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24. Dezember 2018, 08:24 Uhr

Glaube an den Weihnachtsmann

Santa Claus oder Papa Klaus?

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Gibt es den Weihnachtsmann wirklich? Früher oder später werden Kinder skeptisch. Zwar kann der Glaube an den Mythos ihr Sozialverhalten fördern, doch irgendwann müssen sie die Wahrheit akzeptieren. Nur wann?


Dieser Text ist 2014 erstmals veröffentlicht worden und erscheint zum Weihnachtsfest erneut.


Seien wir ehrlich: Weihnachten in seiner modernen Form basiert auf Betrug - die Existenz des Weihnachtsmanns ist eine Lüge. Genau wie die des Christkindes und Knecht Ruprechts. Allerdings: Kinder lieben diese Lüge. Da ist es auch egal, dass einst der Coca-Cola-Konzern zur Verbreitung der Weihnachtsmann-Legende beigetragen hat.

Aber aufmerksame Kinder dürften sich schon fragen, wie es der rundliche Weihnachtsmann - bei einem geschätzten Body-Mass-Index von 35 - durch den schlanken Kaminabzug geschafft haben kann. Falls es überhaupt einen im Haus gibt. Früher oder später werden sie bei allen kommen, die Zweifel an seiner Existenz. Wie gehen Eltern dann mit Fragen um? Und riskieren sie mit dem Märchen vom Weihnachtsmann gar den Vorwurf des Vertrauensbruchs, wenn der Nachwuchs hinter die Wahrheit kommt?

Bei einer Umfrage eines kanadischen Arztes unter 45 Krankenhauskindern kamen in der Altersgruppe der Vier- bis Siebenjährigen erste Zweifel an der Existenz des Weihnachtsmannes auf. Immerhin 80 Prozent der Befragten glaubten aber noch an den Mann mit dem Bart. Bei den Kindern bis vier waren es sogar 100 Prozent.

Dass Kinder so gerne an den Weihnachtsmann glauben, liegt nicht nur daran, dass Eltern es ihnen erzählen: Ab etwa drei Jahren beginnt bei den Kleinen die sogenannte magische Phase. In dieser Entwicklungsstufe steht das Kind im Zentrum seines eigenen Handelns - es ist noch nicht in der Lage, andere Positionen zu erkennen und einzunehmen. Auch die Unterscheidung von Fiktion und Realität fällt ihm schwer.

Was es sich nicht richtig erklären kann, wird mit magischer Logik verstanden. Wenn es regnet, weinen die Wolken, weil sie traurig sind. Oder der Ball liegt unter dem Bett, weil er schlafen will. Alle diese Dinge existieren in der Realität des Kindes tatsächlich - dazu gehören auch Monster und Märchenfiguren. Oder eben der Weihnachtsmann.

Zudem werden die Eltern noch nicht kritisch hinterfragt. "Kinder im Vorschulalter glauben Informationen dann, wenn sie von Personen kommen, mit denen sie positive Erfahrungen in Bezug auf den Wahrheitsgehalt gemacht haben", sagt Entwicklungspsychologe Ulf Liszkowski von der Uni Hamburg. "Außerdem gewichten sie Informationen von solchen Personen stärker als ihre eigenen Erfahrungen."

Ein Wandel vollzieht sich bei Kindern erst, wenn sie andere Perspektiven einnehmen und empathischer reagieren können - Psychologen sprechen von der sogenannten Theory of Mind. "Wenn Kinder dazu in der Lage sind, fällt es ihnen auch leichter zu akzeptieren, dass der Weihnachtsmann nur eine Legende ist", sagt Liszkowski. Das geschieht bei Kindern ungefähr mit fünf, sechs Jahren. Sie erkennen dann, dass der Mann im roten Mantel und mit angeklebtem Bart zwar aus ihrer Sicht der Weihnachtsmann ist, aber aus der anderen Perspektive eben ein erwachsener Mann. Und vielleicht der Nachbar in einem Kostüm.

Der Glaube an den Weihnachtsmann ist bei Kindern daher ein normaler Teil der Entwicklung und des Denkens. Und könnte die Persönlichkeitsentwicklung sogar fördern. Psychiaterin Lynda Breen vom Alder Hey Children's Hospital in Liverpool schrieb 2004 in einem Fachmagazin, dass der Weihnachtsmannglaube die soziale Kompetenz von Kindern verbessern könne. In ihren Wunschzetteln würden Kindern oft auch Kranke und Schwache mit einschließen. Außerdem würde die Wertung des Weihnachtsmanns, ob Kinder sich gut oder schlecht verhalten, die moralische Urteilskraft stärken. Der gütige Mann mit dem Bart steht als Symbol für Fürsorge und Großzügigkeit, folgert Breen.

Eltern müssen zudem keine Sorge haben, dass der Weihnachtsmannschwindel das Vertrauensverhältnis zu den Kindern schädigen könnte. Kanadische Forscher haben 2009 zwei Studien aus den Jahren 1896 und 1979 mit jeweils 1500 Kindern analysiert. Viele der Befragten zwischen sieben und 13 Jahren gaben zwar an, dass sie enttäuscht waren (1896: 22 Prozent/1979: 39 Prozent), als sie hinter die Wahrheit gekommen waren. Von den Eltern betrogen fühlten sich aber nur zwei beziehungsweise sechs Prozent.

Eltern dürfen nachgeben

Experten raten Eltern, Kindern nicht generell zu erzählen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Kinder in der magischen Phase glauben von selbst an Märchen und Legenden - ihnen die harmlose Weihnachtsmannstory vorzuenthalten, schützt sie nicht. Und genauso kommen Kinder irgendwann von selbst darauf, dass es den rot-weißen Zausel nicht gibt - viele werden etwa im Kindergarten von Älteren aufgeklärt.

Kommen die Kinder dann mit Fragen nach Hause, sollten Eltern zunächst vorsichtig nachhaken, was das Kind selbst glaubt. "Wenn Eltern von ihren Kindern mit Zweifeln an der Existenz des Weihnachtsmanns konfrontiert werden, dürfen sie dem auch nachgeben. Es muss nicht sein, dass Kinder in der ersten Klasse noch an den Weihnachtsmann glauben", sagt Liszkowski.

Der Glaube könne so in Brauchtum gewandelt werden. Und oft sind Kinder sogar stolz darauf, dass sie schon zu den Großen gehören und spielen das Spiel gegenüber kleineren Geschwistern weiter mit. Einem frohen Fest ohne Familienstreit steht dann zumindest nicht der Weihnachtsmann im Weg.

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