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09. August 2019, 05:00 Uhr

Entwicklung aus Schottland

Künstliche Zunge erkennt Whisky-Fälschungen

Auf dem Markt für seltene Whiskys kursieren immer mehr Fälschungen. Schottische Forscher haben einen Sensor getestet, der Sammlern verrät, wo sich Investitionen lohnen. Doch die Entwicklung hat einen Haken.

Es gibt Studien, da verrät schon der Name, dass die Forscher möglicherweise Spaß bei ihrer Arbeit hatten. Ein Artikel aus dem Fachblatt "Nanoscale" ist so ein Fall. Der Titel des Papers lautet: "Whisky tasting using a bimetallic nanoplasmonic tongue".

Hier dürfte auch der Laie erkennen: Es geht um Whisky. Um richtig guten Whisky.

Für die Arbeit haben die Wissenschaftler um Alasdair Clark von der University of Glasgow einen Sensor entwickelt. Er kann beispielsweise 18 Jahre alten Single Malt von billigem Fusel unterscheiden. Im Labor verwendeten die Schotten Whisky der bekannten Qualitätsmarken Glenfiddich, Glen Marnoch and Laphroaig.

Die künstliche Zunge sei sogar in der Lage, mit einer Genauigkeit von mehr als 99 Prozent feine Unterschiede zu erkennen. Beispielsweise, ob der Whisky von einer Marke noch in einem ehemaligen Sherry- oder Rum-Fass gereift war. Auch Altersunterscheidungen sind möglich: zwölf, 15 oder 18 Jahre alte Sorten konnte der Sensor problemlos auseinanderhalten.

Für die Entwicklung brachten die Forscher winzige Metallplättchen aus Gold und Aluminium auf einer Glasscheibe auf. Wird Whiskey auf dieses schachbrettartige Muster gegeben, erkennt der Sensor, wie das Licht durch die Flüssigkeit absorbiert wird. Die Gold und Aluminiumstücke registrieren Farbveränderungen. Vereinfacht gesagt, wird für jede Flüssigkeit aufgrund unterschiedlich gemessener Wellenlängen ein individueller Fingerabdruck erstellt. Er ermöglicht es, Flüssigkeiten zu unterscheiden. Das Gerät funktioniere ähnlich wie unsere Zunge, die man trainieren könne, um ein bestimmtes Geschmacksprofil zu erkennen und es von anderen abzugrenzen, so Clark.

Hintergrund der merkwürdig anmutenden Forschung: Rare Whiskyflaschen haben sich in den vergangenen Jahren zu lohnenden Geldanlagen entwickelt. Für seltene und ungeöffnete Flaschen von Destillen, die es teils längst nicht mehr gibt, zahlen Sammler Tausende Pfund. Im vergangenen Jahr wurde in Schottland bei einer Auktion für einen 60 Jahre alten Macallan umgerechnet knapp eine Million Euro bezahlt - für eine einzelne Flasche.

Wo sich viel Geld verdienen lässt, sind Betrüger nicht weit. Immer häufiger stoßen Experten auf Fälschungen, bei denen billigerer Whisky eingefüllt wird oder Etiketten gefälscht wurden. Bekannt wurde der Fall eines Chinesen, der 2017 rund 10.000 Franken (etwa 8500 Euro) für ein Glas eines angeblich 1878 gebrannten Macallan bezahlte.

Die Flasche wurde extra für ihn geöffnet, allerdings handelte sich um eine Fälschung mit nachgemachtem Etikett. Der Whisky stammte tatsächlich aus den Siebzigerjahren und war dazu nicht mal ein Single Malt sondern ein Blended Scotch. Das hatte ein Labortest ergeben. Der Hotelier, der das Glas an den Gast verkauft hatte, war selbst auf einen Fälscher hereingefallen.

Künstliche Zungen sind nicht neu, Forscher haben sie schon früher konstruiert. Eine ähnliche Entwicklung hatten Wissenschaftler um Uwe Bunz von der Universität Heidelberg 2017 vorgestellt. Auch ihre Entwicklung konnte Whiskymarken und deren Alter unterscheiden. Laut Bunz ist ihre Produkt inzwischen patentiert.

Die Forscher um Clark schreiben, dass ihre Entwicklung die erste sei, die mit zwei unterschiedlichen Metallen funktioniere. Das erlaube schnellere und genauere Analysen. Clark betont, dass der Sensor zudem nicht nur für Whisky entwickelt wurde. Er könne auch andere Flüssigkeiten analysieren.

Im Video: Weltrekord bei Versteigerung

Solche Sensoren eignen sich beispielsweise für einen Qualitätscheck in der Lebensmittelproduktion. Damit können Unternehmen überprüfen, ob sie langfristig ein gleichbleibend hohes Niveau eines Produkts herstellen können. Bei der Herstellung von Maltwhisky beispielsweise werden teils Tropfen aus unterschiedlichen Destillen miteinander vermischt, aber dennoch unter einem Markennamen herausgegeben. Mit einer Entwicklung wie der nun vorgestellten könnten die sogenannten Masterblender die Qualität ihres Whiskys leichter prüfen.

Ein Problem für Whiskysammler können die Forscher aber nicht lösen: Für eine Probe, die verrät, ob die Spirituose ihr Geld wert ist oder nicht, muss man die Flasche öffnen. Doch in diesem Augenblick verliert sie dramatisch an Wert und ist für Sammler, die auf langfristigen Profit hoffen, nicht mehr interessant. Auch Whisky verfällt und verliert seinen Geschmack, wenn der Korken einmal gezogen wurde und Sauerstoff eingedrungen ist.

joe

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