiel perspektivische Informationen genutzt, die auch mit nur einem Auge erkennbar sind. Ein Beispiel dafür ist das Bild eines langen Korridors, bei dem die schräg zulaufenden Seitenwände den Tiefeneindruck erzeugen. Um unsere dreidimensionale reale Umwelt wahrzunehmen, brauchen wir aber beide Augen, denn beim Sehen liefern die Augen zwei leicht unterschiedliche Bilder von einer Szene. Eben diesen Unterschied nutzt das Gehirn, um räumliche Tiefeninformationen zu gewinnen, ein Mechanismus, der als binokulares Sehen bezeichnet wird.

In ihrer Studie untersuchten Nardini und seine Kollegen, wie Kinder und Erwachsene perspektivische und binokulare Tiefeninformation kombinieren. Die Studienteilnehmer mussten dabei zwei unterschiedlich schräge Flächen vergleichen und beurteilen, welche die flachere war. Sie bekamen dazu entweder perspektivische oder binokulare Information oder beides zusammen. Ergebnis: Erst ab einem Alter von zwölf Jahren werden die zwei Tiefeninformationsquellen verknüpft.

Als Grund dafür vermuten die Forscher eine unterschiedliche Zielsetzung von Erwachsenen und Kindern: Bei Kindern gehe es zunächst einmal darum, die in vielerlei Hinsicht noch unbekannte Welt möglichst schnell zu erfassen. Nach einigen Jahren seien dann die Rahmenbedingungen geschaffen, um auch auf größere Präzision Wert legen zu können.

Ist diese Sinnesverschmelzung aber erst einmal gelernt, können visuelle Informationen nicht mehr unabhängig voneinander wahrgenommen werden. Das bewiesen die Forscher, indem sie Kindern und Erwachsenen 3-D-Bilder mit widersprüchlichen Tiefeninformationen zeigten. Jüngere Kinder hatten keine Probleme schräge Flächen zu vergleichen, wenn sich die perspektivische Tiefeninformation nicht mit der Information aus dem binokularen Sehen deckte. Erwachsene konnten die Aufgabe jedoch nur schlecht lösen, da sie die gegensätzlichen Eindrücke miteinander kombinierten und eine Art Durchschnittswert bildeten.

In weiteren Studien wollen die Wissenschaftler nun die strukturellen Veränderungen im Gehirn, die sich während der Entwicklung der Tiefenwahrnehmung vollziehen, mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie sichtbar machen.

hda/dapd



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