WHO-Kampagne Checkliste soll Operationen sicherer machen

Was helfen soll, kann auch schaden: Jährlich gibt es 234 Millionen Operationen weltweit, häufig mit Komplikationen. Die Weltgesundheitsbehörde will jetzt einen globalen Sicherheitsstandard etablieren - mit Hilfe einer einfachen Checkliste.

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Ein Bein amputieren, ein Lid straffen, einen Granatsplitter entfernen - weltweit operieren Chirurgen Patienten mit unterschiedlichsten Leiden oder exzentrischen Wünschen. Ihnen allen gemein ist eins: Obwohl die Operation helfen soll, kann sie schaden und sogar das Leben kosten. Rund um den Globus infizieren sich Wunden, vergessen Operateure ein Instrument, werden gesunde Gliedmaßen amputiert. Ein Sicherheitssystem soll diese Risiken jetzt minimieren: Die Weltgesundheitsbehörde WHO hat eine Checkliste für OP-Teams erstellt, die einfache Fehler vermeiden helfen soll.

Nicht immer ohne Komplikationen: Eine Hüft-Operation
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Nicht immer ohne Komplikationen: Eine Hüft-Operation

Jedes Jahr gibt es nach Angaben der WHO 234,2 Millionen medizinische Operationen weltweit. In Industrieländern sterben unterschiedlichen Studien zufolge 0,4 bis 0,8 Prozent der Operierten. In Entwicklungsländern liegt die Zahl der Todesfälle mit 10 bis 15 Prozent viel höher. In Afrika südlich der Sahara stirbt einer von 150 Patienten durch die Narkose, aber auch Infektionen bereiten große Probleme.

Ein Mindeststandard muss definiert werden, entschieden mehr als 200 nationale und internationale Medizingesellschaften und Gesundheitsministerien unter der Leitung von Harvard-Wissenschaftlern. Das Ergebnis ist nun die WHO-Checkliste. Sie füllt lediglich eine DIN-A4-Seite und enthält leicht verständliche Anweisungen. Auf dem Blatt muss ein Mitarbeiter des OP-Teams verschiedene Kriterien überprüfen und abhaken.

Die Operation ist auf dem Blatt in drei Etappen unterteilt: Die Zeit vor der Narkose, den Abschnitt vor dem ersten Schnitt und den Moment, bevor der Operierte den OP-Saal wieder verlässt. Zu den Kontrollen zählen so einfache Schritte wie die Prüfung der Identität des Patienten, die Frage nach Allergien und das Zählen aller Instrumente vor und nach dem Eingriff. Der Beobachter muss auch nach Risiken wie Blutverlust fragen und abklären, ob genug Konserven vorhanden sind oder überprüfen, ob alle Kriterien für die Sterilität eingehalten wurden.

Erste Pilotversuche sind im Auftrag der WHO im Rahmen des Programms "Safe Surgery saves Lives" ("Sichere Chirurgie rettet Leben") bereits gelaufen: Auf allen fünf Kontinenten nahmen acht Kliniken daran teil. Bei rund tausend Patienten sei die Einhaltung der Checklistenstandards bereits von nur rund einem Drittel (36 Prozent) auf mehr als zwei Drittel (68 Prozent) gestiegen, berichtet die WHO. Dadurch sei sowohl die Quote der schweren Komplikationen als auch die Zahl der Todesfälle deutlich gesunken. Abschließende Ergebnisse erwartet die Organisation im September, sagte ein WHO-Mitarbeiter.

Anonyme Fehlermeldung in Deutschland

In deutschen Ärztekreisen trifft die Checkliste auf Zustimmung: "Die Initiative der WHO ist eine sehr vernünftige Sache", meint Rainer Arbogast, Präsident der deutschen Gesellschaft für Chirurgie, auf SPIEGEL ONLINE. "Es gibt eine riesige Menge von kleinen Fehlerquellen, und die gilt es zu minimieren." In Deutschland gibt es allerdings schon längst Kontrollsysteme, die OP-Teams zwingen, mögliche Schwachpunkte zu identifizieren. In Arbogasts Krankenhaus etwa, dem Klinikum Pforzheim, müsse der Stationsarzt immer mit einem Filzstift die Körperseite markieren, die operiert werden solle, um eine Verwechslung zu vermeiden. "Wenn ich bei einem sehr blutigen Eingriff drei Tupfer in die Wunde lege, schreibt das der OP-Springer mit", erzählt Arbogast. "Außerdem hakt die OP-Schwester drei Klemmen an ihr Tuch."

Zudem gibt es das sogenannte Cirs (Critical Incident Reporting System): Dabei melden Chirurgen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie anonym Fehler, die ihnen unterlaufen sind. Die Gesellschaft berät dann im Anschluss, wie die Ärzte solche Fälle in Zukunft vermeiden könnten. Erst im Februar haben 17 Ärzte und Krankenschwestern eine heftige Debatte ausgelöst, indem sie sich öffentlich zu ihren Kunstfehler bekannten. Sie wollten mit der Aktion bewirken, dass mit Behandlungsfehlern offener umgegangen wird.

Obwohl der Standard in den meisten europäischen Krankenhäusern ähnlich hoch ist und sich deutlich von dem in vielen Entwicklungsländern unterscheidet, soll die Checkliste für alle Länder der Welt gelten, so der Plan der WHO. "Das ist durchaus sinnvoll", findet auch Arbogast. "Die Liste kann die Zahl von Komplikationen in Entwicklungsländern wahrscheinlich viel deutlicher verringern als in Europa oder den USA. Aber auch wir sind nicht unfehlbar."



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