Wissenschaftsmagazine Papierimperium hetzt gegen freies Web

Die Idee frei zugänglicher Wissenschaftsmagazine im Netz findet immer mehr Anhänger. Traditionelle Fachverlage wollen das nicht hinnehmen und suchen Hilfe bei einem umstrittenen PR-Berater, um den Kampf gegen die Verfechter eines freien Informationsflusses aufzunehmen.

Früher war die Welt noch im Lot. Um Wissen zu erlangen, beugten sich Gelehrte über dicke Bücher. Bibliotheken waren die Hüter der Literatur, ohne die keine Forschung stattfinden konnte, und neue Ergebnisse wurden in hochspezialisierten, teuren Fachzeitschriften veröffentlicht, die wiederum fast ausschließlich Experten zur Verfügung standen. Das Internet hat diese Verhältnisse ins Wanken gebracht.

Rebellen des Informationszeitalters machen mobil gegen den bisher herrschenden Wissenskapitalismus und propagieren den freien Zugang zum akademischen Elfenbeinturm. Forschungsergebnisse sollten ihrer Ansicht nach jedem Menschen zur Verfügung stehen – weltweit, jederzeit und kostenlos. Einige wissenschaftliche Verlage sehen das anders. Sie fühlen sich in ihrer Existenz bedroht und greifen jetzt im Abwehrkampf gegen die "free information movement" zu härteren Mitteln. Der mächtige Verlagsverband "Association of American Publishers” (AAP) hat hierfür offenbar den Public Relations-Spezialisten Eric Dezenhall engagiert, eine Entscheidung, die Wellen schlägt.

Dezenhall gilt als Pit Bull der PR-Branche. Seiner Firma Dezenhall Resources mit Sitz in Washington eilt ein Ruf wie der eines Geheimdienstes voraus, mit unkonventionellen, aber wirksamen Methoden. Über Projekte und Auftraggeber wird Stillschweigen bewahrt. Manches ist dennoch durchgesickert: "Business Week" berichtete im vergangenen Jahr über einige Dezenhall-Kunden, zu denen unter anderem der wegen Betrugs zu 24 Jahren Haft verurteilte ehemalige Enron-Chef Jeffrey Skilling gehörte. Auch Greenpeace soll schon ins Visier der PR-Söldner geraten sein – im Auftrag des Ölgiganten Exxon Mobil.

"Zusammenarbeit mit einer PR-Firma"

Dass die angesehene AAP Dezenhall angeheuert hat, kam durch E-Mails, welche der Redaktion des britischen Wissenschaftsmagazins "Nature" zugespielt wurden, ans Licht. In ihnen ist von einem Treffen im vergangenen Sommer die Rede, Eckpunkte einer möglichen Strategie werden ebenfalls genannt. Simpel sollte sie sein, basierend auf Slogans.

Der AAP sind die Enthüllungen offensichtlich höchst peinlich. Vize-Präsidentin Barbara Meredith lehnt jeglichen Kommentar ab und verweist stattdessen auf eine offizielle schriftliche Stellungnahme. Darin werden weder Dezenhall noch eine PR-Kampagne erwähnt. Brian Crawford von der dem AAP angeschlossenen American Chemical Society (ACS) bestätigt immerhin die "Zusammenarbeit mit einer PR-Firma", ohne jedoch weitere Details nennen zu wollen.

Ginger Pinholster, Sprecherin des "Science"-Magazins, findet dagegen klare Worte. "Wir sind nicht an Dezenhalls Engagement beteiligt und sind sehr enttäuscht über diese Entscheidung der AAP", betont sie. "Science" und Konkurrent "Nature", Enthüller der Geschichte, gelten als die renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften weltweit. Die Verlage beider Magazine sind AAP-Mitglieder. Offenbar fürchtet man um den seriösen Ruf des Verbandes. Dezenhall selbst möchte sich zu den internen Differenzen nicht äußern. "Dazu müsste ich die Identität meiner Kunden bestätigen, und das kann ich nicht tun", erklärt er gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Ein Blick auf Dezenhalls Firmen-Homepage bietet interessante Einblicke in die Unternehmensphilosophie. Dort wird abgebrühter Realismus empfohlen. Die Welt ist eben voller Feinde wie machthungrige Umweltschützer und Habenichtse, die auf das Vermögen anderer Leute schielen. Dezenhalls Credo: "Es ist nicht unmoralisch, sich selbst zu verteidigen." Und der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel.

