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13. Juli 2019, 09:59 Uhr

Woodstock

Liebe Leserin, lieber Leser,

ganz ehrlich: Ich hasse Musikfestivals. Obwohl ich als ehemaliger Musikjournalist Interesse an Popkultur mitbringe. Aber mir hat sich nie erschlossen, warum ich mich auf mehrtägigen Massenspektakeln ungeduscht, zeltend und übernächtigt Musik hingeben soll. Es kann nicht mehr lange dauern, bis ein Bakteriologe eine erste Studie über die Hygiene von Open-Air-Besuchern durchführt, insbesondere über solche, die ihre Festivalbändchen am Handgelenk sammeln. Rein wissenschaftlich erregte nun aber die Mutter aller Festivals mein Interesse: Woodstock.

Auf den Weiden nahe der Kleinstadt Bethel im US-Bundesstaat New York, wo vor ziemlich genau 50 Jahren "Love & Peace" gefeiert wurde, ist inzwischen Gras über das Monument der Hippieära gewachsen. Die Hinterlassenschaften der Besucher waren während des Festivals im aufgeweichten Erdreich versunken, alles andere holte sich die Natur nach und nach. Erstaunlicherweise wusste irgendwann niemand mehr, wo genau die Bretter lagen, auf denen Jimi Hendrix und Janis Joplin vor mehr als 400.000 Menschen gespielt hatten.

Also rückten Archäologen an.

Altertumsexperten der Binghamton University haben es von ihrem Campus nicht weit bis zum ehemaligen Festivalgelände. Sie erforschten das über 200 Hektar große Areal und verkündeten im vergangenen Jahr: der Standort der Originalbühne ist gefunden (Lesen Sie den Bericht als PDF). Zudem hatten sie untersucht, wo Stände aufgebaut waren, an denen Nahrungsmittel und Krimskrams verkauft oder getauscht wurde. Diese Waldbuden verglichen sie mit Karten der Festivalorganisatoren von 1969. Das Ergebnis: In dem Waldstück ging es sehr viel chaotischer zu, als es den Woodstock-Machern lieb war. Denn die Stände wurden offenbar kreuz und quer angelegt. Ein Beleg dafür, dass sich das Festival mehr und mehr verselbstständigt hatte, als immer mehr Menschen kamen.

Dass Archäologen nun an den Hinterlassenschaften der schnelllebigen Popkultur graben, bestätigt einen Trend der Altertumsforschung. Für Wissenschaftler ist schon länger nicht mehr bei Vor- und Frühgeschichte oder dem Mittelalter Schluss. Die sogenannte Historische Archäologie macht sich inzwischen über Zeitgeschichte her. Flugzeugwracks aus dem Zweiten Weltkrieg, Frontstellungen, Konzentrationslager oder das Camp der Atomkraftgegner von Gorleben aus den Achtzigerjahren - all das wurde schon von Archäologen erforscht.

Dabei wollen die Wissenschaftler nicht nur verschollenes Wissen zu Tage fördern. Manchmal gelingt es Archäologen auch, sich in aktuelle Debatten einzuschalten. Die Frage über den Umgang mit Atommüll beispielsweise ist in Deutschland bis heute nicht gelöst.

Manche solcher Projekte haben auch eine soziale Komponente: In Bristol wurde vor einigen Jahren ein Gebiet erforscht, in dem sich viele Obdachlose und Drogensüchtige aufhielten. Als Grabungshelfer hatten die Forscher die Obdachlosen selbst und Anwohner des Viertels engagiert. So kam man ins Gespräch, lernte sich kennen - ein erster Schritt, um mehr Verständnis für die Situation der Obdachlosen aufzubringen, berichteten die Forscher.

Das Wühlen im Müll der Zeitgeschichte kann sich also doppelt lohnen. Selbst dann, wenn er erst wenige Jahre im Erdreich lag.

Herzlich

Jörg Römer

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Auch Roboter machen mal eine Pause - vor allem, wenn sie sich bei einem Fußballspiel so verausgabt haben wie diese autonomen Roboterkicker. Die Maschinen nahmen Anfang Juli am RoboCup 2019 im australischen Sydney teil. Bis Mitte des Jahrhunderts sollen Fußballroboter so ausgereift sein, dass sie gegen die amtierenden menschlichen Weltmeister gewinnen können.

Fußnote

18.000 über Hundertjährige gibt es ungefähr in Deutschland. Das sind rund doppelt so viele wie noch 2007, wie aus aktuellen Schätzungen der Vereinten Nationen hervorgeht. 83 Prozent von ihnen sind Frauen. Weltweit leben aktuell rund 533.000 Menschen, die 100 Jahre oder älter sind, mehr als die Hälfte davon in Ländern mit hohem Einkommen.

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