Woodstock Liebe Leserin, lieber Leser,


ganz ehrlich: Ich hasse Musikfestivals. Obwohl ich als ehemaliger Musikjournalist Interesse an Popkultur mitbringe. Aber mir hat sich nie erschlossen, warum ich mich auf mehrtägigen Massenspektakeln ungeduscht, zeltend und übernächtigt Musik hingeben soll. Es kann nicht mehr lange dauern, bis ein Bakteriologe eine erste Studie über die Hygiene von Open-Air-Besuchern durchführt, insbesondere über solche, die ihre Festivalbändchen am Handgelenk sammeln. Rein wissenschaftlich erregte nun aber die Mutter aller Festivals mein Interesse: Woodstock.

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Heft 29/2019
Die Welt retten, ohne sich einzuschränken - geht das?

Auf den Weiden nahe der Kleinstadt Bethel im US-Bundesstaat New York, wo vor ziemlich genau 50 Jahren "Love & Peace" gefeiert wurde, ist inzwischen Gras über das Monument der Hippieära gewachsen. Die Hinterlassenschaften der Besucher waren während des Festivals im aufgeweichten Erdreich versunken, alles andere holte sich die Natur nach und nach. Erstaunlicherweise wusste irgendwann niemand mehr, wo genau die Bretter lagen, auf denen Jimi Hendrix und Janis Joplin vor mehr als 400.000 Menschen gespielt hatten.

Also rückten Archäologen an.

Altertumsexperten der Binghamton University haben es von ihrem Campus nicht weit bis zum ehemaligen Festivalgelände. Sie erforschten das über 200 Hektar große Areal und verkündeten im vergangenen Jahr: der Standort der Originalbühne ist gefunden (Lesen Sie den Bericht als PDF). Zudem hatten sie untersucht, wo Stände aufgebaut waren, an denen Nahrungsmittel und Krimskrams verkauft oder getauscht wurde. Diese Waldbuden verglichen sie mit Karten der Festivalorganisatoren von 1969. Das Ergebnis: In dem Waldstück ging es sehr viel chaotischer zu, als es den Woodstock-Machern lieb war. Denn die Stände wurden offenbar kreuz und quer angelegt. Ein Beleg dafür, dass sich das Festival mehr und mehr verselbstständigt hatte, als immer mehr Menschen kamen.

Time Life Pictures/ Getty Images

Dass Archäologen nun an den Hinterlassenschaften der schnelllebigen Popkultur graben, bestätigt einen Trend der Altertumsforschung. Für Wissenschaftler ist schon länger nicht mehr bei Vor- und Frühgeschichte oder dem Mittelalter Schluss. Die sogenannte Historische Archäologie macht sich inzwischen über Zeitgeschichte her. Flugzeugwracks aus dem Zweiten Weltkrieg, Frontstellungen, Konzentrationslager oder das Camp der Atomkraftgegner von Gorleben aus den Achtzigerjahren - all das wurde schon von Archäologen erforscht.

Dabei wollen die Wissenschaftler nicht nur verschollenes Wissen zu Tage fördern. Manchmal gelingt es Archäologen auch, sich in aktuelle Debatten einzuschalten. Die Frage über den Umgang mit Atommüll beispielsweise ist in Deutschland bis heute nicht gelöst.

Manche solcher Projekte haben auch eine soziale Komponente: In Bristol wurde vor einigen Jahren ein Gebiet erforscht, in dem sich viele Obdachlose und Drogensüchtige aufhielten. Als Grabungshelfer hatten die Forscher die Obdachlosen selbst und Anwohner des Viertels engagiert. So kam man ins Gespräch, lernte sich kennen - ein erster Schritt, um mehr Verständnis für die Situation der Obdachlosen aufzubringen, berichteten die Forscher.

Das Wühlen im Müll der Zeitgeschichte kann sich also doppelt lohnen. Selbst dann, wenn er erst wenige Jahre im Erdreich lag.

