Wolfskinder Der Kaspar-Hauser-Komplex

Die Eltern sperrten sie ein, ihre ganze Kindheit lang. 13 Jahre lebte das Mädchen Genie in fast völliger Isolation. Auch nach ihrer Befreiung blieb sie Opfer: Sie wurde zum Forschungsobjekt von Wissenschaftlern - und war damit nicht das erste Wolfskind, das dieses Schicksal ereilte.
Von Christian Staas

Ein ruhiges, fast ebenmäßig schönes Gesicht ist auf dem Bild zu sehen. Die Augen blicken mit unverhohlener Neugier an der Kamera vorbei. Eine Haarsträhne hat sich hinterm Ohr gelöst; um die Mundwinkel der Anflug eines Lächelns. Nichts deutet auf die Qualen hin, die Genie, wie sie später genannt wird, durchlitten hat.

"Mädchen, 13, eingesperrt seit frühester Kindheit. Anklage erhoben, Eltern verhaftet". Mit dieser Überschrift und dem Bild des Kindes zog am 17. November 1970 die "Los Angeles Times" die Leser in ihren Bann.

Viele Jahre hatte Genie in fast totaler Isolation verbracht, tagsüber mit einem Geschirr an einen Toilettenstuhl gefesselt, nachts in einem Schlafsack verschnürt wie in einer Zwangsjacke. Ihr Vater, so ein Gutachter, hatte versucht, seine Tochter von der angeblich "bösen Außenwelt" abzuschirmen. Ein Leben ohne menschliche Wärme und Ansprache, ein Dahinvegetieren in einem abgedunkelten Zimmer - bis die nahezu blinde Mutter dem Horror ein Ende bereitete und mit ihrer Tochter dem wahnsinnigen Vater entfloh.

Unterernährt, verhutzelt, unablässig Speichel spuckend

Als Genie damals im Schlepptau ihrer verzweifelten Mutter in ein Empfangsbüro der sozialen Dienste im Bezirk Los Angeles stolpert, kann sie kaum aufrecht gehen. Ihr Gang ist so schwerfällig, als wate sie durch Wasser, ihr Körper krümmt sich, die angewinkelten Arme hält sie nach vorn, als schiebe sie einen Kinderwagen.

Eine kleine, verhutzelte Gestalt, extrem unterernährt, 1,37 Meter groß, 27 Kilogramm leicht, unablässig speichelnd und spuckend.

Und das Kind ist nahezu unfähig zu sprechen - ein Unvermögen, das Genies weiteres Schicksal besiegelt. Sie wird zum Objekt der Forschung, zum "wohl meistgetesteten Kind in der Geschichte", wie es der Psychologe David Rigler formuliert, der das "Genie-Projekt" über Jahre hinweg leitet.

Neben Psychologen und Ärzten nehmen an diesem Vorhaben Neurowissenschaftler sowie - mit der größten Ausdauer - eine junge Linguistin teil: Susan Curtiss. Aus dem extremen Ausnahmefall hoffen die Wissenschaftler, allgemeine Erkenntnisse über die Mechanismen des Spracherwerbs zu gewinnen. Wird sich Genie auch noch mit etlichen Jahren Verspätung Wörter und Grammatik aneignen können?

Genies Geschichte ist fortan nicht nur die eines Mädchens, dem in jahrelanger Haft die Welt versagt blieb. Es ist auch die Geschichte von Forschern, die dieses Mädchen unablässig auf die Bühne der akademischen Öffentlichkeit zerren.

Von Beginn an hing dem Unternehmen dabei der Ruch eines Experiments wider die Menschlichkeit an. Damit stand das Genie-Projekt im Schatten einer langen Kette mitunter rücksichtsloser Forschungen.

Ihren Anfang nahmen sie mit einem Experiment des ägyptischen Pharaos Psammetich I. aus dem siebten Jahrhundert vor Christus. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot wollte Psammetich das Geheimnis der Sprache lüften und herausfinden, welche der Sprachen, die zu seiner Zeit gesprochen wurden, die Ursprache war.

Der Pharao ließ dazu zwei Neugeborene in eine abgelegene Hütte bringen. Ein Hirte bewachte die Kinder, und ihm war strengstens untersagt, auch nur ein einziges Wort zu sprechen.

Nach rund zwei Jahren, heißt es, habe eines der Kinder zu sprechen begonnen. Mit dem Wort "Bekos", dem phrygischen Begriff für Brot, begrüßte es den Hirten. Für Psammetich war die Frage nach der Ursprache damit beantwortet.

50 "Wolfskinder" in 700 Jahren

Was Kaiser Friedrich II. im Mittelalter nicht davon abhielt, den Versuch zu wiederholen - die Kinder starben, bevor auch nur der Ansatz eines "Forschungsergebnisses" vorlag.

