Woran Wissenschaftler glauben Willenlos glücklich

Freier Wille? Für ein gutes Leben braucht man den nicht, findet die Evolutionstheoretikerin Susan Blackmore. Auch von dem Glauben an Beweise sollten wir uns verabschieden, meint der Physiker Freeman Dyson. Denn es gibt viele unbeweisbare Wahrheiten.


Die Internetzeitschrift " Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt - und stellt ihnen unter anderem die Frage: Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Antworten.

Wahlzettel: Ich lebe nicht mehr in dem Gefühl, aus freiem Willen zu handeln
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Wahlzettel: Ich lebe nicht mehr in dem Gefühl, aus freiem Willen zu handeln

Man kann glücklich und gesittet leben, ohne an einen freien Willen zu glauben. Wie Samuel Butler schrieb: "Theoretisch spricht alles gegen den freien Willen, empirisch alles dafür." In Anbetracht neuerer Entwicklungen der Neurowissenschaften und der Bewusstseinsforschung gilt das sogar noch mehr als zu seiner Zeit. Darum habe ich schon seit langem begonnen, das Empirische systematisch zu verändern. Ich lebe nicht mehr in dem Gefühl, aus freiem Willen zu handeln, auch wenn das Verebben der Illusion viele Jahre dauerte.

Doch was geschieht? Man wirft mir vor zu lügen! Das sei nämlich unmöglich, also müsse ich mich selbst betrügen, um an meiner Theorie festhalten zu können. Und was kann ich tun oder sagen, um das zu widerlegen? Ich weiß es nicht – außer vielleicht vorzuschlagen, dass man es selbst einmal ausprobiert, mag es noch so anstrengend sein.

Die Autorin
Susan Blackmore ist freie Schriftstellerin, Lektorin und Rundfunksprecherin, außerdem lehrt sie als Gastdozentin an der University of the West of England in Bristol. Sie forscht vor allem auf dem Gebiet der Meme und der Memetik, der Evolutionstheorie, des Bewusstseins und der Meditation. Blackmore hat zahlreiche Bücher verfasst, darunter "Die Macht der Meme oder die Evolution von Kultur und Geist" und jüngst "Gespräche über Bewusstsein".
Wenn die Illusion verschwunden ist, vollziehen sich Entscheidungen einfach von selbst, so als ob niemand sie träfe, doch dann kommt eine neue Frage auf – werden sie moralisch vertretbar sein? Hier habe ich einen großen Sprung in den Glauben vollzogen (oder genauer, dieser Leib mit seinen Genen und Memen und das ganze Universum, in dem er lebt, haben diesen Sprung vollzogen). Wenn Menschen die Illusion eines handelnden inneren Selbst aufgeben, wie viele Mystiker und praktizierende Buddhisten es getan haben, erscheint uns ihr Verhalten offenbar im Allgemeinen als moralisch oder gut. Vielleicht ist die Verabschiedung des freien Willens also gar nicht so gefährlich, wie es klingt – aber auch das kann ich nicht beweisen.

Noch viel schwieriger ist es allerdings, das Gefühl eines bewussten inneren Selbst vollständig zu überwinden. Ich scheine nur weiter zu existieren, aber obwohl ich es nicht beweisen kann, glaube ich eigentlich, dass es nicht so ist.

