Raub, Erpressung, Fälschung Wie die Wikinger an die Hightech-Waffen des Mittelalters kamen

Im frühen Mittelalter war keine Waffe so begehrt wie das Ulfberht-Schwert. Doch ein Großteil der Funde entpuppt sich als Fälschung. Nun haben Archäologen neue Hinweise auf die Produktpiraten.

Hendrik Zwietasch / Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

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An Heiligabend im Jahr 805 hatte Karl der Große die Faxen endgültig dicke: Lange genug hatte er zusehen müssen, wie wertvolle Waffen aus seinem Frankenreich geschleust wurden - direkt in die Hände seiner Gegner, der Slawen und Wikinger. Nun sollte Schluss sein damit. Karl der Große verhängte deshalb ein generelles Exportverbot für Waffen, per königlicher Anordnung.

Das Embargo galt insbesondere für die Wunderwaffe der Franken: das Ulfberht-Schwert. "Hinter den Schwertern steckt eine völlig neue Herstellungstechnik", sagt Georg Kokkotidis vom Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, wo gerade die Sonderausstellung "Faszination Schwert" zu sehen ist.

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Ulfberht: Gefälscht

Durch neue Verhüttungstechniken verfügten die Handwerker des frühen Mittelalters über deutlich besseres Eisen, das arm an Kohlenstoff war. Immer wieder erhitzten Schmiede das Eisen, falteten es und hämmerten es aufwendig in Form. Dadurch wurde das Schwert sehr leicht, aber gleichzeitig ähnlich hart wie moderner Stahl. In der Mitte der Klinge verlief die sogenannte Blutrinne, an dieser Stelle war das Schwert nur wenige Millimeter dick.

Zu erkennen waren die wertvollen Waffen an dem Schriftzug "+VLFBERH+T", der in lateinischen Großbuchstaben auf den Klingen prangte und in moderner Transkription dem Namen Ulfberht oder auch Ulfberth entspricht. Kreuze mitten im Namen zu verwenden, ist für die Zeit typisch.

Die Schmiede formten die Buchstaben aus feinem Draht, den sie in vorgefertigte Vertiefungen hämmerten. Für die ausgesprochen hohe Qualität der Schwerter stand Ulfberht mit seinem Namen wie heute Claus Hipp für Babybrei.

Fielen die Wikinger auf billige Fälschungen rein?

Wer hinter dem Namen Ulfberht steckt, weiß heute allerdings niemand mehr. Es könnte sich um den Namen des Schmieds handeln, der das Schwert erstmals hergestellt hatte. Oder, was Archäologen für wahrscheinlicher halten, Ulfberht war ein hoher Geistlicher, in dessen Auftrag die Schwerter gefertigt wurden. "Wir gehen davon aus, dass es sich bei Ulfberht um einen Bischof oder einen Abt handelte, dem die Werkstätten unterstellt waren", sagt Kokkotidis.

Dafür sprechen die Kreuze in der Signatur, die hohe Geistliche seit dem 7. Jahrhundert verwenden, teilweise bis heute. Zudem ist historisch belegt, dass einige Klöster im Mittelalter als Waffenschmieden dienten.

Mit Abstand die meisten Ulfberht-Schwerter haben Archäologen aber Hunderte Kilometer vom Frankenreich entfernt ausgegraben, vor allem in Skandinavien und den baltischen Staaten. Etwa 200 Exemplare aus 23 europäischen Ländern von der Ukraine bis Island sind heute bekannt, ein Großteil stammt aus Wikinger-Gräbern. Allein in Norwegen haben Archäologen 44 Ulfberht-Schwerter entdeckt.

"Archäologisch ist die Christianisierung eine Katastrophe"

Die auffällige Häufung der Funde im Norden liegt an den unterschiedlichen Bestattungsriten der christlichen Karolinger und späteren Ottonen gegenüber den heidnischen Wikingern. Im Frankenreich war es verpönt, die Toten mit aufwendigen Grabbeigaben auszustatten. Archäologen erkennen die frühen Christen Europas deshalb häufig an ihren langweiligen Gräbern; außer einem Skelett ist darin meist nichts zu finden - wenn die Knochen überhaupt erhalten sind.

