Genanalyse So viel Wikinger steckt noch in den Europäern

Hörnerhelm, Vollbart, groß: Das ist das Klischee eines Wikingers. Doch die Wahrheit ist etwas komplizierter, wie neue Analysen zeigen.
Skelett des Wikinger-Mädchens von Birka: Laut neuen Genanalysen waren längst nicht alle Wikinger blond oder Skandinavier

Skelett des Wikinger-Mädchens von Birka: Laut neuen Genanalysen waren längst nicht alle Wikinger blond oder Skandinavier

Foto: PHAS / Universal Images Group / Getty Images

Als die Wikinger zu ihren Hörnerhelmen kamen, ließ der berühmte Komponist Richard Wagner 1876 den "Ring des Nibelungen" aufführen. Um die nordischen Helden des Epos kriegerischer wirken zu lassen, setzte er ihnen Hörner auf. Historische Wikinger gab es zu der Zeit zwar schon längst nicht mehr, trotzdem werden sie seitdem zuverlässig mit gehörnter Kopfbedeckung gezeigt - offenbar nicht das einzige Klischee, das den Nordmännern zu Unrecht angedichtet wird.

Eine große Genstudie liefert nun ein wesentlich differenzierteres Bild der Bevölkerung Skandinaviens während jener Zeit zwischen den Jahren 750 und 1050. Den typischen Wikinger hat es demnach so wahrscheinlich gar nicht gegeben. Die einzelnen Gruppen unterschieden sich stark voneinander. Das hinterlässt bis heute Spuren im menschlichen Erbgut, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Nature" .

Erster Europäer in Amerika war wohl Wikinger

"Die Ereignisse des Wikinger-Zeitalters haben die politische, kulturelle und demografische Landkarte Europas auf eine Weise verändert, die bis heute sichtbar ist", schreibt das Team um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. Sprache, Kultur und Technologien der Wikinger verbreiteten sich in viele Teile Europas und erreichten sogar Asien.

Um die Identität der Wikinger zu klären, sequenzierten die Forscher nun Genome von 442 menschlichen Überresten mit Wikinger-Bezug, die nicht nur aus Skandinavien stammen, sondern aus einem Gebiet, das von Grönland bis nach Polen und Russland reicht. Die Resultate glichen sie mit Erbgut von gut 1100 Menschen aus der Vergangenheit und mehr als 3800 aus der Gegenwart ab.

Die Resultate ergeben ein überraschend uneinheitliches Bild - sowohl in Skandinavien als auch im Rest des Wikinger-Einflussgebiets. Die Forscher konnten drei Gruppen ausmachen: Schweden-ähnlich, Norwegen-ähnlich und Dänen-ähnlich.

Nicht alle Wikinger waren Skandinavier oder blond

Die Grenzen dazwischen verliefen jedoch entlang natürlicher Barrieren wie Flüssen und nicht entlang der heutigen Staatsgrenzen. So ähnelten etwa die Menschen im Südwesten des heutigen Schwedens eher den dänischen Wikingern.

Die Schweden-ähnliche Gruppe - insbesondere auf der ostschwedischen Insel Gotland - weist demnach starke verwandtschaftliche Beziehungen zu Osteuropäern auf. Dies spiegelt auch die Handelsbeziehungen seit der Bronzezeit im Ostseeraum wider. Der Einfluss der norwegischen Gruppe dagegen reicht nach Irland, Island und Grönland, während die dänische Gruppe sich eher nach England hin orientierte.

Allerdings veränderte sich die genetische Landschaft Skandinaviens mit der Zeit: "Wir haben herausgefunden, dass der Genfluss innerhalb Skandinaviens grob von Süden nach Norden verläuft und von Bewegungen aus Dänemark nach Norwegen und Schweden dominiert wurde", schreibt das Team.

Zudem kamen schon mindestens seit der Eisenzeit, die um 500 vor Christus begann, Menschen aus dem südlichen Europa und Asien nach Skandinavien. Die Inseln Gotland und Öland waren schon zur Römerzeit wichtige Handelsorte.

"Bisher wussten wir nicht, was die Wikinger genetisch ausmacht", sagt Genetiker Willerslev. "Wir fanden genetische Unterschiede zwischen verschiedenen Wikinger-Populationen in Skandinavien, was zeigt, dass die Gruppen der Region viel stärker voneinander isoliert waren als bisher bekannt." Viele Wikinger seien eher braunhaarig als blond gewesen, was auf Einflüsse von außerhalb Skandinaviens zurückgehe.

Besser ein Horn in der Hand als ein Horn auf dem Kopf

Die Analyse eines Grabes aus dem schottischen Orkney zeigt, dass Wikinger nicht zwangsläufig skandinavischer Abstammung waren. Die beiden dort bestatteten Männer ähneln genetisch heutigen Iren und Schotten, wurden jedoch nach Wikinger-Art mit Schwertern und anderem Zubehör beigesetzt.

Die heutigen Menschen in Skandinavien ähneln der Studie zufolge noch immer stark den damaligen Bewohnern der Region. Ausnahme ist Schweden, wo nur noch etwa 15 bis 30 Prozent des Erbguts auf die damalige Bevölkerung zurückgehen. In Polen stellen skandinavische Einflüsse heutzutage bis zu fünf Prozent des Erbguts, in England maximal sechs Prozent.

Wie viel Wikinger in Menschen aus Deutschland steckt, untersuchten die Forscher nicht. Allerdings ist Haithabu in Schleswig-Holstein eine der berühmtesten frühen Städte der Wikinger.

Ganz auf Hörner verzichteten Nordmänner und -frauen übrigens nicht. Statt sie auf dem Kopf zu tragen, hielten sie die Hörner in der Hand - um daraus zu trinken. Das Klischee stimmt.

koe/dpa
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