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Jerry Paloma 25.09.2008
1. Nichtregellosigkeit beweisen
...als auch einfach genug ist, um für Nichtmathematiker verständlich zu sein. dazu gehoere ich also. Ich hatte wirklich gehofft dass jetzt ein einfaches Beispiel kommt, dem ich wirklich folgen kann. Folgen kann ich wohl aber zwingend ist es fuer mich als Laien immer noch nicht. Dyson schreibt, dass: "...die Annahme, dass die Ziffern in großen Zweierpotenzen regellos auftreten, schließt die Unbeweisbarkeit der Aussage ein, denn jeder Beweis müsste auf einer Nichtregellosigkeit der Ziffern beruhen." Koennte es nicht sein, dass der Mathematiker im allgemeinen die in aufeinanderfolgeneden 2er Potenzen verborgene Regel einfach noch nicht kennt? Oder kann man die Nichtregelhaftgkeit und somit Unbeweisbarkeit beweisen? Kann das jemand dem Nichtmathematiker erklaeren? Danke!
Jandokar, 25.09.2008
2. Beweise
In der Zahlentheorie gibt es eine Menge von Vermutungen, die bisher noch nicht bewiesen sind und die vielleicht auch nie beweisbar sein werden. Dyson behauptet nun ---Zitat von Dyson--- Die Umkehrung einer Zweierpotenz kann nie eine Fünferpotenz sein. ---Zitatende--- Diese Behauptung aber auch ihr Gegenteil ist bisher (wahrscheinlich) nicht bewiesen worden. Auf Grund von Wahrscheinlichkeiten behauptet er nun, daß seine Behauptung wahrscheinlich (!) wahr ist. Er kann aber keineswegs ausschließen, daß es bei einer genügend großen Zahl möglich ist. Zur Beweisbarkeit zunächst ein anderes einfaches Beispiel: Eine gerade Zahl ist niemals eine ungerade Zahl oder etwas mathematischer: die Menge der geraden Zahlen und die Menge der ungeraden Zahlen ist disjunkt. Das läßt sich relativ einfach beweisen. Die Menge der geraden Zahlen wird mit Hilfe von 2*n und die der ungeraden Zahlen mit Hilfe von 2*n-1 gebildet; n nimmt die Werte von 1,2,3,.... an. Hier gibt es nun Regeln zur Bildung der Zahlenmengen und der Beweis ist deshalb ganz einfach. Dyson und andere Mathematiker haben bisher keine Regel zur Bildung der Ziffern von Zweierpotenzen gefunden. Auch hier gibt es zwei Möglichkeiten: Es kann so eine Regel geben, dann wäre die Aussage oder ihr Gegenteil beweisbar. Wenn es aber keine Regel gibt, dann ist die Aussage nicht beweisbar. Lediglich ihr Gegenteil wäre beweisbar, wenn sich ein Computer auf die Suche macht und irgendwann eine 5-er Potenz findet. Findet er keine, bleibt die Aussage unbeweisbar, da es unendlich viele natürliche Zahlen gibt, der Computer also niemals aufhört zu suchen. Dieses Vorgehen ist eine gängige Praxis zur Beweisbarkeit in logischen (mathematischen) Systemen. Anmerkung: Ich halte das Beispiel von Dyson für die Mathematik an sich völlig uninteressant, da es nämlich auf die Darstellung von Zahlen im Dezimalsystem abhebt. Aussagen der Mathematik sollten sich allein auf abstrakte Zahlen beziehen, unabhängig, ob sie im Dezimal-, Dual- oder sonstigen Systemen dargestellt sind. Viel interessanter, auch für Laien halte ich die Goldbach-Vermutung, die Collatz-Folge oder auch den Großen Fermatschen Satz. Darüber gibt es auch ein Buch von Singh (Fermats letzter Satz).
sam clemens, 25.09.2008
3. O mein Gott!
Das Mathematiker-Beispiel ist schon schräg genug, aber Blackmore schlägt dem Fass den Boden aus. Man möchte meinen, typisch für eine Journalistin/einen Journalisten, die/der sich in der angemaßten Wissenschaft nicht zurechtfindet. Mal ganz böse: Bin ich auch ein Evolutionstheoretiker, wenn ich so für mich über mich und die Affen nachdenke? Oder muss ich erst einen Verlag finden, der das druckt? So interessant die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften zweifellos sind - wir sollten doch in den letzten tausend Jahren gelernt haben, nicht vorschnell zu urteilen. Auch der Geozentrismus war mal eine allgemein akzeptierte Theorie (und wenn man nachsieht, wo die Sonne auf- und wo sie untergeht, könnten schlichte Gemüter annehmen, sie gelte tatsächlich.)
Heiner Prahm, 25.09.2008
4. Gibt es Hoffnung, dass sich daran etwas ändern wird?
Ich halte es für wahr, das mindestens 99,9999 % der Weltbevölkerung nicht mal im Ansatz die heute bekannten Erkenntnisse und die Gedanken der großen Philosophen und Denker nachvollziehen, geschweige denn nach diesen leben können und schon gar nicht in der Lage sind aus der Masse der richtigen und auch falschen Erkenntnisse dieser wenigen Menschen, die sich in den letzten Jahrtausenden angesammelt haben, eigene Schlüsse zu ziehen oder gar eigene Erkenntnisse zu gewinnen, um dadurch zu einem eigenem Welt- und Menschenbild zu kommen, das der Realität entspricht und das ein Handeln und Denken ermöglicht, welches dem Namen unserer Gattung Homo sapiens (lat. für "der weise, kluge Mensch") gerecht werden würde. Den restlichen vielleicht 10.000 Menschen, die das eventuell können und der Handvoll die ihre Gedanken dann darüber hinaus auch noch nach Außen kommunizieren könnten, ist es dagegen heute, anders als in den vorangegangenen Jahrtausenden, nicht mehr möglich zu den anderen Menschen durchzudringen, denn