Gleichwohl knüpften zahlreiche Wissenschaftler an die Ideen an. Untersuchungsobjekte fanden sie, auch ohne sich verbotener Experimente schuldig zu machen: Immer wieder wurden Geschichten von Kindern bekannt, die - vernachlässigt oder ausgesetzt - in jenen Zustand der Verwahrlosung geraten waren, den Psammetich willentlich herbeigeführt hatte; unter ihnen Jungen und Mädchen, die angeblich von Wölfen und Gazellen, von Affen, ja sogar Panthern aufgezogen worden waren.

Als erstes "Wolfskind" der Moderne erregte in Frankreich um das Jahr 1800 Victor von Aveyron die Aufmerksamkeit der Gelehrten, wenige Jahre später wurde in Deutschland Kaspar Hauser aufgefunden.

Rund 50 Fälle sind aus den vergangenen 700 Jahren dokumentiert, und stets versprachen sich die Menschen von der Untersuchung einen Blick hinter die Fassaden von Kultur und Erziehung: in die Urgründe der Menschennatur.

War der Mensch von Natur aus gut, oder musste er erst durch Erziehung zum Guten geformt werden, fragten etwa die Gelehrten, die um 1800 den Jungen von Aveyron inspizierten. Victor kam ihnen wie gerufen - und sie ließen ihn fallen, als er ihnen zu keiner Antwort verhalf.

Wie und unter welchen Voraussetzungen ist es Kindern möglich, Sprache zu lernen und ihr sprachliches Potenzial zu entfalten? So lautete die zentrale Frage, als rund 170 Jahre später Genie auftauchte.

Die Linguistin Susan Curtiss, die im Frühjahr 1971 ihre Studien an Genie aufnimmt, wittert ihre große Chance, als sie von dem Fall hört. Die 26-Jährige macht das Mädchen zum Thema ihrer Doktorarbeit - obwohl sie das erste Treffen im Kinderkrankenhaus nicht gerade zuversichtlich stimmt: Genie kratzt, spuckt und rotzt in wortloser Wut. "Sie stellte eine ziemliche Herausforderung dar", erinnert sich Curtiss.

Doch nach und nach gelingt es ihr, eine Beziehung zu Genie aufzubauen. Sie kauft mit ihr ein, geht in den Zoo, in Parks, das Mädchen an der Hand. Und teils von Genies Mutter, teils aus den Äußerungen des Mädchens selbst erfährt sie weitere Details aus deren Vergangenheit: dass Genie, sobald sie nur einen Mucks von sich gab, vom Vater mit einer Holzlatte geprügelt wurde; dass der Vater nicht mit ihr sprach, sondern einem Wachhund gleich bellte. Kurz nach Genies Befreiung nahm er sich das Leben.

Ein lautes "angry!" ermöglicht ihr nach einigem Üben, ihre jahrelang unterdrückte Wut zu artikulieren


Schon früh muss sich Susan Curtiss bei ihrer Forschungsarbeit in einem tiefen Zwiespalt befunden haben. Als Bezugsperson Genies müssen ihr deren Erlebnisse als eine kaum fassbare Tragödie erschienen sein - für die Wissenschaftlerin Curtiss hingegen war das Martyrium des Mädchens ein wahrer Glücksfall.

Die entwicklungspsychologischen Thesen Eric Lennebergs steckten dabei den Rahmen ab: Der US-amerikanische Linguist glaubte - wie der Psychologe Jean Piaget und andere -, Kinder seien nur während einer gewissen Phase fähig, die zum Sprachverständnis nötigen Hirnstrukturen aufzubauen. Entscheidend für die Genie-Forschung war, dass Lenneberg das Ende dieser Phase mit dem Beginn der Pubertät ansetzte: Genie hatte genau diesen Punkt überschritten.

Dass sie während des ersten Jahres dennoch Fortschritte macht, verheißt daher zumindest kurzzeitig eine kleine Sensation. Genie "hungerte danach, die Wörter für all das Neue zu lernen, das ihre Sinne beschäftigte", notiert Curtiss. Gleichwohl bleiben ihre Sprachäußerungen bruchstückhaft, ist ihre Stimme leise, piepsend hoch und monoton. "Bad orange fish - no eat - bad fish", lautet beim Besuch einer Zoohandlung einer ihrer ersten und längsten Sätze.

Genies sprachliche Fähigkeiten stagnieren

Erst allmählich entwickelt sie eine Sprachmelodie; ein lautes "angry!" ermöglicht ihr nach einigem Üben, ihre jahrelang unterdrückte Wut zu artikulieren. Die sprachlichen Fähigkeiten Genies jedoch stagnieren auf dem Niveau ihrer frühen grammatikfreien Wortreihen.

Damit scheint Lennebergs Annahme bestätigt. Und eine weitere - durchaus umstrittene - Theorie gewinnt an Plausibilität: Noam Chomskys Konzept einer "generativen Grammatik". Wie ein Organ, so Chomsky, wachse die Sprache in einer bestimmten Entwicklungsphase im Kind heran. Eben jenes "Sprachorgan" aber ist - da das "Wachstumsprogramm" durch keinerlei Reiz rechtzeitig aktiviert wurde - bei Genie offenbar verkümmert. Und zwar weitgehend unabhängig von anderen geistigen Fähigkeiten.

