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29. April 2004, 16:23 Uhr

Wissenschaft und Religion

Wie Forscher nach Gott suchen

Für Astrophysiker ist die Entstehung und Entwicklung des Universums naturwissenschaftlich erklärbar. Dennoch bekennen sich gerade in jüngster Zeit viele Forscher als religiös. Für sie passen Gott und moderne Kosmologie zusammen.

Steinzeit-Observatorium Stonehenge: Forscher suchen nach dem Schöpfergott
REUTERS

Steinzeit-Observatorium Stonehenge: Forscher suchen nach dem Schöpfergott

Vor rund 5000 Jahren, etwa zu jener Zeit, als in den Alpen die letzte Stunde des Gletschermannes Ötzi schlug, errichteten Steinzeitmenschen in Südengland ein seltsames Bauwerk. Sie häuften einen Erdwall von 110 Metern Durchmesser auf, postierten darin Pfosten und Steine und türmten schließlich um 1600 v. Chr. jene gigantischen Steinquader auf, die der Stätte den Namen "Stonehenge" verliehen. Die Anlage war ein kultischer Ort - und zugleich ein Himmels-Observatorium. Mittels der Pfosten und Steine ließen sich die Auf- oder Untergänge von Sonne und Mond anpeilen, die Tageslängen bestimmen und sogar Mondfinsternisse vorhersagen.

In Stonehenge haben sich der Glaube an das Übernatürliche und die Beobachtung der Gestirne unübersehbar miteinander verwoben. Der Blick in den Himmel hat den Betrachtern nicht nur funkelnde Sterne, sondern auch Götter und Geschicke offenbart - und den Priester-Astronomen Macht und Ansehen übertragen.

Wenn der Heidelberger Astronom Klaus Meisenheimer im Jahr 2003 das nächtliche Firmament betrachtet, findet er den Anblick zwar faszinierend, doch sieht er nichts Göttliches im All. "Die Schwärze des Himmels, das Gefühl, unendlich weit sehen zu können, ist eine außerordentlich schöne Erfahrung", sagt er, "aber mehr auch nicht."

Ganz anders erlebt sein ehemaliger Doktorand Eduard Thommes, der am Institut für Theoretische Physik der Universität Heidelberg forscht, den Blick in das glitzernde Gefunkel. Er bekennt: "Wenn ich abends hinausgehe und in den Sternenhimmel schaue, dann spüre ich etwas Göttliches; ich fühle mich geborgen und geführt von einem persönlichen Gott." Obwohl die beiden Forscher von ihren gegenteiligen Auffassungen wussten, haben sie darüber nie miteinander geredet. Astrophysiker unterhalten sich eher über rationale Fragen, über Techniken der Beobachtung oder über die Plausibilität wissenschaftlicher Theorien. Fragen nach Gott zu stellen gilt offenbar als zu persönlich.

Ist Eduard Thommes mit seinem Glauben an einen kümmernden, liebenden Gott ein Relikt aus jener Zeit, in der Schöpfer und Gestirne gemeinsam gesehen wurden? Und vertritt sein Doktorvater die modernere, aufgeklärte und rationale Einstellung zum Glauben? Auf den ersten Blick mag dies so erscheinen, tatsächlich aber beziehen viele Astronomen auch das Unerklärbare in ihre Sicht der Welt ein.

In früheren Jahrhunderten hatten selbst die bedeutendsten europäischen Naturwissenschaftler kein Problem damit, göttliches Wirken und die Gesetze der Natur als miteinander vereinbar zu empfinden: Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton und selbst Einstein - sie alle waren gläubig. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hielten immer mehr Astrophysiker Gott für überflüssig. Mit der Entdeckung des Urknalls wurde die Entwicklung des Kosmos von seiner Geburt an verstehbar. Alles schien sich nach rein physikalischen Gesetzen zu vollziehen. Der Astronom und erklärte Atheist Carl Sagan stellte 1988 fest: "Für einen Schöpfer bleibt nichts zu tun."

Doch seit einigen Jahren kommt es unter den Naturwissenschaftlern zu einer Renaissance des Religiösen. Im April 1992 verkündete ein amerikanisches Astrophysiker-Team, es habe Schwankungen in der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung entdeckt und damit die frühesten Strukturen des Universums, nur 380.000 Jahre nach dem Urknall. Auf einer Pressekonferenz ließ sich Teamchef George Smoot zu den Worten hinreißen: "Dies waren die ursprünglichen Samen, aus denen sich alle heutigen Strukturen entwickelt haben. Wenn man religiös ist, bedeutet das, Gott zu erblicken."