durch die Informations- und Reizüberflutung der modernen Welt bleibt keine Zeit und kein Raum in den Köpfen der Menschen, sich mit diesen Themen zu befassen. Und somit ist es auch wahr, das die Menschheit sich heute, trotz aller wissenschaftlicher Forschung in Sachen Mensch und vermeintlicher Bildung nicht auf dem Weg in die Zukunft befindet, sondern in einer intellektuellen Duldungsstarre verharrt und es heute mehr den je um die Befriedung niederer Triebe geht. Menschen wie Pythagoras, Demokrit, Sokrates, Platon, Aristoteles, Diogenes, Konfuzius, Laotse, Cicero, Seneca, Mark Aurel, Thomas von Aquin, Hildegard von Bingen, Leonardo da Vinci, Nikolaus von Kues, Machiavelli, Martin Luther, Nikolaus Kopernikus, Paracelsus, Giordano Bruno, Galileo Galilei, Johannes Kepler, René Descartes, Spinoza, Leibniz, Thomas Hobbes, Voltaire, Immanuel Kant, Lessing, Goethe, Schiller, Marx, Engels, Schopenhauer, Nietzsche, Plank, Einstein hätten es heute weit aus schwerer, als sie es zu ihren Zeiten schon hatten und das nicht weil sie, wie damals zu ihren Zeiten, wegen ihrer Ansichten zum Teil mit Leib und Leben bedroht würden, nein, denn würden Sie in der heutigen Welt leben und publizieren, dann würden ihre Schriften, vielleicht in Form eines Internetblogs, einfach ignoriert und wenn sie überhaupt wahrgenommen würden, dann maximal wahrscheinlich nur belächelt. Die Gedanken und Überlegungen dieser Menschen haben sicherlich auch Einzug gehalten in die Organisation heutiger gesellschaftlicher Prozesse, aber die Zeiten großer kultureller Entwicklungsschritte sind vorbei, weil Menschen zwar immer mehr Erkenntnisse erlangen, aber auch gleichzeitig immer weniger bereit und in der Lage sind, diese Erkenntnisse auch in einem größeren Zusammenhang anzuwenden. Gibt es Hoffnung, dass sich daran etwas ändern wird? Vielleicht, aber wenn dann nur über sehr lange Umwege, denn die Wahrscheinlichkeit, das es jemandem gelingt alle bisherigen Erkenntnisse zu bündeln, diese auf die heutige Menschheit zu projizieren und dann am Ende auch noch die Menschheit zu einem fortschrittlichen Denken und Handeln zu bewegen, welches die massiven sozialen, ökologischen, ethnischen, ökonomischen Probleme, die wir derzeit haben und die jetzt vermehrt auf uns zukommen, ohne die üblichen Katastrophen zu bewältigen, ist sehr gering. Eine andere Frage hier war, ob ich das, was ich hier aufgeführt habe auch beweisen kann? Ich denke das muss ich nicht, das ist offensichtlich.
hjg, 25.09.2008
5. Entschuldigung,
Zitat von JandokarIn der Zahlentheorie gibt es eine Menge von Vermutungen, die bisher noch nicht bewiesen sind und die vielleicht auch nie beweisbar sein werden. Dyson behauptet nun Diese Behauptung aber auch ihr Gegenteil ist bisher (wahrscheinlich) nicht bewiesen worden. Auf Grund von Wahrscheinlichkeiten behauptet er nun, daß seine Behauptung wahrscheinlich (!) wahr ist. Er kann aber keineswegs ausschließen, daß es bei einer genügend großen Zahl möglich ist. Zur Beweisbarkeit zunächst ein anderes einfaches Beispiel: Eine gerade Zahl ist niemals eine ungerade Zahl oder etwas mathematischer: die Menge der geraden Zahlen und die Menge der ungeraden Zahlen ist disjunkt. Das läßt sich relativ einfach beweisen. Die Menge der geraden Zahlen wird mit Hilfe von 2*n und die der ungeraden Zahlen mit Hilfe von 2*n-1 gebildet; n nimmt die Werte von 1,2,3,.... an. Hier gibt es nun Regeln zur Bildung der Zahlenmengen und der Beweis ist deshalb ganz einfach. Dyson und andere Mathematiker haben bisher keine Regel zur Bildung der Ziffern von Zweierpotenzen gefunden. Auch hier gibt es zwei Möglichkeiten: Es kann so eine Regel geben, dann wäre die Aussage oder ihr Gegenteil beweisbar. Wenn es aber keine Regel gibt, dann ist die Aussage nicht beweisbar. Lediglich ihr Gegenteil wäre beweisbar, wenn sich ein Computer auf die Suche macht und irgendwann eine 5-er Potenz findet. Findet er keine, bleibt die Aussage unbeweisbar, da es unendlich viele natürliche Zahlen gibt, der Computer also niemals aufhört zu suchen. Dieses Vorgehen ist eine gängige Praxis zur Beweisbarkeit in logischen (mathematischen) Systemen. Anmerkung: Ich halte das Beispiel von Dyson für die Mathematik an sich völlig uninteressant, da es nämlich auf die Darstellung von Zahlen im Dezimalsystem abhebt. Aussagen der Mathematik sollten sich allein auf abstrakte Zahlen beziehen, unabhängig, ob sie im Dezimal-, Dual- oder sonstigen Systemen dargestellt sind. Viel interessanter, auch für Laien halte ich die Goldbach-Vermutung, die Collatz-Folge oder auch den Großen Fermatschen Satz. Darüber gibt es auch ein Buch von Singh (Fermats letzter Satz).
Sie mögen das ja interessant finden aber den Laien ins gleichen Boot zu ziehen, halte ich - gelinde gesagt - für Mummpitz. Ich glaube, ohne es beweisen zu können, dass bei einer repräsentativen Umfrage herauskäme, dass min. 90 Prozent der befragten Nichtmathematiker keine Ahnung haben, was das für Probleme sind, die Sie hier angeführt haben. PS. Ich erhöhe auf 95%. :-)
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