Wissenschaftliche Revolutionen Das Wunder des Traktors

Wir können Tiere klonen, träumen von Stringtheorie und Parallelwelten. Doch was hat all das wirklich verändert? Nicht viel, meint der Physiker Carlo Rovelli. Echte Revolutionen passieren im Stillen - so wie die Erfindung des Traktors, der einst die Landwirtschaft und das gesamte Leben umkrempelte.

Trecker in Bayern: Wie glaubwürdig sind Träume von Parallelwelten?
ddp

Trecker in Bayern: Wie glaubwürdig sind Träume von Parallelwelten?


Ich bin mit der Erwartung aufgewachsen, dass ich als Erwachsener zum Mars reisen würde. Ich habe erwartet, Krebs und Grippe - überhaupt alle Krankheiten - würden heilbar sein; Roboter würden die Arbeit verrichten; die Biochemie des Lebens wäre vollständig entschlüsselt; es wäre möglich, geschädigte Organe in jedem Krankenhaus wiederherzustellen; die Nationen dieser Welt würden friedlich nebeneinander her leben und dank neuer Technologien gedeihen; und die Physik wüsste, was sich im Inneren eines Schwarzen Lochs abspielt.

Ich habe große Veränderungen erwartet, die nicht eingetreten sind.

Wir sollten aufgeschlossen bleiben: Es ist nach wie vor möglich, dass sie noch eintreten werden. Es ist möglich, dass unerwartete Fortschritte alles verändern werden - in der Vergangenheit ist dies auch geschehen. Aber - wir sollten tatsächlich aufgeschlossen sein - es ist ebenso gut möglich, dass diese großen Veränderungen nicht stattfinden werden.

Vielleicht bin ich aufgrund meines eigenen Forschungsgebiets, der theoretischen Physik, vorbelastet. Ich bin mit einer Ehrfurcht und Bewunderung für die Physik der zweiten Hälfte des 19. und des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts aufgewachsen.

Welch ein Wunder! Die Entdeckung elektromagnetischer Felder und Wellen, das Verständnis der Thermodynamik mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die spezielle Relativitätstheorie, Quantenmechanik, die allgemeine Relativitätstheorie... gekrümmte Raumzeiten, Wahrscheinlichkeitswellen und Schwarze Löcher. Was für ein Fest! Die Welt verwandelte sich alle 10 Jahre vor unseren Augen, die Wirklichkeit wurde immer subtiler, immer schöner.

Ich wollte neue Welten sehen, bin in die theoretische Physik mit eingestiegen. Was ist in den letzten 30 Jahren Großartiges passiert? Wir sind uns nicht sicher. Vielleicht nicht viel. Es gibt große Träume, wie die Stringtheorie und Parallelwelten. Aber sind diese glaubwürdig? Wir wissen es nicht. Vielleicht hat dieselbe Leidenschaft, die mich in Richtung Zukunft bezaubert hat, große Teile der heutigen Forschung in sinnlose Sackgassenträume getrieben. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht verstehen wir tatsächlich, was vor dem Urknall passiert ist (ein "Big Bounce", also ein Großer Rückprall?) und was weit unten auf der Planck-Skala stattfindet ("Schleifen"? Raum und Zeit, die ihre Bedeutung verlieren?).

Wir sollten die Möglichkeit erwägen, dass wir langsam dorthin kommen - wir sollten fest daran arbeiten, dass wir tatsächlich dort ankommen. Aber wir müssen auch bereit sein zu erkennen, dass wir vielleicht nicht dort sind. Vielleicht sind unsere Träume genau das: Träume. Zu oft höre ich "der große Wurf steht unmittelbar bevor". Inzwischen schlafe ich eher ein, wenn ich höre, etwas stehe "unmittelbar bevor". In der Physik höre ich schon seit 15 Jahren, dass wir "kurz davor stehen, die Supersymmetrie zu beobachten".

Weckt mich bitte einfach, wenn wir tatsächlich angekommen sind.

Ich möchte nicht pessimistisch klingen. Ich möchte nur zur Vorsicht mahnen. Vielleicht wird uns das, was tatsächlich alles verändert, gar nicht besonders glamourös erscheinen.

Der Traktor und Hygiene haben alles verändert

Was hat in der Vergangenheit tatsächlich alles verändert? Hier zwei Beispiele: Bis vor ein paar Jahrhunderten arbeitete 95 Prozent der Menschheit auf dem Land als Bauern. Das heißt, von 100 Menschen waren 95 nötig, um die Gemeinschaft zu ernähren. Damit blieben ein paar Glückliche übrig, die alles andere erledigten. Heute arbeiten nur ein paar Prozent der Menschen auf den Feldern. Ein paar Wenige genügen, um alle anderen zu ernähren. Das bedeutet, der großen Mehrheit von uns - mich selber eingeschlossen, und meine Leser vermutlich auch - steht es frei, etwas anderes zu tun, am Aufbau der Welt mitzuarbeiten, die wir bewohnen - einer besseren, vielleicht.

Was hat eine so große Veränderung unseres Lebens ermöglicht? Vorwiegend ein einziges technisches Werkzeug: der Traktor. Diese bescheidene landwirtschaftliche Maschine hat unser Leben vielleicht noch mehr verändert als das Rad oder der elektrische Strom. Ein weiteres Beispiel? Hygiene. Unsere Lebenserwartung hat sich nahezu verdoppelt. Das verdanken wir überwiegend dem Händewaschen und dem Duschen. Veränderung entsteht oft dort, wo sie nicht erwartet wird. Die IBM-Geschäftsführung kam zu Beginn der Computer-Revolution zu der Einschätzung: "Der weltweite Markt für Computer beläuft sich höchstens auf ein paar Dutzend Geräte."