Milchstraßen-Region DR21: "Die Existenz von Materie ist ein Wunder"
NASA/ JPL-Caltech

Milchstraßen-Region DR21: "Die Existenz von Materie ist ein Wunder"

Naturwissenschaftler gehen schon seit einiger Zeit Hinweisen auf die Existenz eines übernatürlichen Wesens nach, etwa die Physiker Paul Davies ("Der Plan Gottes") und Frank Tipler ("Die Physik der Unsterblichkeit"). Tipler ist sogar überzeugt, mit physikalischen Mitteln belegen zu können, dass es einen Gott, einen Himmel, eine Hölle und die Wiederauferstehung von den Toten gibt. Dabei degradiert er die Theologie - wenn sie nicht blanker Unsinn sein solle - kurzerhand zu einem Teilgebiet der Physik.

Eduard Thommes kann Tiplers These nichts abgewinnen: "Seine Interpretation ist sehr weit hergeholt. Tipler meint, er könne Gott mit der Physik beschreiben, doch das ist unmöglich. Das kann die Physik nicht leisten." Dem stimmt auch Arnold Benz vom Institut für Astronomie der ETH Zürich zu, der ebenfalls von der Existenz eines Schöpfers überzeugt ist. Benz hält zudem wenig von einem Gottesbegriff, der dort weiterhelfen soll, wo das physikalische Wissen an Grenzen stößt: "Gott ist kein Lückenbüßer."

Wenn sich Gott aber weder physikalisch beweisen lässt noch als Erklärung dessen dienen soll, was die Naturwissenschaft nicht mehr zu begreifen vermag - wie begründen Astrophysiker dann ihren Glauben?

"Die Naturwissenschaft hat Methoden entwickelt, mit denen sie erfolgreich einen Teil der Wirklichkeit beschreiben kann - aber eben nur einen Teil", erklärt Martin Federspiel, der am Planetarium der Stadt Freiburg das Wissen vom Weltall verständlich präsentiert. "Daher kommt die Naturwissenschaft auch nur zu bestimmten Antworten." Antworten auf Fragen, wie Geist und Materie zusammenhängen oder warum die Naturgesetze so sind und nicht anders, könnten, so Federspiel, die Naturwissenschaften nur gemeinsam mit der Philosophie und der Theologie suchen: "Da diese aber methodisch anders vorgehen, haben die Antworten auch eine andere Qualität."

Vom Atheist zum Gläubigen: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Wissenschaftler durch ihre Arbeit zu Gott finden

Von Michelangelo angefertigtes Kruzifix: Physiker reden selten über Glaubensfragen
AP

Von Michelangelo angefertigtes Kruzifix: Physiker reden selten über Glaubensfragen

Die Theologie basiert auf den religiösen Erfahrungen des Einzelnen, auf Introspektion und Offenbarungen - alles zwar Formen der Erkenntnis, aber eben keine naturwissenschaftlichen. Die so gewonnenen Antworten können jedoch, glaubt Federspiel, jene aus den Naturwissenschaften ergänzen.

Dass viele Physiker solche Erkenntnisse nicht als unwissenschaftlich abtun und einen festen Glauben entwickelt haben, findet meist eine plausible Erklärung. Bei Allan Sandage etwa waren es die Begegnungen des vernunftgeleiteten Forschers mit der Unendlichkeit und seine Fragen an der Grenze des physikalischen Wissens. "Als junger Mann war ich praktizierender Atheist", sagte der amerikanische Kosmologe. Sandage beschäftigte sich ein halbes Jahrhundert mit dem Alter der Sterne und wurde zu einem Großen seiner Zunft. Im Alter von 72 Jahren legte er ein überraschendes Glaubensbekenntnis ab: "Die Erforschung des Universums hat mir gezeigt, dass die Existenz von Materie ein Wunder ist, das sich nur übernatürlich erklären lässt."

Auch Arnold Benz hatte sich zum Glauben an Gott entschieden, bevor er als Astronom in die Tiefen des Weltalls spähte, ebenso wie John Polkinghorne, der wohl bekannteste Teilchenphysiker, der bekennender Christ ist. Der 1930 in England geborene Polkinghorne wuchs in einer anglikanisch geprägten Familie auf, studierte Physik an der University of Cambrigde, wurde dort 1968 Professor und arbeitete an der Theorie der Elementarteilchen.

Sein schon im Kindesalter geprägter Glaube führte ihn 1979 zu einer klaren Entscheidung: "Nach 25 Jahren hatte ich das Gefühl, meinen Teil zur Wissenschaft beigetragen zu haben und dass es an der Zeit sei, etwas anderes zu tun", erinnert sich Polkinghorne. Er verließ die Universität und wurde 1981 zum anglikanischen Pfarrer geweiht. In den Jahren darauf schrieb Polkinghorne zahlreiche Bücher, in denen er versuchte, den Kosmos als Schöpfung Gottes zu erklären, ohne dabei wissenschaftliche Grundsätze über Bord zu werfen.

