Wissenschaft und Homosexualität Wie der Fortschritt Linkshändern half

Die Menschheit findet, Wissenschaft sei Dank, ständig Neues über sich selbst heraus. Das kann helfen, das zu erreichen, was Fortschritt eigentlich ausmacht: menschliches Leid zu verringern. Das von Linkshändern zum Beispiel.

Ehemaliger US-Präsident Barack Obama, Linkshänder
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Ehemaliger US-Präsident Barack Obama, Linkshänder

Eine Kolumne von


In meiner Grundschulklasse wurde ein Mädchen von den Lehrern vier Jahre lang systematisch gequält. Das war Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger. Gequält wurde das Mädchen, weil sie Linkshänderin war. Vier Jahre lang zwang man sie, beim Schreiben den Stift in der rechten Hand zu halten. Ihre Handschrift blieb krakelig, sie litt sehr unter der Situation.

Wenn Sie wissen wollen, wie sich das anfühlt, versuchen Sie mal eine Woche lang mit Ihrer nicht-dominanten Hand zu schreiben. Und stellen Sie jemanden ein, der Sie täglich für Ihre Handschrift kritisiert.

Hunderttausenden anderen erging es über die Jahre ebenso. Dabei wusste man damals längst, dass Linkshändigkeit angeboren ist. Es gibt einen kleinen Prozentsatz von Menschen, bei denen die Feinmotorik beider Hände etwa gleich ausgeprägt ist. Die meisten Menschen sind Rechtshänder, ungefähr zehn bis fünfzehn Prozent bekennende Linkshänder.

Es gibt bis heute eine Linkshänder-Dunkelziffer

"Bekennend" deshalb, weil Forscher, die sich mit so etwas beschäftigten, vermuten, dass vielen Linkshändern mit Methoden wie der eingangs beschriebenen gewissermaßen eine gefälschte Rechtshändigkeit antrainiert wurde. Es gibt eine Linkshänder-Dunkelziffer. Kein Witz.

Bei umgeschulten Rechtshändern werden lebenslang Hirnareale auf der rechten Kopfseite - eigentlich steuert die linke Gehirnhälfte die rechte Hand - aktiviert, wenn sie ihre rechte Hand benutzen. Das Gehirn muss sich besonders anstrengen, um die antrainierte Fehlnutzung zu ermöglichen, es benutzt dazu zusätzliche Ressourcen.

Was für ein Unsinn.

Wissenschaft kann Leid verhindern

Das Thema Linkshändigkeit ist eines von zahllosen Beispielen dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnis menschliches Leid lindern oder verhindern kann. Wenn man akzeptiert, dass es angeborene Linkshändigkeit gibt, muss man keine Schulkinder mehr quälen. Man kann sie mit links schreiben lassen und ihre Energie in sinnvollere Lehrinhalte investieren.

Je mehr wir Menschen über uns selbst herausfinden, desto besser können wir mit all unseren natürlichen Abweichungen und Unterschieden umgehen. Ganz abgesehen von den vielen Früchten der Forschung, die für uns alle das Leben angenehmer, sicherer, länger, gesünder, interessanter, weniger leidvoll machen.

Der schon eingepreiste Fortschritt ist doch gar keiner

Der Begriff Fortschritt ist ein bisschen aus der Mode gekommen, er wird heute gern ins Ironische gewendet oder in negativ konnotierten Varianten verwendet, "fortschrittsgläubig" zum Beispiel.

Doch selbst Menschen, die über "Fortschrittsgläubigkeit" schimpfen, schlucken bei Mandelentzündung Antibiotika, benutzen Computer und Telefone und tragen Kleidung aus Kunstfaser. Der doofe Fortschritt ist immer der, den man gerade als solchen wahrnimmt. Der schon eingepreiste ist eigentlich gar keiner.

Wissenschaft und "Ehe für alle"

Die Wissenschaft hat auch zum Thema Homosexualität Fortschrittliches beizutragen. Für Homosexualität - und für Bisexualität - gilt das gleiche wie für Linkshändigkeit: Sie ist angeboren. Möglicherweise gibt es Menschen mit einer homo- oder bisexuellen genetischen Disposition, die aufgrund von Umwelteinflüssen ein Hetero-Leben führen, aber in einem Punkt sind sich die einschlägig forschenden Wissenschaftler einig: Die Gene - und vielleicht pränatale Hormone - spielen eine zentrale Rolle für die sexuelle Orientierung.

Paradoxerweise nennen gerade diejenigen, die Schwule und Lesben am stärksten ablehnen, Homosexualität gerne "widernatürlich". Auch hier hilft die Wissenschaft: Homosexualität ist durch biologische und physiologische Vorgänge bedingt und damit eben genau das: natürlich. Widernatürlich ist dagegen der Versuch, homosexuelle Menschen mit Umerziehungsmethoden zur Heterosexualität zu bekehren. Weit schlimmer als das, was man all den Linkshändern angetan hat.

