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21. Dezember 2011, 21:42 Uhr

Wissenschaftsstreit

Werft den "Irischen Riesen" ins Meer!

Nun also doch? 200 Jahre steht das Skelett des sogenannten Irischen Riesen in einem Londoner Museum. Jetzt fordern Wissenschaftler, den letzten Willen des Toten zu respektieren und seine Leiche im Meer zu bestatten. Doch der Museumsdirektor stellt sich quer.

London - Ein bizarrer Streit erhitzt die Gemüter im britischen Museumsbetrieb: In seinem letzten Willen verfügte der im 18. Jahrhundert als "Irischer Riese" bekannt gewordene Charles Byrne, nach seinem Tod im Meer bestattet zu werden. Doch bis heute wird das Skelett des 2,30 Meter großen Mannes im Museum ausgestellt. Darüber erzürnen sich jetzt hochrangige Wissenschaftler.

Der Londoner Medizinethiker Len Doyal und der irische Jurist Thomas Muinzer fordern nun in einem Artikel der Fachzeitschrift "British Medical Journal", den letzten Willen des "Irischen Riesen" doch noch zu erfüllen. "Als Zeichen des Respekts für Byrnes letzten Willen sollte sein Skelett auf See als Teil einer Gedenkfeier begraben werden", heißt es in dem Artikel.

Der Direktor des Hunterian-Museums, Sam Alberti, wies die Forderungen jedoch zurück. Das Skelett sei für Bildungs- und Forschungszwecke von großem Wert und müsse deshalb erhalten und weiter im Museum ausgestellt werden.

Der junge Ire Byrne war Ende des 18. Jahrhunderts von Littlebridge in Irland nach London gekommen und dort wegen seiner außergewöhnlichen Körpergröße berühmt geworden. Byrne, der 1783 im Alter von 22 Jahren gestorben war, habe schon zu Lebzeiten gefürchtet, als Ausstellungsstück des Chirurgen John Hunter zu enden, heißt es in dem Artikel. Deshalb habe er verfügt, nach seinem Tod im Ärmelkanal versenkt zu werden.

Doch der Chirurg Hunter bestach die Freunde des Toten und sicherte sich so die Leiche, die er anschließend kochte, bis nur noch das Skelett übrig blieb - so machte er Byrne zur Hauptattraktion seiner anatomischen Sammlung. Derzeit wird das Skelett des Hünen im Hunterian-Museum in London gezeigt.

Die Geschichte könne zwar nicht rückgängig gemacht, aber zumindest "moralisch korrigiert" werden, meinen Doyal und Muinzer nun rund 200 Jahre nach der verhinderten Seebestattung. Schließlich sei die DNA des Mannes entnommen worden und könne für weitere Forschungszwecke eingesetzt werden.

vks/AFP

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