Mordfall Lübcke und die AfD Wer ist schuld am NSU? Konrad Adenauer!

Die AfD hat eine Schuldige für den Tod von Walter Lübcke gefunden: Angela Merkel. Folgt man dieser Logik, ergeben sich noch ganz andere faszinierende Kausalketten.

Konrad Adenauer
Philippe Le Tellier/ Paris Match via Getty Images

Konrad Adenauer

Eine Kolumne von


Bei der AfD kennen Sie sich aus mit dem Missbrauch von Straftaten für politische Agitation. Und mit dem Prinzip Täter-Opfer-Umkehr. Kaum eine aktuell ungeklärte Straftat, die man nicht schon mal prophylaktisch "den Flüchtlingen" oder anderen Menschen mit Migrationshintergrund in die Schuhe schieben könnte. Für die AfD ist die Unschuldsvermutung prinzipiell abhängig von der Hautfarbe oder dem Nachnamen von Tatverdächtigen.

Einer der führenden Experten der AfD für Täter-Opfer-Umkehr ist Martin Hohmann. Er hat auf diesem Gebiet lange Erfahrung: Hohmann, damals Bundestagsabgeordneter für die CDU, hielt am 3. Oktober 2003 eine Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Darin machte er das, was heute zu den Hauptfeatures der Reden etwa von Björn Höcke (AfD) gehört: Er jammerte über die angebliche Ungerechtigkeit, die den Deutschen fortgesetzt widerfahre, über das für ihn offenbar quälende Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Er ist wieder da

Hohmann zitierte damals wohlwollend eine antisemitische Hetzschrift des US-Industriellen Henry Ford und sagte dann: "Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als 'Tätervolk' bezeichnen."

Die anwesenden Parteifreunde scheint all das nicht sonderlich irritiert zu haben. Erst, als ein jüdisches Onlinemagazin die Rede Wochen später kritisch beleuchtete, entwickelte sich der Skandal, der zu Hohmanns Parteiausschluss führte.

Mittlerweile sitzt Hohmann wieder im Bundestag, jetzt eben für die Partei, die Expertise in Sachen Täter-Opfer Umkehr richtig honoriert. Folgerichtig wurde nach dem von einem Rechtsextremen begangenen Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke Hohmann losgeschickt, um die Tat mit einer mit dem Weltbild der AfD kompatiblen Deutung zu versehen. Und das tat er dann auch, in einer Pressemitteilung.

Merkel ist schuld

Das hier ist der entscheidende Satz: "Hätte es die illegale Grenzöffnung durch Kanzlerin Angela Merkel (…...) mit dem unkontrollierten und bis heute andauernden Massenzustrom an Migranten nicht gegeben, würde Walter Lübcke noch leben."

Es ist bemerkenswert, wie viele Fehler und Lügen so ein AfD-Mann in einem einzigen Satz unterbringen kann. Der zentrale Punkt aber ist, dass Hohmann von einer "Ursachenkette" schwadroniert, in der eine fiktive "illegale Grenzöffnung" ein "notwendiges Glied" auf dem Weg zu dem Mord an Walter Lübcke gewesen sei.

Kurz: Im Grunde ist Angela Merkel schuld an Lübckes Tod.

Verrückterweise ist am Ende des Textes sogar von einem "perfiden Spiel der Schuldverlagerung" die Rede. Hohmann meint das aber genau umgekehrt, wie die Logik es vorsähe: Er findet es "perfide", die Schuld an einem aus rechtsextremistischer Gesinnung heraus begangenen Mord dem rechtsextremistischen Mörder zuzuweisen.

Der Syrienkrieg - das war doch Mark Zuckerberg?

Folgt man dieser Logik, ergeben sich einige andere, höchst erstaunliche "Ursachenketten". Nehmen wir mal die RAF: Hätte die wirklich Menschen in Deutschland ermordet, wenn es vorher keinen Adolf Hitler gegeben hätte? Na? Da sieht man es: Hitler ist schuld an der RAF.

Oder die Morde des NSU: Hätte es die gegeben, wenn Deutschland in den Sechzigerjahren nicht Arbeitsmigranten aufgenommen hätte, weil es einfach nicht genug Arbeitskräfte gab im Land? Na? Unter wem wurde 1961 das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet? Konrad Adenauer! Adenauer ist also schuld am NSU! Oder?

An den islamistischen Massenmorden am Berliner Breitscheidplatz, in Paris, Brüssel und anderswo ist demnach George W. Bush schuld, denn hätte es ohne den Einmarsch der USA im Irak einen IS gegeben? Na? Für den syrischen Bürgerkrieg ist nicht etwa Baschar al-Assad verantwortlich, sondern Mark Zuckerberg, denn hätte es den arabischen Frühling ohne Facebook gegeben?

Es ist erstaunlich, dass das notwendig ist, aber offenbar muss man es im Jahr 2019 noch einmal so klar sagen: Schuld an einem Mord ist immer der Mörder. Und unter Umständen diejenigen, die ihn zu seinem Mord angestachelt haben.

Der Sitzenbleiber und die "Hexenjagd"

Nachdem Hohmanns AfD-Parteifreund Ralph Müller diese Woche im bayerischen Landtag bei einer Gedenkminute für Walter Lübcke einfach sitzen geblieben war, nannte er Kritik an diesem Akt der Anstandslosigkeit eine "moralingetränkte Hexenjagd". Das Opfer ist also er selbst. Müllers Fraktion war zuletzt im Januar unangenehm aufgefallen, als sie während eines Gedenkakts für die Opfer des Nationalsozialismus geschlossen den Saal verließ, weil ihr eine Rede nicht gefiel.

