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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Was Russlands Angriff auf die Ukraine für die Energiewende bedeuten könnte

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, Ressortleiter Wissenschaft
Mehr schädliches Fracking-Gas und eine Rückkehr zur Kohle – oder massive Beschleunigung des Ökostromausbaus: Die kurzfristigen Effekte des Krieges in der Ukraine auf den Klimaschutz sind vielfältig.

Liebe Leserin, lieber Leser,

der brutale Krieg Russlands gegen die Ukraine markiert eine Zeitenwende. Es ist ein Angriff, der die Welt verändern wird, schreiben meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Auslandsressort in der Titelgeschichte unserer neuen Ausgabe . Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass auch die europäische Energiewende betroffen sein wird.

Das vorläufige (und wohl auch endgültige) Aus für die Gaspipeline Nord Stream 2, das Minister Robert Habeck in dieser Woche als Konsequenz des russischen Angriffs verkündete, ist in klimapolitischer Hinsicht ein richtiger Schritt. 23 Jahre vor der von der Bundesregierung angepeilten vollständigen Klimaneutralität des Landes steht jede milliardenschwere Investition in fossile Energieinfrastruktur unter besonderem Rechtfertigungsdruck.

Nicht nur hätte diese Pipeline die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen weiter erhöht, auch die Notwendigkeit einer neuen Röhre stand bis zuletzt in Zweifel. Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sagte dem Science Media Center Ende der Woche: »Der Stopp der Zertifizierung von North Stream 2 ist richtig. Wir benötigen diese Pipeline nicht, daher ist sie auch zur Sicherung der Energieversorgung nicht notwendig.« Der Thinktank Agora Energiewende ging noch Anfang letzten Jahres zwar von einem leichten Anstieg des Gas-Importbedarfs in Deutschland für die nächsten zehn Jahre aus – allerdings ließe sich dieser laut den Experten wahrscheinlich auch mit der bestehenden Import- und Speicherinfrastruktur decken.

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Ein Wechsel von Pipeline- zu Flüssiggas wäre kein Gewinn fürs Klima

Und schließlich steht die Eignung als klimaschonender Übergangsstoff ins Zeitalter der erneuerbaren Energien ohnehin infrage: Erdgas ist in der Verbrennung zwar CO2-ärmer als Kohle, verursacht aber hohe Methanemissionen vor allem bei der Förderung. Jedes Methanmolekül erwärmt die Luft vielfach stärker als Kohlendioxid, je nach veranschlagtem Zeithorizont ist der Treibhauseffekt 34- bis 86-mal so hoch. Durch eine verstärkte Nutzung von Gas als Energieträger würden diese Emissionen steigen. Studien sehen daher die Rolle als Brückentechnologie  kritisch.

Mit weniger Gas als heute wird Deutschland mittelfristig allerdings ganz sicher nicht auskommen. Wenn nun der Wunsch besteht (endlich) die Abhängigkeit von Russland als Versorger zu reduzieren, was wären die Alternativen? Norwegen und die Niederlande, die auch Gas an Deutschland liefern, haben schon signalisiert, dass sie kaum mehr bereitstellen können.

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Auch wenn die Bestände ebenfalls begrenzt sind, wäre Flüssiggas (LNG) eine weitere Alternative, etwa aus den USA. Wirtschaftsminister Robert Habeck kündigte  denn am Donnerstag auch bereits an, dass beim Gas die »Einkaufswege vielfältiger« werden müssen. »Dazu gehört, auch wenn es manche nicht wahrnehmen wollen, der Aufbau von LNG-Terminals.«

In den USA wird Erdgas meist mit dem sogenannten Frackingverfahren gewonnen, bei dem unter hohem Druck Wasser und Chemikalien in tiefe Gesteinsschichten gepresst werden. Die Methode ist nicht nur besonders umweltschädlich, auch die Klimabilanz von Flüssiggas dürfte noch schlechter sein, als wenn der Brennstoff per Pipeline geliefert wird.

Denn für den Transport von Flüssiggas über die Weltmeere ist viel zusätzliche Energie notwendig. So wird das Gas auf minus 163 Grad Celsius heruntergekühlt, bis es flüssig wird und nur noch ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens hat. Anschließend muss es wieder in Pipelinegas umgewandelt oder »regasifiziert« werden. Allgemein habe Pipelinegas eine etwas bessere Klimabilanz als Flüssiggas, heißt es in einer Studie des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung  zur Klimabilanz von Flüssiggas.

Das Ende von Nord Stream 2 und eine schleichende Abkehr von Russland als größten Gasversorger könnte also mindestens kurzfristig sogar zu mehr CO2-Emissionen führen.

Droht ein Rückfall in die Kohleverstromung?

Parallel zu den Emissionen steigen aber vor allem die Preise. Der belgische Thinktank Bruegel warnte  gerade: »Auf der Angebotsseite sind zwar einige freie Importkapazitäten vorhanden, doch wäre es im besten Fall sehr teuer und im schlimmsten Fall physisch unmöglich, die russischen Mengen vollständig zu ersetzen.«

Für die Beschleunigung der Energiewende kann das zunächst sogar ein gutes Signal sein – denn der Anreiz, nun besonders schnell auf Ökoenergien umzusteigen, steigt mit den Preisen für konventionelle Energieträger. Auch Bauherren werden die Zahlen nicht kaltlassen – wer bisher noch nichts von Wärmepumpen weiß, wird sich bei den derzeit schon hohen Gaspreisen spätestens bei der Frage nach einer neuen Brennwerttherme nach Alternativen erkundigen.

Doch Umrüstungen brauchen Zeit. Und zumindest kurzfristig haben noch höhere Gaspreise oder sogar Versorgungsengpässe einen gegenteiligen Effekt: Sie machen Klimaschutz nicht einfacher, sondern bringen ihn in Gefahr. Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Wuppertal Institut warnte kürzlich: »Sollte es in der Stromversorgung Lücken aufgrund von fehlendem Erdgas geben, dann wird es zwangsläufig zu einem verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken kommen.« Schon im Januar sind etwa die Kohleimporte in die Europäische Union  gegenüber dem Vorjahr um mehr als 56 Prozent gestiegen.

In der – was die langfristigen Folgen angeht – ohnehin noch unübersichtlichen Lage der Russland-Krise ergibt sich auch für den Klimaschutz ein gemischtes Bild. Auch wenn mit kurzfristig höherer Kohleverstromung und zusätzlichem Import von LNG die Klimabilanz Europas leiden könnte, ist mittelfristig ziemlich klar, wohin der Weg gehen wird. »Die Energiewende ist die Antwort auf die Frage, wie wir vom russischen Gas loskommen«, sagt etwa Claudia Kemfert.

Auch dürften die Pläne von Wirtschaftsminister Habeck, die Wind- und Solarenergie drastisch auszubauen, angesichts der neuen Preissprünge mehr Unterstützer finden. Und nicht zuletzt sind die Befürworter der Energiewende nun um ein brandaktuelles Argument reicher: Jedes neue Windrad, jede neue Solarzelle bedeuten ein Stück mehr Unabhängigkeit von Machthaber Putin.

Die Gaspipeline Nord Stream 2 dürfte endgültig Geschichte sein

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Ihr Kurt Stukenberg

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