Christian Stöcker

Raubtiere auf deutschem Boden Der Wolf und die bösen Geißlein

Der Wolf ist wieder da. Die AfD sorgt sich um die Sicherheit von Schulkindern, Berufsschäfer berichten von "unerträglicher Angst". Ist das nicht doch ein bisschen übertrieben? Fragen wir die Gebrüder Grimm.
Wolf (in einem Tierpark in Sachsen-Anhalt)

Wolf (in einem Tierpark in Sachsen-Anhalt)

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ dpa

"Nun, Bruder Wolf", sprach der Fuchs, "wie bist du mit dem Menschen fertig geworden?" - "Ach", antwortete der Wolf, "so hab ich mir die Stärke des Menschen nicht vorgestellt."

Grimms Märchen, "Der Wolf und der Mensch"

Wenn man nur die Standardgeschichten im Gedächtnis hat, könnte man meinen, dass der Wolf im deutschen Märchenschatz sehr schlecht wegkommt. Er schlingt Großmütter, Kinder und Geißlein am Stück herunter, er lügt und betrügt - und ist am Ende dann doch immer dumm genug, sich austricksen zu lassen. Eigentlich ein Trottel. Aber ein böser und gefährlicher.

Tatsächlich stimmt nicht einmal das, wenn man sich die Mühe macht, alle Wolfsmärchen zu lesen. In einer nicht sehr spannenden und vermutlich deshalb auch wenig bekannten Grimm-Geschichte namens "Des Herrn und des Teufels Getier" steht sogar, dass "Gott der Herr" die Wölfe geschaffen und "zu seinen Hunden auserwählt" habe. Der Teufel dagegen habe die Geißen gemacht und ihnen seine eigenen Augen gegeben. Das eröffnet, nebenbei bemerkt, eine völlig neue Lesart der Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein: armer Wolf, ermordet von der Satansbrut und ihrer tückischen Mutter.

Lahm geprügelt, totgeschlagen, aufgeschlitzt, ersäuft

Manchmal hilft der Märchenwolf den Menschen sogar. Die einzigen, die sich wirklich vor ihm hüten müssen, sind kleine Tiere, Kinder und Alte, und das reflektiert vermutlich auch das kollektive Gedächtnis der Mitteleuropäer zu dieser Zeit. Sobald der Wolf auf einen Jäger oder eine wütende Bäuerin trifft, gewissermaßen die personifizierte menschliche Zivilisation, ausgestattet mit Waffen, angstfrei und entschlossen, geht es schlecht für ihn aus. Schrot ins Gesicht, mit dem Hirschfänger traktiert, so wie im eingangs zitierten "Der Wolf und der Mensch", lahm geprügelt, totgeschlagen, aufgeschlitzt, ersäuft.

Auch seit die echten Wölfe im Jahr 2000 nach Deutschland zurückgekehrt sind, leben sie hierzulande wieder gefährlich. Mindestens 29 wurden bislang von Wilderern getötet, 180 starben bei Verkehrsunfällen.

Pädagogische Märchen für eine andere Zeit

Vermutlich war es vor 200 Jahren durchaus sinnvoll, Kindern - Rotkäppchen - in Form von Gruselgeschichten zu vermitteln, dass man zu Wölfen lieber keine allzu engen Kontakte pflegen sollte. Tatsächlich werden die Tiere dem Menschen höchstens dann gefährlich, wenn der dumm genug ist, sie zu füttern oder zu provozieren - oder in Fällen von Tollwut.

Trotzdem geht in Teilen Europas inzwischen wieder die Angst vor den Raubtieren um. Als im September 2017 eine britische Wanderin von wilden Tieren getötet wurde, gab es europaweit aufgeregte Berichterstattung. Dabei kann es gut sein, dass die Frau gar nicht Wölfen, sondern verwilderten Hunden zum Opfer gefallen war .

Hüte dich vor dem Jäger, Mensch

Überhaupt ist es wesentlich wahrscheinlicher, von einem Hund gebissen oder gar getötet zu werden als von einem Wolf. Dem statistischen Bundesamt zufolge  sterben in Deutschland pro Jahr eine bis sechs Personen an den Folgen eines Hundebisses. In den letzten 40 Jahren hat es dem norwegischen Wolfsforscher John Linnell zufolge  in ganz Europa dagegen keinen einzigen tödlichen Wolfsangriff gegeben. Dokumentiert ist einzig ein Fall mit eingesperrten Tieren aus einem schwedischen Tierpark.

