Kindheitserinnerungen Wie das Fotoalbum das Gedächtnis austrickst

Blumige Erzählungen und Fotos aus der Vergangenheit können Erinnerungen in unser Gedächtnis zaubern, die gar nicht stimmen. Die Rechtspsychologin Julia Shaw erklärt, wie das alltägliche Phänomen funktioniert.

Sie kennen die Situation: Sie sitzen mit Ihrer Familie am Frühstückstisch und erinnern sich an die guten alten Zeiten. Stellen wir uns vor, Ihre Tante holt das Familienalbum aus dem Schrank. Sie erzählt zu einem Foto von Ihnen im Kindergarten die Geschichte, wie Sie damals die Erzieherin verehrt haben und ihr jeden Tag ein Bild mit Herzchen gemalt haben. Die ganze Familie schmunzelt darüber, wie süß Sie früher waren.

Zur Person
Foto: Boris Breuer

Julia Shaw, 1987 in Köln geboren und in Kanada aufgewachsen, lehrt und forscht an der London South Bank University auf dem Gebiet der falschen Erinnerungen. Die Rechtspsychologin berät Polizei, Bundeswehr und Rechtsanwälte bezüglich ihrer Befragungsmethoden. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt sie regelmäßig über unser trügerisches Gedächtnis.

Aber was wäre, wenn diese Erinnerung nicht stimmte? Würden Sie Ihrer Tante etwas glauben, das vielleicht nie passiert ist? In meinen letzten Kolumnen habe ich erläutert, wie es durch suggestive Befragungsmethoden der Polizei zu falschen Erinnerungen und falschen Geständnissen kommen kann.

Aber auch andere Menschen können unser Gedächtnis umformen. Und eines der einfachsten Mittel ist das Teilen von Erinnerungen mit Hilfe von Fotos.

Die Fahrt mit dem Heißluftballon

Erinnerung ist von Natur aus assoziativ, und das Netzwerk im Gehirn, das sie repräsentiert, ist leicht manipulierbar. Andere Menschen können unsere Erinnerungen hacken.

Das hat etwa ein internationales Team von Psychologen um Kimberley Wade von der britischen University of Warwick mit Hilfe von gefälschten Fotos gezeigt: In einem Experiment  präsentierten die Forscher Probanden vier Fotos aus ihrer Kindheit, die sie von deren Eltern bekommen hatten. Die Forscher hatten eines der Bilder vorab mit einem Computerprogramm manipuliert: Auf dem Foto sah es so aus, als hätte der jeweilige Proband eine Heißluftballonfahrt erlebt. In Wahrheit hatte diese nie stattgefunden.

Die Probanden sollten nun erzählen, was für eine Situation sie auf den Fotos sehen und woran sie sich erinnern konnten. Nach drei Treffen, bei denen die Probanden jeweils von ihren Kindheitserlebnissen berichtet hatten, tappte die Hälfte von ihnen in die Erinnerungsfalle: Sie erzählten in bunten Details, was bei der Fahrt mit dem Heißluftballon passiert war.

Am Ende waren sie überrascht, dass ihre Erinnerung gar nicht stimmte.

Manipulation auch ohne Computer

Für eine effektive Fälschung der Erinnerung sind aber nicht zwangsläufig manipulierte Fotos notwendig. Auch die Tante hat vielleicht kein Bildbearbeitungsprogramm und will vermutlich auch gar nicht absichtlich eine veränderte Erinnerung einreden.

Warum passiert das trotzdem?

In einer Folgestudie aus dem Jahr 2005  untersuchten die Psychologen um Wade, ob sich falsche Erinnerungen einfacher mit Hilfe von Fotos einpflanzen lassen oder mit einer einfachen Beschreibung. Dazu teilten sie die Studienteilnehmer in zwei Gruppen ein: Die eine Hälfte wurde wieder mit einem manipulierten Foto einer Heißluftballonfahrt konfrontiert. Die andere Hälfte bekam stattdessen eine schriftliche Beschreibung der angeblichen Tour vorgelegt.

Erstaunlicherweise hatten in der Beschreibungsgruppe 82 Prozent der Probanden falsche Erinnerungen, bei der Gruppe mit den Fotos waren es 50 Prozent. Demzufolge scheint es noch einfacher, dem Gehirn Fiktionen einzureden, wenn deren visuelle Ausgestaltung der eigenen Kreativität überlassen wird. Ein Foto gibt zwar einen klaren Anhaltspunkt, aber es schließt auch vieles aus. Denn das Ereignis muss in der Erinnerung genauso aussehen wie abgebildet.

Bei einer schriftlichen Beschreibung des fiktiven Kindheitserlebnisses hingegen kann man so viel hinzudichten, wie man will. Ähnlich bei der unbeabsichtigt fiktiven Geschichte der Tante: Eine einfache, emotionale Erzählung reicht oft, um eine neue Erinnerung ins Gedächtnis einzupflanzen.

Echte Fotos, falsche Erinnerungen

Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, wie man jemandem Fiktionen unterjubeln kann: mit echten Fotos - so wie in der fiktiven Frühstückssituation zu Beginn beschrieben.

In einer dritten Studie  tischten die Forscher ihren Probanden die Geschichte auf, sie hätten in ihrer Kindheit versucht, ihrem Lehrer einen Streich zu spielen. Dafür hätten sie eine klebrige Schleimmasse in seinem Schreibtisch versteckt. Der Hälfte ihrer Probanden gaben die Psychologen ein altes, aber echtes Klassenfoto, angeblich als Erinnerungsstütze.

45 Prozent der Probanden, die nur eine Beschreibung des angeblichen Lehrerstreichs kannten, zauberten nach drei Treffen mit den Forschern eine falsche Erinnerung hervor. Zusammen mit dem echten Foto waren es sogar 78 Prozent der Probanden, die berichteten, ihren Lehrer ausgetrickst zu haben.

Vermutlich schmücken wir falsche Erinnerungen gern mit echten Details aus. Die echten Klassenkameraden waren leicht in die falsche Erinnerung einzubauen, zudem verliehen sie dem falschen Ereignis ein authentisches Gefühl.

Seien Sie also vorsichtig, wenn Familienmitglieder von Ereignissen erzählen, an die Sie sich selbst nicht erinnern können. Am Ende kommen Sie von einem Familientreffen mit ganz neuen falschen Erinnerung nach Hause. Wobei: Das mit der Betreuerin im Kindergarten stimmte bestimmt. Oder?

Anzeige

Julia Shaw:
Das trügerische Gedächtnis

Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht.

Carl Hanser Verlag; September 2016; 304 Seiten; 22 Euro. Erscheinungstermin 26.9.2016

Buch bei Amazon: "Das trügerische Gedächtnis" von Julia Shaw Buch bei Thalia: "Das trügerische Gedächtnis" von Julia Shaw