Herzlich

Jörg Römer

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Xinhua/ eyevine/ laif

Fußnote

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Freidenker10 13.07.2019
1.
Gott, bin ich schon so alt das Woodstock archäologisch untersucht wird? Bekomme Angst bald selbst Opfer von Archäologen zu werden...;-)
Hexavalentes Chrom 13.07.2019
2. Tollite hostias
Zitat von Freidenker10Gott, bin ich schon so alt das Woodstock archäologisch untersucht wird? Bekomme Angst bald selbst Opfer von Archäologen zu werden...;-)
Der Kultus des Marketings benötigt die Mythologisierung und veritable Reliquien. Die in die Jahre Gekommenen erhalten so noch einmal die Wahrheit über ein Leben, welches sie nie gelebt haben. A true sign of a life unlived. Tollite hostias. Gehet hin und kauft.
drunem 13.07.2019
3. Gründe
Hallo Herr Römer, Warum jemand gerne auf Festvals geht? Bei mir z.B. war es auch eine finanzielle Frage. Als Jugentlicher, junger Erwachsener war das Geld immer knapp. Festivals gaben mir die Möglichkeit viele Bands zu einem vergleichsweise günstigen Preis zu sehen. Ich war zu dieser Zeit sehr großer Metalfan. Wenn da dann 20, 30, 40 Bands gespielt haben, war das das reinste Paradies auf Erden. Dazu dann einfach die Party drumherum, die Leute, die Stimmung und Atmosphäre... Das bissl Dreck war hinterher schnell wieder abgewaschen, die tollen Erinnerungen habe ich bis heute :) Grüße
bernie_witzbold 13.07.2019
4. Conmovent homines non res...
Zitat von Hexavalentes ChromDer Kultus des Marketings benötigt die Mythologisierung und veritable Reliquien. Die in die Jahre Gekommenen erhalten so noch einmal die Wahrheit über ein Leben, welches sie nie gelebt haben. A true sign of a life unlived. Tollite hostias. Gehet hin und kauft.
Sie schwallen sich eines Tages noch ins Koma vor lauter kultureller Überlegenheit! Natürlich war Woodstock ein bedeutendes Ereignis für die Generation der ab 1940 Geborenen. Dass der Eintritt in den Film 6 Mark gekostet hat und die Platte 25, macht das Konzert noch lange nicht zum Konsumereignis. Ich würde sogar sagen, Woodstock hat die Nachkriegskultur in Deutschland mehr verändert als alle Bücher von Martin Walser und Peter Handke zusammen. Und wer behauptet, dass die Hörer nicht gelebt hätten? So ein Unsinn! Die Musik war der Soundtrack zum Leben dieser Generation - und was für ein radikal anderer Soundtrack als der der unglücksseligen Generation davor! Dass Sie das in Ihrem Elfenbeinturm wahrscheinlich nicht erreicht, ist ziemlich sicher, aber zum Glück sind Sie nicht das Maß der Dinge...
Hexavalentes Chrom 13.07.2019
5. Ja, zum Glück
Zitat von bernie_witzboldSie schwallen sich eines Tages noch ins Koma vor lauter kultureller Überlegenheit! Natürlich war Woodstock ein bedeutendes Ereignis für die Generation der ab 1940 Geborenen. Dass der Eintritt in den Film 6 Mark gekostet hat und die Platte 25, macht das Konzert noch lange nicht zum Konsumereignis. Ich würde sogar sagen, Woodstock hat die Nachkriegskultur in Deutschland mehr verändert als alle Bücher von Martin Walser und Peter Handke zusammen. Und wer behauptet, dass die Hörer nicht gelebt hätten? So ein Unsinn! Die Musik war der Soundtrack zum Leben dieser Generation - und was für ein radikal anderer Soundtrack als der der unglücksseligen Generation davor! Dass Sie das in Ihrem Elfenbeinturm wahrscheinlich nicht erreicht, ist ziemlich sicher, aber zum Glück sind Sie nicht das Maß der Dinge...
Zum Glück. Denn ich werde nach anderem Maß bemessen und gewogen.
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