Es ist sogar deutlich wahrscheinlicher, als Mensch von einem menschlichen Jäger getötet zu werden als von einem Wolf. Das kann man unter anderem deshalb mit großer Gewissheit sagen, weil diverse Tierschutzorganisationen mit einer leicht morbiden Akribie Jagdunfälle und mit Jägerwaffen begangene Morde katalogisieren . Es ist eine Menge Gift in der Debatte, von beiden Seiten.

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Raubtier: Die Wölfe sind zurück

Foto: Bundesforstbetrieb/BImA/Jüttner/ picture alliance / dpa

In Deutschland gibt es zurzeit 60 Wolfsrudel und 16 Wolfspaare, die meisten in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Die Jagd auf die Tiere ist verboten, weil ihr Bestand noch immer nicht gesichert ist. Mit Ausnahmen: Sogenannte Entnahmen sind zulässig, wenn ein Tier krank ist, eine Gefahr von ihm ausgeht oder es hohe wirtschaftliche Schäden anrichtet. Wenn der Mensch den Daumen senkt, hat der Wolf auch heute keine Chance.

Rotkäppchen, ick hör Dir trapsen

Als im Februar im Bundestag über das Thema gesprochen wurde, meldeten sich trotzdem gleich aus drei Parteien Abgeordnete zu Wort, die gern die Jagd auf Wölfe erlauben möchten, zumindest ein bisschen. Den Vogel schoss wie zu erwarten ein Vertreter der einzigen auf irrationale Ängste spezialisierten Bundestagspartei ab: Der AfD-Abgeordnete Karsten Hilse behauptete, Wölfe liefen "immer öfter seelenruhig durch Dörfer und an Bushaltestellen vorbei, an denen nur wenige Stunden zuvor Kinder auf ihren Schulbus warteten". Rotkäppchen, ick hör Dir trapsen. Vermutlich machen der AfD auch die ständigen illegalen Grenzübertritte zu schaffen, die nun mal zum Wesen des Wolfs gehören.

Jedenfalls ist er wieder da, und mit ihm sind es irgendwie auch all die alten Emotionen. Kollektive Ängste, über Hunderte von Jahren konserviert. Doch in dieser Zeit hat sich das Kräfteverhältnis zwischen Wolf und Mensch noch viel weiter verschoben.

Zwei Berufsgruppen gibt es, die Wölfe mit einer gewissen Berechtigung nicht leiden können: Viehwirte und Schäfer. Wölfe töten nicht nur Wild, sondern auch mal Schafe und Ziegen, wenn die nicht ausreichend eingezäunt sind oder von speziell ausgebildeten Hunden bewacht werden. Gelegentlich reißen sie auch mal ein Kalb. Manchmal tötet ein Rudel Dutzende Schafe, wenn die Herde wegen eines Zaunes nicht flüchten kann, und lässt die Kadaver einfach liegen. Die Wölfe sind so wehrlose Beute nicht gewöhnt und drehen dann durch, wie ein Ausgehungerter am All-you-can-eat-Buffet.

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Wölfe in Deutschland: Jäger und Gejagte

Foto: imago/alimdi

So ein Wolfsangriff sei "ein Trauma für Mensch und Tier" hat Andreas Schenk vom Bundesverband der Berufsschäfer kürzlich bei einer Anhörung in einem Bundestagsausschuss gesagt, was man sich gut vorstellen kann. So eine Szene muss Horrorfilmqualität haben. Dann aber fügte Schenk einen Satz hinzu, der sehr schön zeigt, dass der Wolf hierzulande trotz allem eher ein emotionales als ein praktisches Problem ist: "Schon die Angst davor", sagte der Schäfer, "ist unerträglich".

Hinweis: Wir haben im Text ergänzt, dass es im Jahr 2012 einen tödlichen Wolfsangriff auf einen Menschen gegeben hat. Dieser fand jedoch nicht in der Wildnis, sondern in einem schwedischen Tierpark statt - das Opfer war eine Wärterin.