Ungewöhnliche Forschung Liebe Leserin, lieber Leser,


Bob Kay, um die 50 Jahre, grauer Bart, graue Haare, Typ Gymnasiallehrer, sitzt auf dem steinernen Boden seiner Villa in Kalifornien und redet über die Apokalypse. Der US-Amerikaner hat viel Geld mit Vitaminpräparaten verdient und ist sich sicher: Der Weltuntergang steht bevor. Jederzeit rechnet er im erdbebengefährdeten Kalifornien mit einer riesigen Erschütterung, die die komplette Infrastruktur zerstört. Einkaufen, tanken, Geld abheben: Alles nicht mehr möglich.

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Heft 25/2019
Weniger Gefühl, mehr Politik - wie sich die Grünen auf die Macht vorbereiten

150.000 Dollar hat Kay ausgegeben für eine Katastrophe, die vielleicht nie kommen wird. Er bunkert Nahrungsmittel, hat Hunderte essbare Pflanzen angebaut und das Wasser in seinem Pool lässt sich in Trinkwasser verwandeln. Seine Kinder dürfen deshalb nur abends darin baden, damit keine Sonnencreme das Poolwasser kontaminiert.

VIDEO: Warum Menschen im Bunker leben

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Kay ist ein Prepper, vom englischen "to be prepared", was so viel heißt wie vorbereitet sein. "National Geographic" hat Kay und andere Prepper vor einigen Jahren für eine Dokumentation begleitet. Seitdem ist die Community gewachsen. In Deutschland leben zwischen 10.000 und 180.000 Prepper, schätzen Behörden. Die Übergänge zu "Reichsbürgern" und Waffennarren mit extremistischen Überzeugungen sind laut einem Lagebericht des Bundeskriminalamts und des Verfassungsschutzes fließend.

Boris Suntsov/ Getty Images

Doch längst nicht alle, die sich mit dem Ende der Welt beschäftigen, sind Spinner. Mitte Mai trafen sich in Berlin Forscher aus aller Welt zum Wissens-Festival "Children of Doom", die Kinder des Weltuntergangs. Zum Programm gehörten Überlebenstraining, Bootsbau aus PET-Flaschen und ein DIY-Repair-Parcours.

Mit dabei war auch Lewis Dartnell, der britische Astrobiologe gilt als Koryphäe, wenn es um das Leben nach dem Weltuntergang geht. Was die Ursache war, Meteoriteneinschlag, Vulkanausbruch oder nuklearer Unfall, ist nebensächlich. Suchen Sie sich eine aus. Die Ausgangslage seines Gedankenexperiments ist immer gleich: Die Gesellschaft ist zusammengebrochen, und nur wenige Menschen haben überlebt.

Was ist in so einer Situation als Erstes zu tun? Dartnell empfiehlt: Suchen Sie sich einen Feuermelder, Stahlwolle, eine PET-Flasche und Konservendosen. Halten Sie die Batterie aus dem Feuermelder an die Stahlwolle und schon fliegen die Funken für ein hübsches Lagerfeuer. Die PET-Flasche füllen Sie mit Pfützenwasser und stellen diese für gut sechs Stunden in die Sonne. Die UV-Strahlen töten fiese Krankheitserreger. Mit den Konservendosen lässt sich ein Holzvergaser bauen. Wie genau das geht, erklärt Dartnell in diesem Video.

Um Essen müssen Sie sich laut Dartnell in den ersten Jahren übrigens keine Sorgen machen, wenn Sie den nächstgelegenen Supermarkt plündern. Das Angebot eines durchschnittlichen britischen Supermarktes sollte reichen, um einen Einzelnen für gut 55 Jahre zu ernähren, rechnet Dartnell vor. Mit Tiernahrung schafften Sie sogar 63 Jahre.

Wärme, Wasser, Essen: Die Grundbedürfnisse wären gedeckt. Nun geht es daran, die Gesellschaft wiederaufzubauen. Das dürfte laut Dartnell kniffliger werden und könnte einige Jahre dauern.

Entscheidend sei, die Landwirtschaft so zu modernisieren, dass ein Bauer neun Menschen ernährt, die sich dann auf andere wichtige Dinge spezialisieren können wie Medizin, Stricken und Bürokratie. Gerade den letzten Punkt sollten Sie nicht unterschätzen. Tontafeln mit Bestandslisten gehören zu den frühesten Schriftquellen der Menschheit. Als Archäologin kann ich versichern: Bürokratie ist der Kitt, der komplexe Gesellschaften zusammenhält.

Natürlich geht es Dartnell nur um ein Gedankenexperiment. Er glaubt nicht wirklich, dass der Weltuntergang bevorsteht. Doch erst in der vergangenen Woche warnten Friedensforscher, dass das Risiko für eine nukleare Katastrophe steige. Es schadet also nicht, vorbereitet zu sein.

