Wissenschaft

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Geister, Aliens, Talismane

Warum sind Menschen abergläubisch?

Viele Menschen glauben an Übersinnliches, auch wenn sie sich sonst im Leben lieber an die Fakten halten. Wie kann das sein? Es gibt eine mögliche Erklärung.

Von Henning Engeln

DPA

Vierblättriges Kleeblatt

Dienstag, 27.12.2016   19:56 Uhr

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Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 trug Bundestrainer Joachim Löw einen blauen Pulli mit V-Ausschnitt. Es schien zu helfen, immerhin bis zum Halbfinale gegen Spanien. Seither gilt das Outfit vielen Fußballfans als Glücksbringer.

Das passt ins Bild: 2005 gaben rund 40 Prozent der Deutschen in einer Umfrage an, in vierblättrigen Kleeblättern Zeichen des Glücks zu sehen und ein erheblicher Teil der Amerikaner hält Astrologie für eine Wissenschaft.

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Obwohl wir in einer von der Vernunft beherrschten Zeit leben, glauben noch immer erstaunlich viele Menschen an Glücksbringer, pflegen seltsame Rituale oder sind von übernatürlichen Phänomenen überzeugt. Selbst manche Wissenschaftler halten Geister, Außerirdische oder andere übernatürliche Dinge für existent. Woran liegt das?

Ein Kopf, zwei Denkmuster

Eine mögliche Erklärung liefert der Blick ins Gehirn. Einige Forscher glauben, dass es unterschiedliche Arten gibt, die Wirklichkeit zu sehen - und dass beide in ein- und demselben Menschen vorkommen können. So als hätte er zwei verschiedene Gehirne in seinem Kopf. Tatsächlich handelt es sich dabei allerdings um unsere beiden Gehirnhälften, die ganz unterschiedlich arbeiten.

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Die linke Hemisphäre unseres Denkorgans ist auf sprachliche, mathematische, logische Fähigkeiten spezialisiert und funktioniert mehr rational, die rechte dagegen ist vor allem bei der Gesichtserkennung, Kreativität sowie Vorstellungskraft stark und tickt intuitiver. Tatsächlich stellte sich in einer kleinen Studie mit 40 Frauen heraus, dass bei Menschen mit Hang zum Übersinnlichen die rechte - also die intuitive - Hirnhälfte dominiert.

Die Wurzel des Aberglaubens

Für Evolutionsbiologen ist die Existenz unterschiedlicher Systeme des Denkens nicht überraschend. Denn das bewusste, logische und auf Vernunft basierende Schlussfolgern des Homo sapiens ist eine recht neue Errungenschaft. Doch es gibt auch ein älteres, schon bei Tieren vorhandenes System, das Erfahrungen intuitiv, gefühlsbetont und unbewusst verarbeitet - und in ihm liegt eine wesentliche Wurzel des Aberglaubens.

Wie dieses System arbeitet, zeigen Forschungen, die der amerikanische Psychologe Burrhus Fr. Skinner bereits 1948 an Tauben gemacht hat. Dabei erhielten die hungrigen Vögel regelmäßig alle 15 Sekunden aus einer Öffnung in ihrem Käfig etwas Futter. Erstaunlicherweise entwickelten die Tiere schnell seltsame Rituale, mit denen sie die Wartezeit bis zur nächsten Futterbelohnung überbrückten.

Die einen machten währenddessen Pirouetten, die nächsten hielten ihren Kopf in eine Ecke des Käfigs, andere nickten auffällig mit dem Kopf.

Die Erklärung: Die Tauben hatten rein zufällig eine bestimmte Bewegung gemacht, als das Futter hereinpurzelte und dieses Verhalten mit der Belohnung in Zusammenhang gebracht. Als sie die Bewegung wiederholten und dann erneut Futter erhielten, fühlten sie sich bestärkt und nahmen an, ihr Verhalten habe etwas damit zu tun, dass sie belohnt wurden. Ein Ritual war geboren.

Medizinirrtümer gehen auf das Phänomen zurück

Viele weitere Experimente bestätigten dieses unbewusste Konstruieren von Zusammenhängen: Tiere wie Menschen assoziieren bestimmte Ereignisse mit ihrem Verhalten. Und das ist oft sinnvoll. Hat zum Beispiel ein kranker Urmensch ein bestimmtes Kraut gegessen und wurde anschließend gesund, wirkte die Pflanze vermutlich heilend und sollte auch beim nächsten Mal helfen.

Gerade in der Medizin führt diese Art zu denken, jedoch leicht auch in die Irre: Wenn etwa ein Schamane ein bestimmtes Ritual zelebrierte und ein Kranker anschließend aus ganz anderen Gründen gesundete, fühlte sich der Schamane bestärkt und sah in seinem Verhalten die Ursache für die Heilung. Heutzutage halten viele Menschen aus dem gleichen Grund Homöopathie für wirksam.

Warum wir Gespenster sehen

Und auch dafür, dass wir häufig Gespenster sehen, gibt es eine wissenschaftliche Erklärung: Menschen sind sehr gut darin, Gesichter zu erkennen und zu interpretieren. In der Steinzeit war es von entscheidender Bedeutung, auch hinter Bäumen oder Gräsern das Gesicht eines Feindes zu erahnen und einzuschätzen, ob jemand freundlich oder feindlich gesinnt war.

Heute neigen manche Menschen dazu, überall Gesichter auszumachen oder Muster zu erkennen - vor allem in nächtlicher, unheimlicher Umgebung. Und so erblicken sie geisterhafte Erscheinungen, die nicht in Wirklichkeit vorhanden sind.

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