Statt die Premiumschwerter an die Toten zu verschwenden, gaben die Franken die Waffen lieber weiter, bis sie nur noch zum Einschmelzen taugten. "Archäologisch gesehen war die Christianisierung eine Katastrophe", sagt Kokkotidis. Denn heute ist von den Schwertern meist nichts mehr übrig.

Im heidnischen Norden des frühen Mittelalters sieht das völlig anders aus. Wer dort etwas auf sich hielt, nahm sein Schwert mit ins Grab, oder die Hinterbliebenen besorgten eines für den Verstorbenen. In der Erde blieben die Schwerter teilweise über Jahrhunderte erhalten.

150 Schwerter für einen Bischof

Die Funde beweisen: Wikinger haben Wege gefunden, an die begehrten Waffen der Franken zu kommen, trotz Embargo. Wie haben sie das geschafft? Regulären Handel schließen Forscher aus. Wahrscheinlich gelangten die Schwerter durch Schmuggel und Plünderungen außer Landes oder wurden als Lösegeld gegen fränkische Gefangene getauscht. "Aus Schriftquellen wissen wir, dass Wikinger für einen entführten Bischof 150 Schwerter als Lösegeld kassierten", sagt Kokkotidis. Trotzdem dürfte das Angebot kaum gereicht haben, um die Nachfrage im Norden zu decken. Doch was tun, wenn das begehrte Objekt nicht zu beschaffen ist?

"Wie wäre es mit Fälschen?", könnte jemand vorgeschlagen haben. "Der Unterschied wird schon niemandem auffallen." Überliefert ist das freilich nicht, allerdings tauchten zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert eine ganze Reihe von Ulfberht-Klingen mit Schreibfehlern auf. "Auf einigen fehlt ein Buchstabe, die Kreuze stehen an anderer Stelle oder die Buchstaben sind überhaupt nicht als solche zu erkennen", erklärt Kokkotidis.

Der Verdacht der Archäologen: Wikingerschmiede könnten die fremden Hightech-Produkte nachgeahmt und ihre gefälschte Ware unter dem begehrten Label verkauft haben. "Experimente haben gezeigt, dass der Schriftzug ohne große Probleme nachträglich angebracht werden kann", sagt Kokkotidis. Erfahrene Schmiede brauchen dafür nur wenige Minuten.

Wenn Fälscher von Fälschern abschreiben

Je weiter entfernt die Ulfberht-Schwerter vom Frankenreich auftauchten, desto mehr häufen sich die Fehler. Haben hier Fälscher von Fälschern abgeschrieben? "Um zu beweisen, dass es sich tatsächlich um Fälschungen handelt, müssten wir alle Schwerter einer Materialanalyse unterziehen", sagt Kokkotidis. Nach derzeitigem Forschungsstand haben die Schwerter mit Schreibfehler in der Tendenz eine schlechtere Qualität, aber mit absoluter Sicherheit ließe sich das nur im Labor überprüfen. Denn theoretisch könnten die Schreibfehler auch unbeabsichtigt entstanden sein. Im frühen Mittelalter konnten wohl die wenigsten Schmiede schreiben.

Noch immer ist nicht klar, wo genau die berühmten Ulfberht-Schwerter herkommen. Einige Forscher glauben gar, ihr Ursprung liegt in Afghanistan, Persien oder Indien. Materialanalysen an einem seltenen Fund aus Niedersachsen weisen jedoch in das Rheinische Schiefergebirge. Dort kam zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit das Blei her, mit dem der Griff des Schwertes verziert war.

Stammen die begehrten Ulfberht-Schwerter am Ende aus Mitteldeutschland? Einige Forscher vermuten das zumindest. Als mögliche Produktionsstätten kämen die hessischen Klöster Fulda und Lorsch infrage. "Es ist durchaus möglich, dass in den beiden Klöstern Original-Ulfberht-Schwerter hergestellt wurden", sagt Kokkotidis. Belegt ist das bisher allerdings noch nicht.

