Wie bitte? Telefondienst überprüft das Gehör

Rund 15 Millionen Deutsche gelten als schwerhörig, doch längst nicht alle von ihnen gehen zum Arzt - oft aus Unwissenheit und Scham. Ein neuer Test am Telefon, der eine rund 25 Jahre alte Idee wieder aufgreift, soll Hilfe bringen. SPIEGEL ONLINE hat den Ohren-Check getestet.
Telefonnutzerin (auf der London Fashion Week, Februar 2008): "Hörvermögen einfach und diskret überprüfen"

Telefonnutzerin (auf der London Fashion Week, Februar 2008): "Hörvermögen einfach und diskret überprüfen"

Foto: ALESSIA PIERDOMENICO/ REUTERS

Berlin - Ja, der "Hörtest per Telefon"  kostet Geld. Und nein, es ist nicht so, dass die Gebührenansage zu Beginn des Gesprächs besonders leise ist. Für knapp einen Euro pro Anruf ist der Service des Hörtech Kompetenzzentrums für Hörgeräte Systemtechnik aus Oldenburg seit Dienstag erreichbar. Die Zielgruppe: rund 15 Millionen Deutsche, von denen Mediziner glauben, dass sie Hörprobleme haben. Viele von ihnen gehen jahrelang nicht zum Arzt oder Hörgerätetechniker - nicht zuletzt aus Unwissen oder Scham.

"Mit dem Test kann man sein Hörvermögen einfach und diskret von zu Hause überprüfen", sagt Birger Kollmeier. Er hat den Test, der im Rahmen eines Europäischen Forschungsprojekts entwickelt wurde, für Deutschland angepasst: "Es wäre schön, wenn wir in einem Jahr eine Million Menschen erreichen." Die Zielgruppe gilt ohnehin als groß genug: Experten gehen davon aus, dass 60 Prozent aller Menschen über 70 Jahre Kandidaten für ein Hörgerät wären.

Zum Start des Tests erklärt eine Männerstimme, was in den kommenden rund fünf Minuten passieren wird - ganz, ganz langsam und überdeutlich. "Die Schwierigkeit wird sich während des Tests ändern - und es ist ganz normal, dass Sie nicht alles verstehen." Die Ansprechhaltung richtet sich eindeutig an ein älteres Publikum.

Dann folgt der eigentliche Test: Es geht darum, Sprache innerhalb einer Geräuschkulisse zu verstehen - eine Herausforderung, mit der schwerhörige Menschen in der Praxis oft zu kämpfen haben. Eine Frauenstimme spricht jeweils drei Ziffern, die von einem mehr oder weniger starken Störgeräusch überlagert werden. Die Lösungen müssen über die Zifferntastatur des Telefons eingegeben werden. Wer häufig richtig liegt, für den wird der Schwierigkeitsgrad erhöht. Wessen Antworten dagegen auf schlechtes Hörvermögen schließen lassen, der bekommt fürderhin einfacheres Klangmaterial serviert. Bis zu 27 Durchgänge kann ein Hörtest auf diese Weise dauern.

Das dynamische Verfahren ist das Innovative an dem Ansatz - der Test verläuft für jeden Teilnehmer anders. Davon abgesehen sind Hörtests per Telefon allerdings alles andere als neu. Schon Mitte der achtziger Jahre entwickelte der Münsteraner HNO-Arzt Hans-Joachim Radü ein Verfahren, mit dem er vor allem die Schwerhörigkeit unter Kindern bekämpfen wollte. 1985 gab es dafür den Hufelandpreis, eine der wichtigsten Medizinerauszeichnungen in Deutschland. Später betrieb auch die "Fördergemeinschaft Gutes Hören" einen Telefontest für Menschen, die die Frage umtrieb, wie sehr sie ihren Ohren noch trauen können.

Die gemeinnützige Hörtech GmbH, die zu 51 Prozent der Uni Oldenburg und zu 49 Prozent dem Hörzentrum Oldenburg gehört, betreibt das neue Angebot und wirbt damit, dass ihr Ansatz bessere Ergebnisse verspricht: "Es wird hier viel feinfühliger getestet. Man erreicht nicht nur stark Schwerhörige, sondern auch weniger stark Betroffene", sagt Martin Blecker von der Union der Hörgeräteakustiker.

Am Ende des Tests werden die Anrufer in drei Kategorien einsortiert: Normalhörende und Menschen mit Anhaltspunkten für eine Hörschädigung müssen sich noch keine allzu großen Sorgen machen. Es gibt aber noch eine dritte Kategorie: "Die meisten Menschen hören besser als Sie." Wer das hört - oder auch nicht -, sollte einen HNO-Arzt oder Hörgeräteakustiker konsultieren. Denn deren Arbeit, das betonen auch die Macher des Tests, kann auch die Ferndiagnose am Fernsprecher nicht ersetzen.

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