Publish or perish

Die Bösewichte, auf welche die AAP Dezenhall losschickt, sind sogenannte Open-Access-Verlage wie die Public Library of Science (PloS) und BioMed Central, sowie das staatliche US-amerikanische National Institute of Health (NIH) mit seiner Online-Bibliothek PubMed Central. Erstere haben eigene Fachzeitschriften gegründet, über die sie Forschungsergebnisse im Internet frei zugänglich machen. Die NIH bittet dagegen Wissenschaftler, ihre publizierten Texte für PubMed Central zur Verfügung zu stellen. Eventuelle Sperrfristen seitens der Verlage werden noch berücksichtigt. Zukünftig soll es Pflicht werden, Ergebnisse von mit NIH-Geldern finanzierten Forschungsarbeiten einzureichen.

Die Verfechter des freien Informationsflusses können handfeste Argumente vorweisen. Die Zahl der heutzutage erscheinenden "Journals" ist enorm. Alleine das Verlagshaus Blackwell bringt mehr als 900 Zeitschriften zu den verschiedensten Fachgebieten heraus, von Fischereibiologie bis Sexualmedizin. Stolze Preise sind die Regel: Ein Jahresabo für das "Journal of Anatomy" kostet eine Institution zum Beispiel 965 Euro. Wer als Wissenschaftler erfolgreich arbeiten will, braucht Zugriff auf mindestens ein paar Dutzend solcher Fachzeitschriften. Finanzschwache Forschungsinstitute in Drittweltländern haben da schnell das Nachsehen. Für sie gibt es zwar Förderprogramme, doch diese werden von Kritikern als ineffizient und unzureichend bezeichnet. Abgesehen davon wird der freie Informationsfluss den wissenschaftlichen Fortschritt im Ganzen beflügeln, sagen die Befürworter.

Freiheit der Forschung in Gefahr?

Eigene Ergebnisse zu veröffentlichen ist für Wissenschaftler karriereentscheidend. "Publish or perish", heißt es in der Fachwelt – publiziere oder verende. Wer eine lange Liste von Artikeln in angesehenen Zeitschriften vorweisen kann, wird bei der Vergabe von Forschungsgeldern bevorzugt. Die Magazine selbst werden nach dem "Citation Index" beurteilt, ein umstrittenes Maß für die wissenschaftliche Bedeutung ihres Inhalts. Über dessen Qualität wachen Experten, die sogenannten Peers. Und genau hier wollen Dezenhall und die AAP ansetzen.

Die Traditionsverlage werden als Hüter wissenschaftlicher Zuverlässigkeit dargestellt, zu deren Geschäftsmodell es "keine glaubwürdige Alternative" gebe, heißt es in der Verbandserklärung. Die großen Open-Access-Verlage prüfen ihre Inhalte jedoch nach demselben Verfahren wie konventionelle Herausgeber. Ihre Verwaltungskosten legen die Open-Access-Magazine jedoch auf die jeweiligen Autoren um, sofern diese nicht ein Sponsor übernimmt. In der Regel müssen Autoren einige hundert Euro für die Abwicklung des Peer Review bezahlen. Herkömmliche Magazine decken diese Kosten über die Abo-Gebühren.

Dem National Institute of Health unterstellt die AAP sogar die Möglichkeit einer staatlichen Kontrolle über die Freiheit der Forschung. Die Angegriffenen lassen die Vorwürfe offensichtlich kalt. NIH-Sprecher Don Robusky möchte die AAP-Ausführungen nicht kommentieren, und Mark Patterson von der PloS betrachtet sie gar als Zeichen von Agonie. "Die Aktion zeigt, wie stark die Open-Access-Bewegung geworden ist", sagt der Verlagsdirektor, und fährt selbstbewusst fort: "Eine umfassender freier Zugang ist bereits jetzt unausweichlich."

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