Christian Stöcker

Klimakrise Ihnen ist heiß? Das ist erst der Anfang

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Deutschland ächzt, in Sibirien wächst das "Tor zur Unterwelt". Unklar ist, wie lang die Hitzewelle dauern wird. Klar ist: Die Klimakrise tötet schon jetzt. Klimapolitik muss radikaler werden - und viel schneller.
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Rainer Droese/ imago images/localpic

Das Tor zur Unterwelt liegt in Sibirien und es wächst immer schneller. "Tor zur Unterwelt", so nennen die Einheimischen den sogenannten Batagaika Megaslump in Nordsibirien, den größten Thermokarst-Krater der Erde. Er ist, im Moment, gut einen Kilometer lang und hat aus der Luft betrachtet in etwa die Form einer Kaulquappe.

Derzeit wächst der Krater um etwa zwölf bis 14 Meter pro Jahr. Bis vor Kurzem waren es noch zehn Meter. Gelegentlich brechen Brocken "so groß wie Autos" von seinen Steilhängen ab und stürzen in das Riesenloch. Der schmelzende Boden knackt und ächzt permanent .

All das liegt daran, dass der sibirische Permafrost auftaut, und zwar immer schneller, 70 Jahre früher als prognostiziert . In Sibirien liegen die Temperaturen derzeit manchmal tagelang 15 bis 20 Grad Celsius über den bisher normalen Durchschnittstemperaturen . In Verkhoyansk in der Nähe des Batagaika-Kraters, einem der normalerweise kältesten Orte auf dem Planeten, war es im Juni 38 Grad heiß. Das ist die höchste jemals in arktischen Regionen gemessene Temperatur. Auch im arktischen Teil Kanadas liegen die Temperaturen im Moment mehr als 20 Grad zu hoch für die Jahreszeit. Das arktische Meereis ist auf einem historischen Tiefstand, das freigelegte Meerwasser erwärmt sich zusätzlich.

Rußschwarzer Teufelskreis

Die Ursache für all diese extrem beunruhigenden Entwicklungen ist, da kann es kaum noch begründete Zweifel geben, der menschengemachte Klimawandel. Das aus internationalen Fachleuten bestehende World Weather Attribution Project hat kürzlich errechnet, dass die sibirische Hitzewelle, die schon viele Monate andauert, durch den menschengemachten Klimawandel 600-mal wahrscheinlicher wurde .

Gleichzeitig wird diese Hitzewelle selbst, genau wie die der vergangenen Jahre, die Erhitzung der Erdatmosphäre weiter beschleunigen: In Sibirien brennt es immer wieder auf riesigen Flächen, Millionen Hektar Wald sind schon verbrannt. Der rußschwarze Boden erwärmt sich in der Sonne noch schneller, der tauende Boden setzt CO2 und das hochpotente Treibhausgas Methan frei. Der Permafrost ist einer der sogenannten Kipppunkte des Weltklimasystems .

Zehntausende Tote, Schäden in Milliardenhöhe, schon jetzt

In Russland verursacht all das längst jährlich Schäden in Milliardenhöhe. Neben den gigantischen Waldbränden gehören zu den Folgen auch einstürzende Wohngebäude oder Katastrophen wie die von Norilsk, wo Anfang Juni 20.000 Tonnen Dieselöl ausliefen, weil das Fundament eines Tanklagers abgesackt war . Die Auswirkungen der Hitze für die lokale Landwirtschaft sind schon seit Jahren katastrophal .

Auch bei uns ist es im Moment sehr heiß und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es noch eine Weile so bleiben wird. Solche extremen Hitzewellen werden in Zukunft keine Ausnahmeerscheinungen mehr sein, sondern immer häufiger auftreten. Die Klimakrise hat längst begonnen . Und sie tötet viele Menschen, schon jetzt. Der europäischen Hitzewelle von 2003 fielen einer Studie zufolge 70.000 Menschen zum Opfer . "Die globale Erwärmung stellt eine neue Gesundheitsgefahr in einem alternden Europa dar", schrieben die Autoren. Das war 2008.