Entstehung von Planeten (Simulation): Zu unwahrscheinlich, um nicht übernatürlichen Ursprungs zu sein?
REUTERS

Entstehung von Planeten (Simulation): Zu unwahrscheinlich, um nicht übernatürlichen Ursprungs zu sein?

Jene Astronomen und Astrophysiker, die mit ihrem Glauben in die Naturwissenschaften aufgebrochen sind, erleben den Kosmos voller wunderbarer Hinweise auf das Wirken Gottes. "Das Weltall ist uns so unwahrscheinlich günstig gesinnt, dass es geplant zu sein scheint", sagt etwa Andreas Tammann, Professor für Astronomie an der Universität Basel. "Wäre zum Beispiel die Materiedichte im Urknall nur um den zehn-hoch-vierzigsten Teil größer gewesen, wäre das Universum in kurzer Zeit wieder kollabiert." Mit dieser Erkenntnis kann Tammann in sein Weltbild problemlos einen Gott einbauen, der die Naturgesetze festgelegt und das Weltall "angeschoben" hat.

Tatsächlich scheint vieles im Kosmos exakt auf das menschliche Dasein ausgerichtet zu sein - Physiker sprechen vom anthropischen Prinzip. Wären die Stärke der Gravitation, die Ladung eines Elektrons oder die Masse eines Protons nur geringfügig anders, gäbe es weder Atome noch funkelnde Sterne und erst recht kein Leben. "Die feine Abstimmung der Naturgesetze inspiriert zu der Annahme, dass dies kein Zufall ist, sondern ein Zweck dahinter steht", sagt John Polkinghorne. Nach seiner Auffassung könnte Gott allgegenwärtig in den Weltenlauf eingreifen, auf eine Weise jedoch, die sich physikalisch nicht nachweisen lässt. Gott beeinflusse etwa chaotische Prozesse, die unvorhersehbar in verschiedene Richtungen verlaufen könnten.

Die Vorstellung, ein Weltenerschaffer könne auch heute noch das Geschick des Planeten oder gar einzelner Menschen lenken, überfordert nicht nur Skeptiker. "Ob Gott in die Welt eingreift, ist eine schwierige Frage", sagt auch Martin Federspiel. Dass Geschehnisse in der Welt zustande kommen, indem Gebete erhört werden oder Schutzengel tätig sind, hält er für schwer vorstellbar. Federspiel sieht eher ein mittelbares Wirken Gottes: "Sein Geist wirkt in den Menschen, wenn sie es zulassen, und die Menschen wirken in der Welt."

Viele Wissenschaftler sind sich - ob gläubig oder nicht - gerade in jüngerer Zeit erneut der Grenzen der Naturwissenschaften bewusst geworden. So machen Forscher immer wieder die Erfahrung, dass die Lösung eines Problems eine Vielzahl neuer Fragen aufwirft und die Komplexität des Universums zunimmt. Womöglich bedarf es nicht einmal eines starken Glaubens, um sich ein Eingreifen Gottes zumindest vorstellen zu können. "Gott ist seit einiger Zeit jedenfalls kein Tabuthema mehr", bestätigt Eduard Thommes. "Es kommt inzwischen häufiger vor, dass man unter Kollegen darüber redet."

Das entspannte Verhältnis zwischen Astrophysik und Theologie ist allerdings in der Neuen Welt augenfälliger als in Europa. In den USA gehört Religiosität zum Alltag wie zur Politik. Rund 90 Prozent der US-Bürger glauben an Gott, 80 Prozent an die Auferstehung, und an vielen theologischen Fakultäten der Universitäten gibt es das Fach "Science and Religion".

Bereits 1972 gründete der Milliardär und Philanthrop Sir John Templeton eine Stiftung, die jährlich ein Preisgeld von einer Million Dollar an Persönlichkeiten vergibt, die sich um die Verbindung zwischen Wissenschaft und Spiritualität verdient gemacht haben. John Polkinghorne war der Preisträger des Jahres 2002, der Physiker Paul Davies wurde 1995 ausgezeichnet.

In Deutschland dagegen bleiben die Kirchen häufig leer. Der Glaube spielt im öffentlichen Leben allenfalls eine Nebenrolle, und doch lässt er Forscher wie Arnold Benz nicht kalt: "Für mein astrophysikalisches Handwerk brauche ich die tiefere Einsicht durch den Glauben zwar nicht, wohl aber für meine Motivation und meine Faszination - schließlich bin ich ein Mensch."

Henning Engeln, GEO Wissen

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