Was ist also die Moral der Geschichte? Voraussagen zu machen ist natürlich schwer, besonders wenn es um die Zukunft geht. Es ist gut, von großen Veränderungen zu träumen, aktiv nach ihnen zu suchen und für sie aufgeschlossen zu sein. Ansonsten stecken wir hier fest. Aber wir sollten uns nicht von der Hoffnung blenden lassen. Die Träume und Hoffnungen der Menschheit verwirklichen sich manchmal, manchmal scheitern sie in großem Stil. Das soeben zu Ende gegangene Jahrhundert weist bedeutende Beispiele von beidem auf. Bei der Edge-Frage geht es darum, was ich noch zu meinen Lebzeiten erleben werde, was alles verändern wird.

Was, wenn die Antwort einfach "Nichts" lautet? Sind wir in der Lage, Medienrummel von wahrer Substanz zu unterscheiden? Dolly mag ja wissenschaftlich gesehen wichtig sein, aber für mich ist sie einfach eine Zwillingsschwester, die auf eigenartige Weise zur Welt gekommen ist: Sie hat in meinem Leben nicht viel verändert, bisher nicht. Wird sie es tatsächlich tun?

Übersetzt von Daniel Bullinger



insgesamt 17 Beiträge
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mbschmid, 16.06.2009
1. Newtons wichtigste Erfindung
Was ist Newtons Gravitationsgesetz schon gegen seine wichtigste Erfindung, die Katzenklappe.
anders_denker 16.06.2009
2. die welt von morgen?
ja, der traktor hat ewas verändert. ja die hygiene auch. nicht zu vergessen das wissen, das in den letzten jahrhunderten dank buchdruck immer verfügbarer wurde und durch zunehmende bildung auch der bauernkinder (also der 95% gesellschaftsernährer) jedem verfügbar wurde. leider läuft gegenwärtig der film rückwärts. wissenschaftliche und kulturelle werke soll es nur gegen bezahlung geben. soweit, so gut. das aber durch die elektronische verbreitung ein weiterer kostenaspekt wegfällt, das produkt leichter und schneller reproduzierbar wird (wie dies enst der buchdruck revolutionierte) wird unterschlagen. nicht cents soll es kosten sich zu bilden sondern viele euros. richtig blechen sollen unsere bücherhallen und bibliotheken? selbst kleinigkeiten werden patentiert. heutzutage könnte man keinen traktor mehr erfinden, ohne das er unzählige schutzrechte verletzen würde. trivialpatente nennt man dies. die gier, auch noch das letzte herauszupressen macht unsere welt kaputt, die welt, in der alle friedlich zusammenleben könnten. 95% werden wieder rackern, für die 5% die was anderes tun können.
bdforever 16.06.2009
3. ...das Wunder das Traktors... :-(
So. Der Traktor war's also, der unsere Landwirtschaft so revolutioniert hat. Wegen ihm sind also keine 95% der Bevölkerung mehr in der Landwirtschaft sondern in den Städten und können so einen Sch... schreiben. Zu diesen Erkenntnissen kommt man also, wenn man als theoretischer Physiker über das Landleben nachdenkt. Wenn Du nur geschwiegen hättest... Wie wär's denn mit den modernen Anbaumethoden, der Erfindung preiswerter Kunstdünger und der Schaffung moderner Hochleistungssorten von Nutzpflanzen? Ganz zu schweigen von der Andwendung industrieller Methoden auf diesen Bereich, mit Massentierhaltung und spezialisierten Großbetrieben... In der letzten Zeit habe ich den Eindruck daß das intellektuelle Niveau einiger Artikel doch sehr zu wünschen übrigläßt. Haben wir schon Sommer und die echten Redakteure sind auf Urlaub?
sir 16.06.2009
4. Waschtag
Diese Geschichte mit dem Traktor ähnelt der alten Theorie, dass nicht die Frauenbewegung die westliche Frau befreit hat, sondern Alva John Fisher, indem er 1901 die erste elektrische Waschmaschine erfand, die seit den 50ern erschwinglich wurde, und so den Waschtag zu Waschminuten verkürzte.
Wurst_1 16.06.2009
5. Teerfarbstoffe, Zeit
Eine der wichtigsten Erfindungen war die Entdeckung der Teerfarbstoffe. Denn erst damit war es möglich, bestimmte Erreger/Körperzellen einzufärben und so überhaupt erst unter dem Mikroskop zu entdecken/erforschen. Als Folge dieser Entdeckung konnte die Notwendigkeit von Hygiene messbar begründet werden - und mit der Behandlung von Erregern mittels Chemikalien (Salvarsan) wurde die chemische Krankheitsbehandlung möglich. Und Antibiotika wie das Penicillin gab es erst nach dem 2. Weltkrieg. Zu den Überlegungen ´Stringtheorie/Parallelwelten´ muss man feststellen, dass dies ganz nette Theorien sind - und das ist auch gut so. Allerdings ist bis heute noch nicht einmal definiert, was ´Zeit´ überhaupt ist. Wenn aber eine grundlegende Dimension wie die Zeit noch nicht definiert werden kann - dann werden darauf aufbauende Theorien wie die Stringtheorie - mit ihren 12-16 Dimensionen - ganz schnell zum modernen Märchen. Genau so ist es mit den Parallelwelten. Wenn es keine Definition für Zeit gibt, dann ist diese Idee als Denkmodell/Theorie zwar zulässig - es ist aber auch gleichwertig zulässig, diese Idee als modernes Märchen zu bezeichnen.
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