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Namen für Hitzewellen, so wie für Wirbelstürme

Eine stiftungsfinanzierte Allianz in den USA setzt sich jetzt dafür ein, dass Hitzewellen künftig Namen bekommen , so wie Hurrikane. Im Kern geht es dabei um ein psychologisches Ziel: Hitzewellen sollen endlich als die Gefahr ins öffentliche Bewusstsein dringen, die sie tatsächlich darstellen. "Diese Extremhitzekrise kann nicht weiterhin der 'schweigende Killer' bleiben, der sie derzeit ist", so begründen die Initiatoren der Studie den Vorstoß . Die Menschen müssten lernen, sich auf extreme Hitze angemessen vorzubereiten.

Vielerorts wird Vorbereitung allerdings nicht reichen: Wenn wir nicht endlich massiv gegensteuern, wird es in vielen Gegenden, die heute dicht besiedelt sind, in einigen Jahrzehnten schlicht zu heiß zum Leben sein. "Eine bis drei Milliarden Menschen werden unserer Prognose zufolge außerhalb der Klimabedingungen leben, die der Menschheit in den vergangenen 6000 Jahren gute Dienste geleistet haben", heißt es in einer im Mai erschienenen Studie .

Lebenslange Schande

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat diese Woche zugegeben, "dass wir in den letzten Jahren auch Fehler gemacht und zu spät gehandelt haben" in Sachen Klimapolitik. Wenige Wochen nach der Verabschiedung des falsch benannten Kohleausstiegsgesetzes, das eigentlich Kohleverstromungsverlängerungsgesetz heißen müsste, angesichts des Einflusses organisierter Windkraftgegner in seinem eigenen Ministerium, angesichts der nach wie vor lächerlich niedrigen CO2-Steuer, die erst im kommenden Jahr tatsächlich in Kraft treten wird, klingt das Bekenntnis des Wirtschaftsministers reichlich hohl.

Ähnliche Wortmeldungen wird man in den kommenden Monaten und Jahren aber immer häufiger hören. Sie werden schamvoller und verzweifelter werden, denn die Folgen von 30 Jahren verfehlter Klimapolitik, und die des immer noch andauernden, tödlichen Zögerns werden jedes Jahr deutlicher zutage treten. Dass zur Abwendung dieser Katastrophe nicht entschlossen gehandelt wurde, wird die globale Politikergeneration von heute als lebenslange Schande begleiten.

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Ein bisschen Reue reicht nicht

Im Moment reden sich viele, die derzeit politische Macht ausüben, vermutlich ein, dass sie doch jetzt endlich etwas tun. Die Autoren einer vor wenigen Wochen erschienenen Studie kommen allerdings zu dem Schluss, dass auch klimapolitisch "progressive" Länder, exemplarisch durchgerechnet an den Beispielen Schweden und Großbritannien, mit ihren aktuellen Plänen keinesfalls die ohnehin nicht allzu ambitionierten Ziele des Pariser Klimaabkommens werden einhalten können . Eine wirklich wirksame Klimaschutz-Agenda sei durchaus möglich, sie erfordere aber "grundlegende Änderungen vieler Facetten von industrialisierten Volkswirtschaften", so die Autoren. Diese Woche erschien eine Studie, der zufolge der CO2-Ausstoß der vergangenen 15 Jahre dem schlimmsten der Szenarien des Weltklimarates IPCC entspricht.

Halbherzige Reuebekenntnisse, die sich nur auf Versäumnisse der Vergangenheit beziehen, werden uns nicht retten. Die Bundesregierung und die Europäische Kommission müssen sich endlich ihrer Verantwortung stellen - genauso entschlossen, wie sie es im Umgang mit dem Coronavirus tun.

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