Die Sache mit dem "Kindeswohl"

Wenn man akzeptiert, dass Homosexualität angeboren ist, wird vieles einfacher. Vielen in den Unionsparteien sollte das eigentlich helfen, vielleicht sogar der Wissenschaftlerin und Pfarrerstochter an der Spitze der CDU. Angeboren heißt nämlich: Es kann als ausgeschlossen gelten, dass schwule oder lesbische Elternpaare Hetero-Kinder mit Erziehung schwul oder lesbisch machen (und auch das sollte einem modernen Menschen selbstverständlich egal sein). Tschüss "Bauchgefühl".

Wenn man sich also wirklich um das "Kindeswohl" sorgt, wie es die Feinde der Ehe für alle gerne behaupten, sollte man sich auf die Frage konzentrieren, ob Eltern, egal welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung, emotional, kognitiv und finanziell in der Lage sind, Kindern ein glückliches, förderliches Zuhause zu bieten. Und was man als Staat dafür tun kann, sie in diese Lage zu versetzen.

Religiosität ist kein guter Ratgeber

Es gibt übrigens eine Korrelation zwischen den Feinden wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns und denen des gesellschaftlichen Fortschritts. Evangelikale Christen in den USA und anderswo etwa, die Homosexualität für "widernatürlich" halten, sind oft auch skeptisch, was den menschengemachten Klimawandel angeht. Manche auch in Sachen Evolution. Der Wissenschaft ist nicht zu trauen, das ist die Grundhaltung. Religiosität ist in Fragen gesellschaftlichen Fortschritts aber ein sehr schlechter Ratgeber.

Neulich bekam ich eine Nachricht von einem Leser, der mir erklärte, ich solle mich doch statt mit dem Thema, dass es immer noch Leute gibt, die Impfungen für falsch halten, lieber mit der "Frühsexualisierung von Kindern" an deutschen Schulen beschäftigen. Das ist eine Phrase aus dem Repertoire der AfD. Dort mag man es nicht, wenn Kinder in der Schule lernen, dass Homosexualität angeboren, also natürlich ist.

Dabei ist das eine Maßnahme, die viel Leid verhindern kann. Fortschritt also.

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insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
IvicaMarkovic 02.07.2017
1.
Wie leben im 21. Jahrhundert und es gibt Leute, die den Sinn von Impfungen leugnen, die an das Gedächtnis von Wasser glauben oder Homosexualität als Geisteskrankheit ansehen. Man könnte fast lachen, wenn das alles nicht so traurig wäre.
freier_europäer 02.07.2017
2. Sehr wissenschaftlich....
"lieber mit der "Frühsexualisierung von Kindern" an deutschen Schulen beschäftigen. Das ist eine Phrase aus dem Repertoire der AfD." - sehr wissenschaftlich.... In meiner Schulzeit in den 90er hatten wir Sexualkundeunterricht in der 6 Klasse, also so mit 11/12. Dadurch fehlt mir weder das Verständnis für Homosexuelle, noch für "Heten". Warum das früher besser sein soll, erschließt sich nicht aus ihrem Artikel.
w.weiter 02.07.2017
3. Sehr schön beschrieben.
Danke. Ich bin selbst gezwungener Rechtshand-Schreiber. Meinen Eltern wurde erklärt, wenn ich mit Tintenfüller schriebe, würde ich das Geschriebene verwischen. So wurde ich "umgepolt". Damals unbedarft nachvollziehbar, heute dagegen: "Was für ein Schwachsinn!". Auch Dank der Wissenschaft hat zumindest so etwas ein Ende. Okay, ich schreibe eben mit der rechten Hand, kein Problem. Alle andere Dinge erledige ich allerdings mit "links". Bin halt ein "lefty". ;-))))) Lassen wir die Menschen so sein wie sie sind, und zu unser aller Wohlgedeihen sich entwickeln. Tut doch niemandem weh. Nochmals, Danke für Ihren Beitrag.
quark2@mailinator.com 02.07.2017
4.
Man sollte sich durch die Fortschritte bei einigen Minderheiten nicht die Augen verkleistern lassen. Für ein paar wenige Menschen bessert sich ganz doll was und ich hab da nichts dagegen. Aber es lenkt wunderbar davon ab, daß es Millionen ganz normale Leute hierzulande gibt, die trotz Arbeit kaum Einkommen bzw. Rente haben. Das ist wie mit den Schulen für Schwererziehbare - super ausgestattet, viel Personal, pro Kind viel Geld. Aber was ist mit den normalen Kindern ? Womit haben die es verdient, daß in sie weniger investiert wird ? Tut mir leid, aber als weißer Mann geht mir die ewige "positive Diskriminierung" total gegen den Strich. Während für nahezu jeden anderen was gemacht wird, darf man sich seit Jahrzehnten anhören, daß man keine Interessenvertretung braucht, weil man ja eh überall privilegiert ist und per Definition keine Probleme hat. Tolle Show.
vollzeitpoltiker 02.07.2017
5. Das eine schließt das andere nicht aus
Das Homosexuelle schlechtere Eltern sind ist auch meiner Meinung nach Schwachsinn Aber wie hier argumentiert wird, ist noch viel schlimmer, denn wenn Homosexualität angeboren ist, heißt es ja nicht, dass dies nicht auch andere Auswirkungen haben kann So ist auch bewiesen, dass Linkshänder z.B. kreativere Menschen sind eben gerade weil es angeboren ist
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