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SPIEGEL

Manfred Dworschak

Energiewende Jetzt haben Gegner der Windkraft schlechte Karten

Liebe Leserin, lieber Leser,  

ich beobachte seit Langem die Szene der Mobilfunkgegner. Diese Leute bildeten einst zu Abertausenden eine Macht im Land (und in den Medien), damals aber war die Angst vor der "Handystrahlung" fast epidemisch. Noch immer erhebt sich hie und da eine Bürgerinitiative gegen einen geplanten Funkmast. Trotzdem ist heute von der Bewegung nicht mehr viel übrig, die Politik ist über sie hinweggegangen. So gut wie überall stehen Sender (wenn auch immer noch zu wenige).

Heute gibt es wieder eine Bewegung gegen Masten in Sichtweite. Diesmal sind es die Windräder, die viele Anwohner rebellisch machen. Zu meinem Erstaunen geht die Politik aber nun mit dieser Minderheit ganz anders um: Sie stoppt praktisch den Ausbau der Windenergie, indem sie den Bau neuer Rotoren erschwert. Im Klimakompromiss der Großen Koalition war ein Mindestabstand von 1000 Metern zu Siedlungen vorge­sehen. Bei Befürwortern der Windkraft stieß der Plan auf bittere Kritik, nur mit Glück findet sich dann noch ein Plätzchen für weitere Windräder. Die Unionsfraktion reichte unlängst einen überarbeiteten Vorschlag nach, der aber aus Sicht des Bundesverbands Windenergie den Bau neuer Anlagen noch weiter erschwert.

Foto: R4465 Andreas Franke / picture alliance

Die Union tut so, als wären der Bevölkerung rotierende Ungetüme in der Nachbarschaft nicht mehr zuzumuten. Auf die Datenlage kann sie sich dabei allerdings nicht berufen. Denn die Bürger sind den Windrädern weit freundlicher gesinnt, als es oft den Anschein hat. Nur rund 15 Prozent fühlen sich von Anlagen im Umfeld gestört, nur 4 Prozent stimmen dieser Aussage "voll und ganz" zu. Das zeigt die amtliche Umfrage zum Umweltbewusstsein  aus dem Jahr 2018, deren Daten zur Windkraft das Institut der deutschen Wirtschaft jetzt analysieren ließ. Schon zuvor hatten Studien der Sozialpsychologin Gundula Hübner  ergeben, dass der Abstand der Anlagen zum Wohnsitz für ihre Akzeptanz kaum eine Rolle spielt.

Ein paar lautstarke Windkraftgegner sind also in der Lage, ein zentrales Projekt der Energiewende zu blockieren? Man könnte fast meinen, sie kämen der Union wie gerufen.  

Herzlich 

Ihr Manfred Dworschak  

PS: Übrigens ist auch der Einwand, die Rotoren seien für Vögel eine tödliche Gefahr, inzwischen überholt. Rotmilane oder Turmfalken lassen sich mit technischen Mitteln schützen: Neuartige Kamerasysteme erkennen sie am Flügelschlag. Droht eine Kollision, werden die Rotoren für ein paar Minuten gestoppt. Weltweit werden solche Detektoren derzeit erprobt; in Frankreich oder Spanien etwa sind sie bereits auf dem Markt. Das in Deutschland entwickelte System BirdVision will mit maschinellem Lernen die Vogelerkennung verbessern. Es soll nach erfolgreichem Testbetrieb nächstes Jahr in Produktion gehen. 

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen dieser Woche 

  • Archäologen haben prähistorische Steinwerkzeuge einer Art Warentest unterzogen . Unter anderem prüften sie Schnittgüte und Abnutzung scharfkantiger Steinklingen. Ihr Befund: Schon vor anderthalb Millionen Jahren wussten die Vorfahren des Homo sapiens die besten Werkstoffe für den jeweiligen Zweck einzusetzen. 

  • Der Ruhepuls unterscheidet sich von Mensch zu Mensch in erstaunlichem Ausmaß. Das ergab die bislang größte Untersuchung auf diesem Gebiet . 92.457 Freiwillige trugen über Monate hinweg Pulsmesser am Handgelenk. Die gemessenen Werte reichten von 40 bis zu 109 Herzschlägen pro Minute.  

