»Das Beste, was die Welt zu tun bereit war« Was Wissenschaftler zum Klimapakt von Glasgow sagen

Am Ende des 26. Uno-Klimagipfels gehen die Meinungen auseinander: ein wichtiger Erfolg, sagen manche – eine herbe Enttäuschung, meinen andere. Wie bewerten Forscherinnen und Forscher die Ergebnisse?
Mitglieder von Extinction Rebellion protestieren am Ende des Klimagipfels für mehr Klimaschutz

Mitglieder von Extinction Rebellion protestieren am Ende des Klimagipfels für mehr Klimaschutz

Foto: Peter Summers / Getty Images

Die 26. Uno-Klimakonferenz, die Cop26 in Glasgow, ist beendet. Was von zwei Wochen Diskussionen und Verhandlungen bleibt, sind verschiedene Initiativen, vor allem aber die gemeinsame Abschlusserklärung der 200 Staaten. Umweltverbände kritisierten den Klimapakt von Glasgow als nicht weitreichend genug, Politikerinnen und Politiker sprachen von »historischen« Beschlüssen.

Wie bewerten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ergebnisse des Gipfels?

»Glasgow war der erste große Test des Pariser Abkommens . Der wurde bestanden. Der Multilateralismus ist im Moment in schwerem Fahrwasser, aber zumindest beim Thema Klimaschutz scheinen die Länder der Welt noch zusammenzukommen«, sagte Carl-Friedrich Schleussner, der am Integrativen Forschungsinstitut zum Wandel von Mensch-Umwelt-Systemen an der Berliner Humboldt-Universität forscht. »Die ausstehenden Elemente des Regelwerks des Pariser Abkommens zu Transparenz und Marktmechanismen konnten verabschiedet werden. Da galt es, sehr dicke Bretter zu bohren. Das ist gelungen.«

Ob Glasgow ein Erfolg sein werde, hänge nun entscheidend davon ab, ob die Staaten ihren Zusagen auch folgten. Wenn es gelinge, die Lücke bei der Emissionsreduktion bis 2030 schon im nächsten Jahr etwas weiter zu schließen und ausreichend Finanzmittel für die Entwicklungsländer bereitzustellen, könne der Gipfel »ein Startschuss für ein Jahrzehnt des entschlossenen Handelns« sein, sagte Schleussner weiter.

Trotz Abschwächungen ein Signal für den Ausstieg aus fossiler Energie

Nach Meinung von Sonja Peterson vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel lassen sich im Abschlussdokument von Glasgow Erfolge finden. »Positiv ist, dass die Cop26 trotz der Abschwächungen im Abschlussdokument ein Signal für den Ausstieg aus fossiler Energie setzt. Dieses Signal wird durch mehrere kleinere internationale Allianzen – etwa die Beyond Oil and Gas Alliance und die Powering Past Coal Alliance – verstärkt«, sagte sie. Wichtig sei auch, dass der Fokus nicht nur auf der Senkung der CO₂-Emissionen lag. Auch die Vereinbarungen zu Methan  seien ein bedeutsames Zeichen. Und auch die Vereinbarungen der beiden größten Emittenten, USA und China, gäben Anlass zur Hoffnung für weitere Schritte in der Zukunft.

Das Gefühl der Ambivalenz, das wohl viele Beobachterinnen und Beobachter des Gipfels empfanden, äußerte auch Joeri Rogelj vom Grantham Institute am Imperial College London: »Die Cop26 hat eine historische Leistung erbracht und ist gleichzeitig hinter den Hoffnungen und Erwartungen vieler zurückgeblieben. Wenn ich als Wissenschaftler und Bürger dieses Planeten darüber nachdenke, sehe ich Gründe, stolz zu sein, hoffnungsvoll zu sein und tief besorgt zu sein.« Die Fortschritte, die die Weltgemeinschaft auf dem Gipfel gemacht habe, seien »das Beste, was die Welt zu diesem Zeitpunkt zu tun bereit war«, aber sie reichten bei Weitem nicht aus.

