Welt-Aidstag Kondome sind vielerorts tabu

Anlässlich des diesjährigen Welt-Aidstags haben Politiker, Mediziner und Hilfsorganisationen vor Tendenzen gewarnt, die Immunschwäche zu verharmlosen. In mehreren Ländern drohten Epidemien.


Kondome sind in vielen Ländern tabu
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Kondome sind in vielen Ländern tabu

Hamburg - Männer könnten durch bewussteres Verhalten dazu beitragen, dass Aids nicht so stark verbreitet werde, sagte Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Soldaten von Uno-Friedenstruppen seien beispielsweise an der Verbreitung der Krankheit beteiligt, kritisierte der amerikanischen Uno-Botschafter Richard Holbrooke. Sie brächten Aids in die Länder, wo sie stationiert seien, oder nähmen es mit in ihre Heimat zurück. "Aids - Männer stellen sich der Verantwortung", heißt das Motto des diesjährigen Welt-Aidstags.

Auch Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) erinnerte die Männer an ihre Verantwortung beim Sex. "Solange es kein zuverlässiges Heilmittel und keinen Impfstoff gibt, bleibt Prävention das erfolgreichste Instrument im Kampf gegen Aids."

Doch ganz so einfach ist der Kampf gegen die Immunschwächekrankheit in manchen Kulturkreisen nicht. In China scheiterten die meisten Versuche, über Aids und Kondome aufzuklären. Eine Umfrage ergab, dass nur 3,8 Prozent der Befragten wussten, dass HIV durch Körperflüssigkeiten übertragen wird. China müsse viel mehr tun, um Kondome und sexuelle Aufklärung zu fördern, sagte Edwin Judd vom Weltkinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef).

Kondome werden nicht angerührt

Vergangenes Jahr verteilte eine Firma in den Universitäten Pekings kostenlose Kondome. Im vergangenen Jahr scheiterte eine private Kampagne in den Universitäten an den Studenten. Sie weigerten sich, die Präservative auch nur anzufassen. "Wenn jemand versuchen würde, mir eins zu geben, dann würde ich weggehen", sagt eine Russisch-Studentin. Auch Werbeposter für Kondome in der Uni findet die Studentin anstößig.

Das Programm war nicht die einzige Anti-Aids-Initiative, die an den chinesischen Moralvorstellungen zerbrach. Eine Fernsehkampagne für Kondome musste vergangenes Jahr zwischenzeitlich eingestellt werden. Die staatliche Fernsehaufsicht nannte die Kampagne unvereinbar mit den sozialen und moralischen Sitten Chinas. Das gemeinsame Projekt der chinesischen Regierung und der Uno, an Universitäten und öffentlichen Plätzen, Kondomautomaten aufzustellen, stieß bei Eltern auf Empörung.

600.000 HIV-Infizierte in China

Dabei wäre Aids-Prävention im Reich der Mitte notwendig. Nach Angaben der Vereinten Nationen steht China eine Aids-Epidemie bevor, sollte die Regierung nicht eingreifen. Den Schätzungen zufolge sind 600.000 Menschen in China mit dem HI-Virus infiziert - bis 2010 wird die Zahl vermutlich auf über zehn Millionen steigen.

Nicht viel besser sieht es in Russland aus. Die Moskauer Sektion der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnt vor einem epidemieartigen Anstieg der Aidskranken. In Russland seien vor allem junge Drogenabhängige in Gefahr, die aus Mangel ihre infizierten Spritzen austauschten. Im laufenden Jahr seien im Land mehr Aids-Ansteckungen registriert worden als in den vergangenen zehn Jahren zusammen, teilte die Hilfsorganisation in mit.

Bis zu 700.000 Infektionen in Russland?

Die offiziell registrierte Zahl von bislang knapp 70.000 Aids-Infizierten in Russland sei irreführend. Nach Schätzungen liege die Dunkelziffer der HIV-positiven Russen bis zu zehnmal höher. Experten befürchten, dass sich die Krankheit auch außerhalb des Drogenmilieus durch ungeschützten Geschlechtsverkehr immer schneller ausbreitet.

Ähnlich wie in China wird auch in Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken die Immunschwächekrankheit bis heute weitgehend tabuisiert. Für eine Aufklärung der Bevölkerung fehlen ebenso die Mittel wie für eine sinnvolle Behandlung der Aids-Kranken.

Aids-Medikamente müssen günstiger werden

Deshalb forderten die Ärzte ohne Grenzen fünf internationale Pharmakonzerne auf, ihre Preise für Aids-Medikamente in den armen Ländern sofort um 95 Prozent zu senken. Mehr als sechs Monate nach Ankündigung eines Preisnachlasses in den Medien gebe es in dieser Frage kaum einen Fortschritt, bemängelte die Hilfsorganisation.

Eine Preisreduktion um 95 Prozent bedeutet in der Praxis beispielweise: Das Medikament AZT/3TC von Glaxo Wellcome würde für einen Dollar (2,30 Mark) pro Tag statt für 19,60 Dollar zur Verfügung gestellt. Unabhängig von einzelnen Pharmakonzernen gilt Brasilien nach Recherchen von Ärzte ohne Grenzen als eindrucksvollstes Beispiel dafür, wie die Preise für HIV-Medikamente durch Produktion von Nachahmerpräparaten vor Ort gesenkt werden können.

Um die Übertragung des Virus von einer Schwangeren auf das Kind und damit eine Neuinfektionen zu verhindern, verschenkt der Pharma-Hersteller Boehringer Ingelheim das Medikament "Viramune" an afrikanische Länder.



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