So bemerkt Curtiss eine verblüffende Diskrepanz zwischen Genies Denkvermögen und ihrer grammatischen Blindheit. Problemlos kann das Mädchen schwierigste Strukturen erfassen, eifrig und akkurat baut es Modelle nach, die ihm die Wissenschaftler vorlegen - eine Fähigkeit, die viele Sprachforscher damals für grundlegend zum Erlernen der Grammatik halten.

Bei Genie aber spiegelt sich diese Fertigkeit im Sprachlichen in keiner Weise wider. Eine Gehirnuntersuchung zeigt, weshalb Genies Sprachfähigkeit auf einem niedrigen Niveau stagniert: Ihre linke Hirnhälfte - im Normalfall die "Sprach-Hälfte" - ist extrem unterentwickelt, die rechte hingegen, die ihr logische Zusammenhänge jenseits der Sprache erschließt, gut ausgebildet.

Tests ergeben, dass Genie auch die Sprache in der rechten Hirnhälfte zu verarbeiten sucht. Sie benutzt das falsche Werkzeug - und müht sich dabei so vergeblich wie jemand, der mit einem Schraubenzieher einen Nagel in die Wand drehen will.

Als Susan Curtiss ihre Ergebnisse veröffentlicht, stößt sie auf reges Interesse in der Wissenschaftsgemeinde. Ihre Erkenntnisse zählen mittlerweile zum Lehrbuchwissen.

Kritik schlägt ihr und anderen Forschern des Teams aus einer anderen Richtung entgegen: Genies Mutter, empört über Curtiss' schonungslose Darstellung von deren Kindheit, prozessiert gegen die Forscherin - unterstützt von einer ehemaligen Mitarbeiterin aus dem Projekt, die der ehrgeizigen Linguistin und anderen Beteiligten vorwirft, Genie ein weiteres Mal missbraucht zu haben: als Karriereleiter. Hatte sie recht?

Die Wissenschaftler befanden sich in einem ethischen Konflikt

Kaum einer aus dem einstigen Genie-Team will darüber im nachhinein urteilen. Gewiss ist nur: Curtiss, Rigler und die anderen Beteiligten konnten aus dem Schatten, den Psammetichs Experiment geworfen hat, nie ganz heraustreten. Auch sie liefen Gefahr, über der Erforschung des Menschen die Gebote der Menschlichkeit zu vergessen.

Von Anfang an bewegte sich das Genie-Projekt auf dem schmalen Grat zwischen Hilfeleistung und wissenschaftlichem Eigennutz. Nur weil es Forschungsgelder gab, war eine therapeutische Betreuung Genies überhaupt möglich - sonst wäre sie wohl in ein Heim gekommen. Der ethische Konflikt, der diesem Arrangement innewohnte, ähnelt dem eines Fotoreporters, der in einem Krisengebiet das Elend fotografiert: Sollte er nicht besser helfen? Oder hilft er gerade mit seinen Fotos?

Auch Susan Curtiss blickt mit Skepsis auf ihre Arbeit zurück: "Sie hat uns ihre Gefühle beschrieben", sagt sie über Genie. "Sie hat uns mitgeteilt, was ihr im Kopf herumging und ihr Herz bewegte. Wenn man das bedenkt - was kümmert einen da die Grammatik?" Sieben Jahre lang hat Susan Curtiss die Grammatik gekümmert. Genie war in dieser Zeit umschwirrt von Wissenschaftlern und Neugierigen. Eine durchgängige Bezugsperson hatte sie nicht. Vier Jahre lebte sie im Haus des Forschungsleiters Rigler - aber auch vorübergehend in einer Pflegefamilie, die ihr mit solcher Strenge begegnete, dass sie von neuem verstummte.

Eine Zeit lang nahm die Mutter sie wieder zu sich - in das Haus, in dem sie 13 lange Jahre gefesselt und gefangen war. Danach ging es zurück ins Kinderkrankenhaus. Eine Odyssee durch Los Angeles. Bis ihre Mutter Genie schließlich ganz der Öffentlichkeit entzog, zurück in die Abgeschiedenheit brachte, die dieses Mal jedoch kein Gefängnis sein sollte. Genie kam - da war sie schon älter als 20 Jahre - in ein Heim für behinderte Erwachsene. Dort lebt sie bis heute.

Wer sich um sie kümmert, wer sich mit ihr unterhält, wer sich ihrer persönlich annimmt und ob es überhaupt jemanden gibt, der die inzwischen 50-Jährige menschlich behandelt, weiß kein Außenstehender: Der Kontakt mit ihr ist anwaltlich verboten.

"Genie", behauptet Curtiss, sei "der eindrucksvollste und inspirierendste Mensch", der ihr je begegnet ist. Sie hat Genie seit Abschluss ihrer Doktorarbeit nie wieder gesehen.