Ihre

Julia Köppe

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Aliens, Meteoriteneinschläge, Supervulkane: Was wird die Erde ins Verderben stürzen? Hier erfahren Sie, wie realistisch die einzelnen Szenarien sind.
  • Ein weiterer Klassiker aus dem SPIEGEL-Weltuntergangs-Fundus: Am 21. Dezember 2012 endete ein 400-jähriger Maya-Kalender. Meine Kollegen Thorsten Dörting und Stefan Kuzmany dokumentierten in einem Liveticker, wie sie den Tag des Weltuntergangs erlebten, bis ein Betriebsrat die Apokalypse stoppte.
  • Sie haben noch immer nicht genug vom Weltuntergang? Lewis Dartnell hat seine Tipps für den Doomsday in einem Handbuch zusammengefasst und verrät darin alles, was man wissen muss, wenn nichts mehr geht.
  • Forscher halten die Möglichkeit eines größeren Asteroideneinschlags auf der Erde übrigens für nicht abwegig. Kürzlich testeten Experten der Europäischen Weltraumorganisation Esa in einem Planspiel, wie so ein Einschlag noch abzuwenden wäre.
  • Bei so viel Weltuntergang vielleicht noch etwas zur Beruhigung: Eine Kunstaktion des Brooklyn Botanic Garden in New York macht nun hörbar, was nicht hörbar scheint: die Geräusche, die Pflanze beim Wachsen machen.
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Quiz

"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)
  • Was bedeutet Apokalypse wörtlich?
  • Anhänger welcher Religionsgemeinschaft sagten für 1914, 1918 und 1975 den Weltuntergang voraus?
  • Wer soll den Satz gesagt haben: "Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen"?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter

Bild der Woche

ZUMA Wire/ Zuma Press / action press

Sieben Kilometer hoch reicht die Aschewolke, die der Vulkan Sinabung in Nordsumatra in die Atmosphäre stößt. Bei seinem Ausbruch Anfang Juni versetzte er die Bewohner der indonesischen Insel wieder in Angst. Vor neun Jahren hatte der Vulkan zum ersten Mal seit Jahrhunderten Asche gespiehen, Tausende Menschen mussten damals evakuiert werden. Seitdem kommt der Sinabung kaum noch zur Ruhe.

Fußnote

2500 Jahre alte Spuren von Cannabis haben Forscher an Feuerstellen in westchinesischen Gräbern entdeckt. Analysen ergaben, dass der Gehalt an THC, der wichtigsten psychoaktiven Substanz, gegenüber den meisten wilden Hanf-Pflanzen erhöht war. Die Forscher vermuten, dass die Menschen das Cannabis gezielt wegen seiner Rauschwirkung verbrannten, vermutlich bei Beerdigungen. Unklar ist, ob sie die Rauschpflanzen schon damals züchteten.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Entschleierung / Zeugen Jehovas / Martin Luther, er selbst verschob das Datum für den Weltuntergang mehrfach, von 1532 auf 1538 auf 1541

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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
muellerthomas 15.06.2019
1.
Dartnell geht von einem Naturkatastrophen-Szenario aus, bei dem Milliarden Menschen sterben. Da stellt sich die Frage, wieso die Supermärkte das mehr oder weniger unbeschadet überstehen. Abgesehen davon sind nach meiner Erfahrung die meisten deutschen Prepper/Reichsbürger/Goldbugs eher der Überzeugung, dass die Katastrophe ein Zusammenbruch von Wirtschaft und Gesellschaft sein wird ggf. verbunden mit Terror. In diesen Szenarien sind nicht Milliarden Menschen direkt tot, sondern es kommt zu einem Kampf um die letzten Ressourcen. Das ist ja gerade ein Grund für den Hang zur Bewaffnung.
vox veritas 15.06.2019
2.
Die Vorräte aus dem Supermarkt reichen nicht 50 Jahre, sondern weniger als zwei Tage, weil dann nämlich alle, also wirklich: ALLE anfangen werden, Supermärkte zu plündern
James Blönd 15.06.2019
3. Als der Mayakalender unterging
Den Liveticker vom 21.12.2012 kann ich wirklich empfehlen. Der war ein echtes Highlight hier auf Spiegel online: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/maya-mythos-liveticker-zum-weltuntergang-a-874126.html
zeichenkette 15.06.2019
4. Es gibt Leute...
Es gibt Leute, die einen solchen Kollaps förmlich herbeiwünschen, weil dann die ganze Komplexität der modernen Welt, an der sie scheitern, verschwinden würde und ihre angeblich überlegenen Überlebensfähigkeiten dann wichtiger wären als Ausbildung und andere Dinge, die nur in dieser Welt hier zählen, aber nicht in jener. Das ist natürlich eine Rechnung ohne den Wirt, und dieser Wirt werden die Millionen hungriger und verzweifelter Menschen sein, gegen die auch Vorräte und Bewaffnung nicht viel helfen werden. Das hat immer was von jugendlichen Superhelden-Phantasien, die im Ernstfall zusammenfallen werden wie ein Kartenhaus im Sturm... Die einzige Möglichkeit, sich auf sowas vorzubereiten, besteht eben darin, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Deshalb sind solche Prepper so brandgefährlich, denn sie WOLLEN, dass es so weit kommt und beteiligen sich mit Begeisterung an jeder Art von Destabilisierung, weil sie sich ja nicht nur immun gegen die Folgen wähnen, sondern glauben, dass sie dann endlich mal was zu sagen hätten. Hätten sie dann vielleicht sogar, eine Zeit lang. Aber dann wird der Kater kommen wie nach jeder besoffenen Nacht.
Theophanus 15.06.2019
5. Fakt ist...
...das wir mit unserer hochtechnisierten Gesellschaft gerade in den letzten Jahren immer fragiler wurden. Unsere Kommunikationssysteme auf digitaler Basis ist nur mit Hochtechnologie zu nutzen und bricht schneller zusammen, als man bis 5 zählen kann. Kommt heute noch einmal eine Pandemie wie 1918 wäre in einer Woche das öffentliche Leben, Gesundheits-, Nahrungsmittel- und sonstige Versorgung in sich zusammengebrochen. Das sollte man mal bedenken.
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