Demenzkranke Liebe Leserin, lieber Leser,


ich finde es bewundernswert, dass die niederländische Gesellschaft Schwerstkranken ohne Aussicht auf Heilung die Möglichkeit gibt, auf Wunsch ärztlich begleitet und schmerzlos aus dem Leben zu scheiden. Seit dem Jahr 2002 ist die aktive Sterbehilfe unter streng definierten Voraussetzungen möglich. Mehr als 60.000 Menschen haben sie seither in Anspruch genommen.

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Heft 36/2019
Wie viel WALD der Mensch zum Überleben braucht

Jetzt allerdings wird in den Niederlanden ein verstörender Fall verhandelt. In Den Haag steht erstmals eine an Sterbehilfe beteiligte Ärztin vor Gericht - weil sie eben doch eine Mörderin sei.

Im April 2016 hatte sie einer 74-jährigen Frau mit schwerster Demenz ohne deren Wissen ein Schlafmittel in den Kaffee gerührt. Dann wollte sie die tödliche Injektion vornehmen, aber plötzlich wurde die alte Dame doch noch wach und schien die Spritze abwehren zu wollen. Die Ärztin setzte sich körperlich gegen sie durch, wenig später war die Alzheimerpatientin tot. Hat die Staatsanwaltschaft also recht, wenn sie sagt, die Ärztin habe ihre Patientin heimtückisch und vorsätzlich umgebracht?

Als sie noch bei klarem Verstand war, hatte die Frau schriftlich verfügt: Sobald sie in ein Pflegeheim müsse, wolle sie euthanasiert werden. Am Tag vor ihrem Tod, so stellt es die Tochter dar, habe sie in einem seltenen hellen Moment gesagt: "Ich will sterben. Es ist gut." Auch ihr Ehemann unterstützte ihren Wunsch. Trotzdem lag sie schon sieben Wochen im Pflegeheim, bis sich Catharina A. dort ihrer annahm - wie vorgeschrieben unter Beteiligung eines weiteren Mediziners, der ebenfalls alle Bedingungen für die legale Sterbehilfe erfüllt sah.

Im Pflegeheim allerdings hatte sich die Demenzkranke widersprüchlich geäußert. Oft sagte sie, sie wolle sterben, manchmal jedoch fügte sie hinzu, "jetzt aber noch nicht". Welcher Wille soll gelten - der schriftlich dokumentierte aus besseren Tagen oder der eines stark geschädigten Gehirns, das zu keinerlei Einsicht mehr fähig ist? Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass Catharina A. ohne unmittelbares Einverständnis nicht hätte handeln dürfen. Die nunmehr pensionierte Ärztin, so fordern die Strafverfolger, soll des Mordes für schuldig erklärt werden - dafür aber keine Strafe erhalten. Viele Mediziner fürchten nun, dass Demenzkranke entgegen ihren Wünschen künftig von der Sterbehilfe ausgeschlossen werden könnten. Im September fällt das Urteil.

Wie würden Sie entscheiden? Die Ärztin war zutiefst davon überzeugt, dass die Frau körperlich und seelisch jeden Tag sehr schwer gelitten hat. Die Familie der Alzheimerkranken sah es ebenso, sie unterstützt die Ärztin bis heute. Hätte die Medizinerin ihrer Patientin wirklich den Tod verweigern sollen, weil diese ihn krankheitsbedingt nicht mit der gebotenen Klarheit herbeiwünschen konnte?

Herzliche Grüße
Marco Evers

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Es fehlt etwas in vielen Gärten und Häusern von Indien bis nach Südostasien: Die lauten "Tokeh"-Rufe der Tokeh-Geckos sind selten geworden. Die insektenfressenden Reptilien landen mittlerweile massenhaft in der China-Apotheke. Getrocknet und pulverisiert sollen sie in der traditionellen Medizin gegen Impotenz, Asthma, Diabetes oder Hautleiden helfen. Ähnliche Behauptungen wurden schon vielen Tierarten zum Verhängnis.


