Daten zu versiegelten Flächen Zubetoniertes Deutschland

Forscher haben die Bebauung in Deutschland analysiert und herausgefunden: Das nächste Gebäude ist im Schnitt nie weiter weg als 1,5 Kilometer. Ausnahmen gibt es noch am ehesten dort, wo scharf geschossen wird.

Die Nachbarn sind nie weit entfernt - zumal in dieser Einfamilienhaussiedlung in Köln
Oliver Berg / dpa

Die Nachbarn sind nie weit entfernt - zumal in dieser Einfamilienhaussiedlung in Köln


Einfach mal an gar nichts denken, an niemanden. Die Einsamkeit und Ruhe eines Waldspaziergangs können dabei helfen, den Kopf frei zu bekommen, den Gedanken eine neue Richtung zu geben. Nur dass es mit der vermeintlichen Einsamkeit in der Realität offenbar gar nicht so weit her ist, jedenfalls nicht in Deutschland. Zu dieser Erkenntnis kommt man, wenn man sich die Forschungsarbeit ansieht, die ein Team um Martin Behnisch vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden gerade im Fachmagazin "Landscape and Urban Planning" veröffentlicht hat.

Die Wissenschaftler hatten einen Datensatz des Bundesamtes für Kartografie und Geodäsie ausgewertet. Dieser umfasst alle Gebäude des Landes - egal ob Wohnhaus, Fabrikgebäude, Gartenlaube oder Schafstall. Betrachtet wurden alle Bauten mit mehr als zehn Quadratmetern Grundfläche. Dabei zeigte sich: Egal, wo man sich in Deutschland befindet - das nächste Haus ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent höchstens 1,5 Kilometer entfernt. Irgendwas - beziehungsweise irgendwer - ist also immer da.

Normalerweise, sagt Co-Autor Diego Rybski vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), denke man immer in den Kategorien von Stadt und Land. Doch es gebe da noch eine weitere Dimension: das Netz aus Gebäuden, von dem das Land beinahe unbemerkt überzogen sei. Diese Gebäude sind natürlich nicht immer von Menschen bewohnt oder genutzt - vielleicht ist das ja zumindest ein kleiner Trost für alle Ruhesuchenden.

Denn ein anderer Aspekt der Arbeit ist nur wenig beruhigend für alle, die Einsamkeit erleben wollen. Die Forscher liefern nämlich auch Informationen zu der Frage, wo die größten unbebauten Areale des Landes liegen. "Entgegen unseren Erwartungen sind die größten Freiflächen nicht etwa in Naturschutzgebieten zu finden", sagt Forscher Rybski. "Stattdessen zeigte sich, dass noch genutzte oder ehemalige Truppenübungsplätze die am wenigsten mit Gebäuden bebaute Fläche aufweisen."

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Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass sich die sogenannten Pole der Unerreichbarkeit in Deutschland auf folgenden Arealen befinden:

  • Truppenübungsplatz Bergen in Niedersachen,
  • Truppenübungsplatz Baumholder in Rheinland-Pfalz,
  • ehemaliger Truppenübungsplatz Kyritz-Ruppiner Heide in Brandenburg,
  • Truppenübungsplatz Hohenfels in Bayern sowie
  • Truppenübungsplatz Oberlausitz in Sachsen.

Aber selbst in diesem Fall ist es mit der Unerreichbarkeit nicht allzu weit her. Selbst auf dem Militärgelände in Bergen in Niedersachsen liegt der Abstand zum nächstgelegenen Gebäude höchstens bei gut sechs Kilometern. Bei den anderen vier Flächen sind es sogar weniger als fünf Kilometer.

Die Ergebnisse zeigten, wie dringlich es sei, "in Deutschland mehr für den Flächenschutz und auch für die Entsiegelung von Böden zu unternehmen", so Forscher Behnisch. Zwar sei die Zahl der neu für Bauprojekte in Anspruch genommenen Flächen zuletzt leicht gesunken, von einer Trendwende sei das Land aber noch weit entfernt.

chs



insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
max-mustermann 27.08.2019
1.
Nach dem ja nach wie vor immer mehr Menschen in die Städte drängen um sich dort bei Lärm und schlechter Luft in kleine teure Wohnungen zu quetschen wird sich das Problem langfristig entspannen, zumindest auf dem Land.
salomon17 27.08.2019
2. Passt die Überschrift?
Flächenversiegelung wäre tatsächlich mal ein wichtiges Thema. Im Artikel geht es aber um Abstände zwische Gebäuden.
Wolfgang H. 27.08.2019
3. Liegt am deutschen Baurecht....
aus dem vorletzten Jahrhundert. Das soll Splittersiedlung verhindern. Hat aber auch viele Nachteile, z.B. extrem hohe Grundstückspreise. Das Baurecht müsste geändert werden. Mit Auflagen müsste auch Bauen im Außenbereich erlaubt werden. ( z.B Erschließung auf eigene Kosten, Energie-Autarke Eigenversorgung) -hätte den Vorteil, dass viel Geld in die Wirtschaft fließen würde. Ist nicht gewollt von den derzeitigen Regierungsparteien.
ventoux72 27.08.2019
4. Unglaubwürdig
Es geht hier um einen durchschnittlichen Gebäudeabstand. Bei 350000qkm und 20000000 Wohngebäuden hat jedes Wohngebäude im Schnitt eine Fläche von 0.0175qkm. Demnach beträgt der mittlere Abstand eher 130m, also weniger als 1/10 der angegebenen Zahl. Wo steckt jetzt nun der Rechenfehler??
Stäffelesrutscher 27.08.2019
5.
Zitat von salomon17Flächenversiegelung wäre tatsächlich mal ein wichtiges Thema. Im Artikel geht es aber um Abstände zwische Gebäuden.
Auch das hier ist semantischer Unfug: »Das nächste Gebäude ist im Schnitt nie weiter weg als 1,5 Kilometer.« Nicht »im Schnitt«, sondern mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent. Und der Spruch »Wohnen in Deutschland: So nah ist das nächste Haus« ist ebenfalls nicht Gegenstand des Artikels. Weder »wohnen« noch »Haus«.
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