Wiederbelebter Erreger Mutationen machten Grippevirus zum Killer

US-Forscher haben den Erreger der Spanischen Grippe von 1918 rekonstruiert - und Mediziner weltweit elektrisiert. Die Überraschung: Das Killervirus entstand allein durch Mutationen. Nun herrscht Rätselraten, ob die in Asien grassierende Vogelgrippe noch gefährlicher ist als befürchtet.

Von


Forschung am Vogelgrippe-Erreger: Gefahr durch Mutationen
AP

Forschung am Vogelgrippe-Erreger: Gefahr durch Mutationen

In einem spektakulären Experiment, das 10 Jahre in Anspruch nahm, haben US-Forscher den Erreger der Spanischen Grippe wieder zum Leben erweckt. Das wichtigste Ergebnis: Das Killervirus, das 1918 binnen weniger Monate zwischen 20 und 50 Millionen Menschen dahinraffte, hat seine extrem tödlichen Eigenschaften allein durch Mutationen erhalten - und nicht etwa durch Vermischung mit einem menschlichen Grippeerreger.

Doch genau dies gehörte bisher stets zu dem Schreckensszenario, das Seuchenexperten seit Monaten beschwören: Das Vogelgrippevirus, das derzeit in Asien grassiert, könnte sich mit einer menschlichen Influenza-Variante zu einem Supervirus vermengen und eine weltweite Epidemie mit bis zu 150 Millionen Toten auslösen. Auch die Asiatische Grippe von 1957 und die Hongkong-Grippe von 1968 waren auf diese Weise entstanden.

Jetzt ist klar, dass der Auslöser der Spanischen Grippe - das H1N1-Virus - zunächst auch nur für Geflügel gefährlich war, dann aber immer weiter mutierte, bis er schließlich Menschen befiel und sich rasend schnell verbreitete.

"Zeichen für eine parallele Evolution"

Das Team um Jeffrey Taubenberger von Armed Forces Institute of Pathology vermutet, dass Veränderungen in 25 bis 30 der insgesamt rund 4400 Aminosäuren der Virenproteine den Erreger in einen Killer verwandelt haben. Und einige der genetischen Veränderungen seien auch schon im derzeit vorkommenden asiatischen H5N1-Erreger zu beobachten.

Verbrennung infizierter Hühner in Indonesien: Enger Kontakt zwischen Tier und Mensch
DPA

Verbrennung infizierter Hühner in Indonesien: Enger Kontakt zwischen Tier und Mensch

Offen ist, ob die asiatische Vogelgrippe damit noch gefährlicher für den Menschen ist als bisher angenommen. "Diese H5N1-Viren könnten gerade die Fähigkeit erlangen, sich an Menschen anzupassen", sagte Taubenberger der "Washington Post". "Es gibt Zeichen dafür, dass derzeit eine parallele Evolution stattfindet." Das Risiko einer Pandemie erhöhe sich dadurch.

Allerdings ist unklar, wie nahe das aktuelle H5N1-Virus den tödlichen Eigenschaften schon gekommen ist, die einst die Spanische Grippe ausgelöst haben. "Es wäre schon ein großer Zufall, wenn sich die Mutationen des H1N1-Virus heute noch einmal ereignen würden", sagte Lothar Wieler vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen an der Freien Universität Berlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Um zu erfahren, wie groß die Gefahr wirklich ist, müsste bekannt sein, wie und in welchem Zeitraum sich das H1N1-Virus in einen Pandemie-Auslöser verwandelt hat. "Dafür müsste man aber den Vorgänger von H1N1 kennen oder über einen großen Pool unterschiedlicher Stämme der Spanischen Grippe verfügen", sagt Wieler. "Beides ist leider nicht der Fall."

"Wir verstehen die Regeln nicht"

Ob die Medikamente, mit denen sich die Regierungen einiger Länder bereits eingedeckt haben, gegen ein Virus wirksam wären, das sich nicht mit einem menschlichen Grippeerreger vermischt hat, ist laut Wieler ebenfalls schwer zu sagen. Die Angst vor einer Pandemie birgt seiner Ansicht nach das Risiko, dass Grippemedikamente vorschnell verschrieben werden und dadurch noch schneller neue, resistente Virenstämme entstehen.

H1N1-Virus: Killer soll im Kampf gegen Vogelgrippe helfen

H1N1-Virus: Killer soll im Kampf gegen Vogelgrippe helfen

Laut Taubenberger ist das eigentliche Ziel der Forschung eine Liste von Veränderungen, die etwa das H5N1-Virus in einen für Menschen gefährlichen Krankheitserreger verwandeln könnten. "Wir wissen nicht, ob es sich den Menschen anpasst und eine Pandemie auslösen wird", sagte Taubenberger. "Wir verstehen die Regeln nicht. Es liegt noch viel Forschung vor uns."

Dennoch lobten viele Wissenschaftler die Arbeit der US-Forscher. "Es ist ein gewaltiger Durchbruch, ein Virus untersuchen zu können, das 50 Millionen Menschen getötet hat", sagte John Oxford, Virologe am Royal London Hospital, der "New York Times". "Das ist das Wichtigste, was seit vielen Jahren in der Virologie passiert ist."

Richard Ebright von der Rutgers University in New Jersey warnte dagegen vor den Gefahren durch eine versehentliche oder auch absichtliche Freisetzung des Virus. Das Grippevirus von 1918 sei "der vielleicht effektivste biologische Kampfstoff aller Zeiten".

In der Tat zeigte der rekonstruierte Erreger in Taubenbergers Experimenten Furcht erregende Eigenschaften. Mäuse etwa werden von menschlichen Grippeviren normalerweise nur leicht geschwächt. Als die Forscher aber Nager mit dem Virus von 1918 infizierten, waren alle Tiere in 48 Stunden tot. Sie starben an den gleichen Symptomen wie die Menschen vor 87 Jahren: Es kam zu Ödemen, Entzündungen und Blutungen in der Lunge. Am Ende ertranken die Mäuse an ihrer eigenen Gewebeflüssigkeit. In ihrem Blut fanden die Forscher bis zu 39.000-mal mehr Viren als in Mäusen mit anderen menschlichen Virenstämmen.

Julie Gerberding, Direktorin der amerikanischen Centers for Disease Control, wertete Taubenbergers Arbeit als großen Erfolg. "Wir haben das Virus von 1918 demaskiert", sagte sie der "Washington Post". "Es offenbart uns einige der Geheimnisse, die helfen werden, uns auf die nächste Pandemie vorzubereiten." Dass sie kommt, gilt unter Experten aber weiterhin nur als eine Frage der Zeit.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.