Die AfD und viele ihrer Abgeordneten machen sich ständig genau der verbalen und nonverbalen Aggression und Hetze schuldig, mit der Leute wie der geständige Mörder Walter Lübckes voll und ganz einverstanden sind. Sie ist eine Partei, von der sich Rechtsradikale, Rechtsextreme, Nazis, Antisemiten und Rassisten voll und ganz vertreten fühlen. Eine Partei, die das auch gern öffentlich honoriert. Eine Partei, der das Recht, der Anstand und die Logik gleichgültig sind.

Diese Umfrage ist ein Menetekel

Laut einer am Freitag veröffentlichten Umfrage sind nur 64 Prozent der befragten Wahlberechtigten der Meinung, die CDU solle eine Kooperation mit der AfD ausschließen. In Ostdeutschland finden demnach sogar 49 Prozent, solche Kooperationen sollten möglich sein.

Das heißt, wenn die Befragten die Frage zu Ende gedacht haben: Bundesweit kann sich ein Drittel der Wahlberechtigen eine wie auch immer geartete Beteiligung der AfD an der Macht vorstellen. Im Osten fast die Hälfte.

Das ist ein erschütterndes Resultat.



insgesamt 156 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
deckergs 30.06.2019
1. Illegale Grenzöffnung?
Die letzte Öffnung deutscher Grenzen war im November 1989 - seitdem sind alle deutschen Grenzen - stationäre Grenzübergänge, internationale Flughäfen und die grüne Grenze - für den Grenzverkehr geöffnet.
einerkeiner 30.06.2019
2. Einseitigkeit?
Der Autor spielt das Spiel der einseitigen Interpretation aber genauso mit. Gibt es wirklich keinerlei Zusammenhang zwischen Angela Merkels einsamer Entscheidung, und der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Polarisierung der Gesellschaft, und der Stärkung des Extremismus (an beiden Seiten)? Natürlich bestehen diese Zusammenhänge. Wenn Angela Merkel mehr Augenmaß bewiesen hätte, und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen besser im Demokratischen Sinne integriert hätte, mit einem sinnvollen Gleichgewicht zwischen Humanität und Heimatschutz, dann wäre uns die jetzige Lage erspart geblieben, und Herr Stöcker müsste nichtmals die AfD im Bundestag ertragen. Aber daraus darf man natürlich keine Kausalität machen, es sei denn es geht gegen Merkel-Kritiker (die nämlich allesamt den Finger mit am Abzug hatten).
no_reservations 30.06.2019
3. Erziehung und Prägung
beginnen nun einmal als erstes im Elternhaus. Hier sind sicher in der Vergangenheit einige Fehler und Versäumnisse begangen wurden, dass mit Lügen, Legenden und Fehlern nicht konsequent aufgeräumt wurde nach Kriegsende. 12 Jahre staatlicher Nationalsozialismus verschwinden ja nicht einfach nach Kriegsende aus den Köpfen auch der einfachen Menschen. Wenn man dann im Beamtenapparat auch noch die gleichen Leute belässt, die da auch schon in den Jahren zuvor tätig und schuldig geworden sind, braucht man sich über Kausalketten bis in die heutige Zeit leider nicht zu wundern. Es ist schockierend, wieviele verblendete und teils gemeingefährliche Mitbürger auch knapp 75 Jahre nach Kriegsende noch Ansichten anhängen, bei denen die damaligen Verfechter und Zeitzeugen überwiegend bereits das Zeitliche gesegnet haben. Wie kann ein solches Gedankengut also überdauern? Es war wohl in manchen Ecken und Köpfen Deutschlands nie verschwunden. Siehe zB auch Polizei und Bundeswehr... Erziehung und Aufklärung sind der Schlüssel und das bisherige Versäumnis. Es gab an der NS-Zeit nichts Gutes und Erstrebenswertes. Das muss ein gesunder aufgeklärter Mensch lernen und erkennen und verinnerlichen. Hier ist die politische Bildung gefragt...
stepanus34 30.06.2019
4. Erika Steinbach
Aber bitte - eben das ist doch der gleiche Schwachsinn, die gleiche verlogene Kausalkette, mit der Erika Steinbach als "mitschuldig" für den Mord an Lübcke herhalten soll. Das scheint SPON aber nicht schlecht zu gefallen, dieser Gedanke. Natürlich, wie Stöcker richtig bemerkt, hängt alles mit allem zusammen. Und je mach Fasson wird dann zusammengestellt, was passend erscheint. Dass dies immer wieder passiert - so ist das Leben. Aber dass der SPIEGEL Merkel verteidigt, gehen ihm die Vorwürfe gegenüber Steinbach wie Sahne runter. Das ist zweierlei Maß, oder auf dem linken Auge blind. Und zwar sehr offensichtlich. Das bemerkt ja dann eigentlich auch jeder, der auf beiden Augen sehen kann. Und damit reiht sich SPON - leider - ebenfalls dort ein, wo ungerechtfertigte Kausalkette verbreitet und stehen gelassen werden.
hanbil 30.06.2019
5. Guter Kommentar
und Danke dafür. Zum Verhalten des NSAfD-Parlamentariers Müller habe ich allerdings eine andere Meinung: Ich finde es gut, dass der sitzenblieb. Hätten die anderen AfDler auch tun sollen. Denn das Aufstehen bei einer Gedenkminute oder Trauerrede ist eine Ehrbezeugung gegenüber dem Verstorbenen. Auf die "Anteilnahme" dieser Hetzer kann Walter Lübcke bestens verzichten. Und Ehre haben die sowieso nicht im Leib.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.