»Glasgow hat das 1,5-Grad-Limit wiederbelebt, es befindet sich jedoch immer noch auf der Intensivstation«, sagte Niklas Höhne, von der Wageningen Universität aus den Niederlanden. »Neue nationale Klimaziele und Initiativen haben uns einen kleinen Schritt vorangebracht. Aber mit diesem Tempo ist das 1,5-Grad-Ziel  verloren.« Selbst wenn alle neuen Vorschläge von Glasgow umgesetzt würden, wären die Emissionen im Jahr 2030 immer noch fast doppelt so hoch wie sie für das 1,5-Grad-Ziel sein dürften.

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100 Milliarden US-Dollar pro Jahr werden nicht reichen

Die Finanzierungszusagen an die Entwicklungsländer wertete auch Anke Herold als positiv. Die Wissenschaftlerin leitet das unabhängige Öko-Institut e.V. in Berlin. Sie sagte: »Wenn man sich vor Augen führt, dass die Bundesregierung in Deutschland in diesem Jahr 30 Milliarden Euro für die Schäden der Überflutungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt hat, dann wird deutlich, dass 100 Milliarden US-Dollar für alle Entwicklungsländer für Emissionsminderung, Anpassung und Klimaschäden den Finanzierungsbedarf ganz sicher noch nicht ausreichend decken.« Es werde schwierig, die Einhaltung aller Zusagen zu kontrollieren. Vereinbart ist nun, dass sich die Staaten alle zwei Jahre den Fragen der anderen Staaten zur Umsetzung der Beschlüsse stellen. »Damit gibt es künftig einen Prozess, der die Umsetzung kontrolliert. Allerdings kann kein internationales Abkommen der Welt eine unwillige Regierung dazu zwingen, den Ausstieg aus den fossilen Energien durchzusetzen. Diese Regierungen können auch künftig nur sinnbildlich an den Pranger gestellt werden«, sagte Herold.

»Insgesamt schaffen die neuen Regeln von Glasgow zum internationalen Emissionshandel gute Grundlagen, aber sie haben auch zahlreiche Schlupflöcher.« Das sagte Lambert Schneider, der als Forschungskoordinator für internationale Klimapolitik am Öko-Institut arbeitet. »Es wird jetzt sehr darauf ankommen, ob und wie Länder das Regelwerk nutzen werden. Die Regeln können ganz klar missbraucht werden und die Bemühungen zum Klimaschutz untergraben. Sie setzen aber auch einen Mindeststandard, der verhindert, dass jedes Land sich einfach selbst nach seinen eigenen Regeln die Klimabilanz schönrechnet.«

»Eine Rettungsleine aus Spinnenseide«

Lukas Hermwille vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie bezeichnete die Klimakonferenz in Glasgow als »Höhepunkt eines fortlaufenden Prozesses«, weshalb man die vergangenen zwei Wochen nicht isoliert bewerten dürfte. »In den zurückliegenden zwei Jahren hat sich sehr viel bewegt.« Das sei vor allem beim Thema Kohle deutlich. »Mit aller Macht haben einige Staaten – allen voran Indien – versucht, das heraufbeschworene Ende der Kohle aus dem Entwurf heraus zu verhandeln oder zu schwächen. Aber es bleibt bei einem Meilenstein: Zum ersten Mal überhaupt wird explizit auf das Ende der Kohle in einem UNFCCC-Dokument Bezug genommen. Die eingefügten Abschwächungen – ›phase-down‹ statt ›phase-out‹ – sowie das theoretische Hintertürchen einer Nutzung von Kohle mit technischer Abscheidung der CO2-Emissionen sind letztlich für die Kohle nicht mehr als eine Rettungsleine aus Spinnenseide.«

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

vki
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