Wissenschaftsskandal Tabaklobby bestach Mediziner

Seitens der Tabakindustrie Skandinaviens floss reichlich Geld an renommierte Mediziner. Die gesponserten Ärzte verharmlosten dafür die Gefahren des passiven Rauchens.


Kopenhagen - Enthüllungen über diskrete, aber betont üppige Zuwendungen der Tabakindustrie an bekannte skandinavische Mediziner haben die Öffentlichkeit im Norden Europas aufgeschreckt.

Royale Vorbilder: Königin Margrethe II raucht gerne in der Öffentlichkeit
DPA

Royale Vorbilder: Königin Margrethe II raucht gerne in der Öffentlichkeit

Ins Rollen kam die Enthüllungsserie mit einem Bericht der Zeitung "Jyllands-Posten". Darin hieß es, dass der inzwischen 82-jährige Mediziner Tage Voss pro Monat umgerechnet 3500 bis 6500 Mark vom US-Konzern Philip Morris dafür kassierte, dass er sich öffentlich gegen die Anti-Raucher-Gruppen äußerte. Er war seit Jahrzehnten als seriöser, engagierter und oft eigenwilliger Gesellschaftskritiker in Dänemark bekannt.

Die meist als Kardiologen tätigen Ärzte kassierten demnach hunderttausende Kronen für diskrete, aber mit wissenschaftlicher Durchschlagskraft versehene Lobbyarbeit, bei der vor allem die Gefahren des passiven Rauchens als unbewiesen oder nicht vorhanden dargestellt werden sollten.

Der schwedische "Koordinator"

Philip Morris griff noch direkter in die wissenschaftliche Debatte im benachbarten Schweden ein. Hier betätigte sich der Mediziner Torbjörn Malmfors vom Stockholmer Karolinska Institut, das jedes Jahr den Medizin-Nobelpreis vergibt, als Koordinator eines ganzen Netzwerkes "wohlgesonnener" Kollegen. Das brachte ihm nach Angaben der Zeitung "Aftonbladet" zusammen mit zwei besonders aktiven Medizinern umgerechnet 60.000 Mark (300.000 Kronen) ein. Einer von ihnen war der Kardiologe Lars Werkö, der immer wieder öffentlich äußerte, die Gefährlichkeit von passivem Rauchen sei unbewiesen.

Auswahlkriterium der Tabak-Lobbiysten für ihre bezahlten Helfer war deren Reaktion auf Fachartikel über das passive Rauchen, die den Medizinern testweise zugeschickt wurden. Reagierten sie fragend oder ablehnend, bot der US-Konzern ihnen eine Kooperation gegen Bezahlung an. So waren auch in Norwegen medizinische Fachstudien zu Stande gekommen, mit denen die Gefahren von passivem Rauchen als unbewiesene Behauptungen heruntergespielt wurden.

Die royalen Vorbilder in Dänemark

Weit mehr noch als bei den Nachbarn in Norwegen und Schweden ist Rauchen bei jungen Dänen weiter "in". Jedermann in Dänemark weiß auch, dass Königin Margrethe II., ihr Gemahl Prinz Henrik sowie die beiden Prinzen Frederik und Joachim kräftig rauchen.

In internationalen Statistiken führen die dänischen Frauen inzwischen nach Angaben das staatlichen "Tabakschaden-Rates" mit einer Raucherinnen-Quote von 37 Prozent im Vergleich zu 22 Prozent in Deutschland. 12.000 durch Rauchen bedingte Todesfälle pro Jahr machen eine Quote von 20 Prozent aller Sterbefälle in Dänemark aus. Nichtraucher-Aktivisten in Dänemark halten die Enthüllungen der letzten Wochen für bitter nötig.

Vor wenigen Wochen war die dänische Tabakindustrie schon in die Schlagzeilen geraten, als sie das sonst weltweit gut gehütete Geheimnis der genauen Zusammensetzung von Zigaretten lüftete. Dabei war unter anderem herausgekommen, dass Zigaretten entgegen bisheriger Behauptungen immer noch Ammoniak beigefügt wird, das als abhängig machender Stoff gilt. Damit vor allem Anfänger den bitteren Geschmack von Nikotin nicht merken und am Rauchen nicht durch Halsbeschwerden gehindert werden, werden den Zigaretten Lakritz und Süßstoffe beigegeben.



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