  • Seit Jahren verbreitet sich eine unheilbare Baumkrankheit namens Huanglongbing weltweit in den Zitrusfruchtplantagen. Der Erreger ist ein Bakterium, das vom Zitrusblattfloh übertragen wird. Forscher haben jetzt immerhin ein Mittel entdeckt, kranke Gewächse zu identifizieren: Trainierte Hunde können befallene Bäume riechen 

  • Wer sich beim Lernen von Wohlgerüchen beduften lässt, kann den Stoff besser behalten . Freiburger Forscher haben ein Verfahren entwickelt, das die lernförderliche Wirkung von Aromen alltagstauglich macht. 

  • 2000 Jahre sind die Samen von Dattelpalmen alt, die Forscher jetzt zum Keimen gebracht haben . Die Samen stammen aus dem südlichen Israel. Als die Samen damals zu Boden fielen, erstreckte sich dort noch das Königreich Judäa, das berühmt war für seine Dattelplantagen mit besonders großen und süßen Früchten.  

  • Schon mit anderthalb Jahren sind Kinder zu selbstloser Hilfe fähig - sogar dann, wenn sie dafür auf eine leckere Banane verzichten müssen. 

Quiz* 

  1. Welches in Deutschland hergestellte Nahrungsmittel enthält lebende Spinnentiere?

  2. Wie lange kann ein Mensch maximal ohne Schlaf auskommen?

  3. Welches Tier bespritzt Angreifer mit seinem eigenen Blut? 

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter. 

Bild der Woche 

Auch die zauberischen Glühwürmchen sind, wie zahlreiche andere Insekten, in ihrer Existenz bedroht. Biologen ­haben jetzt versucht, die Gefahrenlage für die weltweit rund 2000 Leuchtkäferarten zu erfassen. Als zweitgrößtes Problem, gleich nach dem Verlust an Lebensräumen, stufen die Forscher das Vordringen künstlicher Beleuchtung ein. Wo die Nacht zum Tag wird, finden die schwach glimmenden Gaukelflieger nicht mehr zur Paarung zusammen. 

Foto: Kei Nomiyana/ Sony World Photography Awards

Fußnote  

Jahre lang rührte sich ein Grottenolm nicht von der Stelle. Davon gehen Forscher aus, die das stille Dasein dieser Lurche in einer Höhle im Süden von Bosnien-Herzegowina regelmäßig überwachten. Auch viele seiner Artgenossen bewegten sich über die Jahre nur um wenige Meter. Die Olme leben von Würmern oder kleinen Krebsen, die sich in ihre Nähe verirren. Dank ihrer unaufgeregten Lebensweise kommen Grottenolme notfalls jahrelang ohne Nahrung aus. 

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

  • Landwirtschaft:  Feldroboter und Überwachungsdrohnen sollen einen umweltschonenden Ackerbau ermöglichen

  • Zeitgeschichte:  Neue Dokumente zeigen, wie ein sowjetischer Spitzel das US-Atombombenprogramm ausspionierte

  • Medizin:  Interview mit dem Seuchenexperten Jeremy Farrar über den schwierigen Kampf gegen das Coronavirus

  • Tiere:  Ratten der Lüfte - was hilft gegen die lästigen Stadttauben?

*Quizantworten:  

  1. Der Würchwitzer Milbenkäse. Die namenspendenden Krabbeltiere, die in ihm wimmeln, sind rund einen halben Millimeter groß. Sie helfen dem Käse beim Reifen. Kenner schätzen den fruchtigen Geschmack nach Zitronengras, der entsteht, wenn die Milben beim Zubeißen ihre Abwehrsekrete versprühen.

  2. Dem amerikanischen Schüler Randy Gardner, 17, gelang es 1964, sich über 11 Tage und 25 Minuten wachzuhalten - zuletzt schwer zerrüttet und von Halluzinationen geplagt. Wegen der Auswirkungen auf Körper und Psyche gelten solche Rekordversuche heute nicht mehr als akzeptabel.

  3. Die kleine Krötenechse, die in den Wüsten des amerikanischen Südwestens lebt. Bei Gefahr bläst die Echse sich auf. Lässt der Angreifer dann nicht von ihr ab, senkt sie den Kopf und bespritzt ihn aus den Augenwinkeln mit ihrem eigenen Blut - spezielle Drüsen dienen als Distanzwaffe.

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