Der Fall bleibt also vorerst ungelöst. Bis heute werden Nachbildungen von Ulfberht-Schwertern verkauft, für einige Hundert Euro das Stück. Ähnlich wie vor gut tausend Jahren drohen Käufer einem Betrug aufzusitzen. Denn oft werden die Waffen als Original-Wikingerschwerter angepriesen.

Zusammengefasst: Ulfberht-Schwerter waren im frühen Mittelalter begehrt, weil sie härter und leichter waren als vergleichbare Waffen. Zu erkennen waren die Hightech-Waffen an dem Schriftzug "+VLFBERH+T", der in die Klinge eingelassen war. Ein Export aus dem Frankenreich war streng verboten. Dennoch gelangten zahlreiche Ulfberht-Schwerter in die Hände von Wikingern und Slawen. Auffällig: Viele der eigentlich verbotenen Exporte enthielten Schreibfehler und waren von schlechterer Qualität. Archäologen vermuten deshalb, dass schon vor tausend Jahren Produktpiraten am Werk waren.

Im Video: Der Kult um die Wikinger

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Fuscipes 02.04.2019
1.
Die Produktpiraterie der Wikinger ist lächerlich, das Kriegswaffenkontrolldekret Karls und der Importschlager +VLFBER+T, das konnte nicht gutgehen, denn was nicht durch Tauschhandel erhältlich war wurde durch Besitzerwechsel erzwungen. Die Nichtverbreitung von Originalfrankenschwertern wurde durch die Christianisierung unterwandert, letztlich verhalf aber der +VLFBER+T-Schwerthandel selbiger zum Durchbruch. Wer so gute Schwerter herstellen konnte, dem mußten die Götter gewogen sein.
susuki 02.04.2019
2.
Materialprüfanstalten und Schmiede welche den Experimental-Archäologen beibringen was ein Hammer, Esse und Amboss ist... ... Rätsel gelöst.
downgrade0815 02.04.2019
3. hmm..
für die Qualität und Härte an Schneide ist eher ein höherer Kohlenstoffanteil zuträglich der im Härteverfahren M-Kristalle bildet. Die Faltung des Stahl ansich diente eher zur Reinigung um Verschmutzungen "auszutreiben". Würden bei uns alte Schwerter und solche Funde vergl. wie in Japan erhalten und gepflegt, so wären Rückschlüsse auf Schmied und Herkunft wesentlich leichter. Die "Blutrinne" ist da eher Gewichts/Materialeinsparung. Dieser Begriff ist trügerisch. Gleiche findet man ebenso bei Katanas , die "BoHi"...rein zur Materialeinsparung/Gewicht.
permissiveactionlink 02.04.2019
4. Wer's glaubt...
"Erfahrene Schmiede brauchen dafür nur wenige Minuten." Der Schriftzug "+ULFBERH+T" ist in das Metall der Klingen eingelassen, wie eine Intarsien Einlegearbeit eines Kunsttischlers aus Holzfurnier. Dafür müssen zunächst in extrem hartem Stahl Vertiefungen in Kreuz- oder Buchstabenform hergestellt werden, mit welchem Werkzeug auch immer. Hinterher wird das vorbereitete Schwert mit eingelegten Buchstaben und Kreuzen aus einem anderen Stahl (die passend vorbereitet wurden) erhitzt, und durch Hämmern zusammengeschmiedet. Der Schmied, der all diese Arbeiten, vom reinen Hämmern abgesehen, in wenigen Minuten erledigt, muss erst noch geboren werden !
santoku03 02.04.2019
5.
A propos Produktpiraterie: Der Artikel ist in weiten Teilen wörtlich aus Wikipedia abgeschrieben. https://de.wikipedia.org/wiki/Ulfberht#Fälschungen
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