Fußnote

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
lathea 31.08.2019
1. Es sagt und schreibt sich so einfach,....
.......wenn dies oder das passiert, wolle man sterben. Doch es stirbt sich nicht so einfach, denn die meisten Menschen tragen unverarbeitete und unbewusste Erfahrungen mit sich, die genau dann auf die Erinnerung und Verarbeitung warten, wenn sich der Mensch im einer extremen gesundheitlichen Situation befindet. Vor dem Sterben muss der Mensch erst mit sich selbst ins Reine kommen. Mit einer Euthanasie nimmt man ihm diese Möglichkeit. Auch wenn jemand bei vollem Bewusstsein seine Tötung wollte, kann er sie in der extremen Situation oder in einem kranken Zustand ablehnen - und dieses Recht sollte er auch haben. Gerade auf Demenzkranke trifft das zu. Denn die Verarbeitung und Erinnerung von verdrängten Erfahrungen und Traumata kann auch die Demenz verändern, wenn der Kranke nicht gerade schon mit Drogen, Schlafmitteln oder Pillen zur Ruhigstellung und für Zwecke des Pflegepersonals vollgepumpt wurde. Die Ärztin hätte sich in diesem Fall am Abwehrverhalten der Patientin orientieren sollen, weil die Patientin in ihrer Willensäusserung bereits durch das Schlafmittel eingeschränkt war. Ausserdem befand sie sich (da das Schlafmittel nicht wie erwartet gewirkt hatte) offensichtlich in einem dissozierten Zustand, den jeder Arzt eigentlich erkennen müsste, und damit wäre ihre ursprünglich in einem anderen dissozierten Zustand abgegebene Erklärung mit Tötungsverlangen keine freie Willensäusserung mehr, da nicht vom ganzen Bewusstsein erfolgt, sondern durch dissoziative Elemente eingeschränkt. Das müsste ebenfalls jedem Arzt bekannt sein und es müsste auch jedem Arzt bekannt sein, dass er dissoziative Bewusstseinszzstände nicht gegeneinander ausspielen darf, da sie alle Teil des Bewusstseins sind und lediglich zu einer Einschränkung der Funktions- und Steuerungsfähigkeit des Patienten führen jedoch nicht zu seinem Recht und seiner Fähigkeit zur freien Willensäusserung. Die Abwehrhandlung war daher das ausschlaggebende Moment, da sie eine konkludente Willensäusserung darstellt. Der Mordvorwurf daher berechtigt.
keine-#-ahnung 31.08.2019
2. Der Casus offenbart in aller Deutlichkeit ...
... das Dilemma, in welches sich ein Arzt begibt, der aktive Sterbehilfe leistet. Es liegt eine eindeutige Willensbekundung der Patientin vor, welche zu Zeiten einer ausreichender kognitiven Leistungsfähigkeit abgegebn wurde. So weit - so gut. Problematisch ist, dass die Patientin das Leben als Demenzkranke nur von Beobachtungen und Erzählungen Dritter kannte und sich ein solches Leben für sich als Gesunde nicht vorstellen und akzeptieren konnte. Jetzt kann man postulieren, dass sich mit schwindender kognitiver Leistung auch das Anspruchsverhalten gegenüber dem "Leben" verändert, möglicherweise auch mit kurzfristigsten Wechseln der Ansprüche an das Leben. Möglicherweise gibt es Demenzkranke, die zufrieden, gar "glücklich" sind ... Wie soll man da als Arzt handeln? Ich selbst hätte bei der geschilderten Situation beim Auftreten eines Abwehrverhaltens der Patientin vermutlich sofort abgebrochen ... noch viel wahrscheinlicher würde ich aber als Arzt für die Euthanasie insgesamt nicht zur Verfügung stehen, selbst wenn mir diese prinzipiell erlaubt wäre. Aber nicht einmal darüber bin ich mir sicher ... Ein Dilemma halt ...
dasfred 31.08.2019
3. Das Problem der Demenz
Der Dementen lebt quasi schon in einer anderen Welt. Das, was er kurz vor der Erkrankung entschieden hat, ist für ihn ausgelöscht. Seltene klare Momente sind genauso schnell vergessen, wie sie kommen. Einerseits wünsche ich mir, diesen Zustand nie zu erleben, andererseits kann sich niemand in einen Dementen hineinversetzen. Sie hier beschriebene Situation ist somit praktisch nie zufriedenstellend zu lösen. Wenn der Allgemeinzustand auch schon extrem schlecht ist, hätte man vielleicht nur dafür sorgen sollen, dass der Sterbeprozess möglicher Schmerzfrei begleitet wird.
Pfaffenwinkel 31.08.2019
4. Gerade bei Demenz
würde ich wollen, dass mein Wunsch auf aktive Sterbehilfe, den ich bei noch klarem Verstand schriftlich verfügt habe, umgesetzt würde. Alles andere ist juristische Augenwischerei.
tipto 31.08.2019
5. Wenn mein Wille,...
zu einem geistig gesunden Zeitpunkt festgelegt (ausführliche, d.h. detaillierte Patientenverfügung), dann nicht in der beschriebenen Situation umgesetzt wird, mit Hilfe meiner Familie und/oder des Arztes, dann wieder von einem Willen..., gesprochen wird, so können wir das Thema Patietenverfügung endgültig begraben und die Quälerei wird fortgesetzt. Ein dementer Mensch ändert u. U. zig Mal am Tag seine Meinung. Die Fähigkeit vorausschauend eine Entscheidung zu treffen, ist nicht mehr gegeben, denn sonst sprechen wir nicht von einer schweren Demenz, die eine solche Entscheidung rechtfertigen würde. Ich habe mehrere tausend Demente untersucht und manch einen Patienten über 10, 15 Jahre "verfallen" sehen. Ich habe die Ängste, Verwirrung und das Leid hinreichend erfahren. Meine Hochachtung gilt den Ärzten, die ihr Wort halten zu helfen und nicht wortbrüchig werden, weil sie Angst vor den Konsequenzen bekommen.
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