Weltpremiere Röntgenstrahlen machen Saurier sichtbar

Erstmals ist es deutschen Forschern gelungen, ein verstecktes Saurierskelett mittels Röntgen-Computertomografie teilweise sichtbar zu machen. Die Knochen gehören zu einer bislang unbekannten Art.
Von Harald Zaun

Vor 65 Millionen Jahren endete eine ungewöhnlich lange Gewaltherrschaft in einem Inferno. Nach mehr als 150 Millionen Jahren erfolgreicher Regentschaft musste eine ganze Tierart mit einem Mal das Zepter abgeben - wahrscheinlich, weil sich ein Asteroid mit der milliardenfachen Kraft der Hiroshimabombe in die Erde bohrte und einen tiefen Krater sprengte.

Heute allerdings sind Tyrannosaurus rex und Co. wieder auferstanden - nicht nur im Kino. Auch bei Wissenschaftlern schnellt momentan die Dinofieberkurve wieder nach oben. Verantwortlich hierfür sind nicht zuletzt Forscher der Fraunhofer-Institute für Integrierte Schaltungen (IIS) und für Zerstörungsfreie Prüfverfahren (IZFP). Sie können nach eigenen Angaben eine Weltpremiere der paläontologischen Art feiern - gelang es doch erstmals, ein urzeitliches Dinosaurier-Skelett mit Hilfe von Röntgen-Computertomografie wieder sichtbar zu machen.

"Bei dem Untersuchungsobjekt handelt es sich um eine steinharte kieselhaltige Kalkplatte, in der ein Stück Halswirbelsäule und ein Teil vom Kopf eines 150 Millionen Jahre alten Reptils eingebettet ist", erklärt Projektleiter Randolf Hanke vom Entwicklungszentrum für Röntgentechnik am Fürther IIS. Dass die Wissenschaftler das Fossil überhaupt untersuchen können, ist zwei Hobby-Paläontologen zu verdanken. Die hatten im Sommer 1998 die in zwei Teile zerbrochene Platte in einem Steinbruch in Schamhaupten (Landkreis Eichstätt) entdeckt.

Als ein Präparator des Jura-Museums in Eichstätt das erste Fossil-Teil ihres Fundes Schicht für Schicht untersuchte und dabei einen Kopf mit überdimensionalen Zähnen freilegte, war die Sensation perfekt. Zum Vorschein kam ein acht Zentimeter großer Schädel eines zweibeinigen fleischfressenden Zwergdinosauriers.

Die Knochen stammten von einem Jungtier einer bis dato völlig unbekannten Theropoden-Art. Der Direktor des Jura-Museums Eichstätt Günter Viohl geht davon aus, dass der Minidino ein Vorfahr des Urvogels Archäopteryx ist. Wahrscheinlich ist er eine Million Jahre älter als seine zuvor ausgegrabenen Artgenossen.

Trotz intensiver Analyse des einen halben Meter langen und drei Zentimeter dicken Steinstücks und des Einsatzes von Röntgenverfahren konnten die Eichstätter Wissenschaftler die archaischen Relikte des zweiten Fossils nicht durchleuchten. Was ihnen in zwei Jahren Arbeit nicht gelang, lösten die Fraunhofer-Ingenieure jetzt mit Hilfe eines speziellen Röntgenverfahrens innerhalb weniger Stunden: Sie machten die versteinerten Dino-Knochen sichtbar.

Doch so schnell die Analyse ging, so nüchtern gestaltet sich das Resultat. Von dem in der Gesteinsschicht vermuteten Skelett sind nur wenige Teile vorhanden - was die Vermutung nahe legt, dass der restliche Saurier in noch nicht gefundenen Steinplatten schlummert.

"Für Paläontologen ist diese Untersuchung trotzdem eine Sensation", berichtet Hanke. "Zum einen stammt das Skelett von einer bisher unbekannten Saurierart, zum anderen macht das Röntgen die Arbeit der Präparatoren wesentlich einfacher." Die Mitarbeiter wüssten nun genau, ob in einem Stein Knochen zu finden sind und an welcher Stelle sie mit ihrer "akribischen und äußerst aufwendigen Feinarbeit" beginnen können.

Bei der von den Fraunhofer-Forschern eingesetzten "Volumen-Computertomografie" nehmen Röntgensensoren das Objekt aus verschiedenen Winkeln auf. Dabei entstehen bis zu 1200 Durchscheinbilder, die allerdings für sich genommen dem menschlichen Augen keine Informationen über die Knochen liefern. Aus den einzelnen Flächenprojektionen wird schließlich das Objekt rekonstruiert.

"Die 3D-Computertomografie ermöglicht es, innen liegende Strukturen exakt zu vermessen und - wenn gewünscht - zu visualisieren", so Hanke. Schwache Absorptionsunterschiede zwischen Fossil und Stein, die in einfachen Durchstrahlbildern nicht mehr sichtbar sind, können so verstärkt werden.

Dass der computertomografisch zu Leben erweckte Mini-Raubsaurier, der auf Grund eines mutmaßlichen Fells den liebevollen Spitznamen "Borsti" trägt, zeitgleich mit seinen Nachkommen der Öffentlichkeit vorgestellt wird, war keineswegs beabsichtigt. "Wir wurden bereits gefragt, ob die zeitgleiche Veröffentlichung unserer Ergebnisse mit dem Kinostart von 'Jurassic Park III' ein Marketing-Gag sei", sagt Hanke. "Das passt uns zwar gut ins Konzept - aber es ist wirklich nur ein Zufall."

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