Risiko-Atlas Einem Viertel der Weltbevölkerung droht Wasserknappheit

Heute wird doppelt so viel Grundwasser aus dem Boden geholt wie noch vor etwa 60 Jahren. Doch die Vorräte sind endlich. Eine Karte zeigt, wo das Wasser zunehmend knapp wird. Auch Teile Europas sind betroffen.

Dürrer Boden: Besonders knapp sind die Wasservorräte in Regionen im Nahen Osten und Nordafrika
Federico Gambarini/dpa

Dürrer Boden: Besonders knapp sind die Wasservorräte in Regionen im Nahen Osten und Nordafrika

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Was es bedeutet, wenn Wasser zum Luxusgut wird, können sich die Menschen in Deutschland kaum vorstellen. Zwar wird auch hierzulande die Konkurrenz um die Ressource größer - das ist jedoch kein Vergleich zur Lage in anderen Regionen der Welt.

Beispiel Kapstadt: Im April 2018 stand Südafrikas Hauptstadt kurz vor dem "Day Zero", also dem Augenblick, wenn die Leitungen keinen Tropfen mehr hergeben und den Einwohnern das Wasser abgedreht werden muss. Inzwischen sind die Dämme in der Region wieder recht gut gefüllt, weitere Dürren werden aber wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen.

Der Thinktank "World Resource Institute" (WRI) hat untersucht, wie es um die Wasserressourcen in 189 Staaten steht und dazu Daten aus den Jahren von 1960 bis 2014 ausgewertet. Nicht nur in Kapstadt ist die Lage demnach dramatisch.

Ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Regionen, denen Wassermangel droht, berichten die Forscher in einer aktuellen Auswertung. Besonders stark betroffen sind demnach Staaten im Nahen Osten und Nordafrika, in denen es ohnehin sehr trocken ist. Am schlimmsten ist die Lage laut Auswertung in Katar, Israel und im Libanon.

Insgesamt leiden 17 Staaten an extrem hohem Wasserstress. Die Kategorie ermitteln die Forscher, indem sie vergleichen, wie viel Wasser genutzt wird und wie viel nachkommt. In den am stärksten betroffenen Ländern beanspruchen Landwirtschaft, Industrie und Gemeinden demnach jährlich mindestens 80 Prozent des zur Verfügung stehenden Wassers.

Dies gilt auch für Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Gibt es in diesen Regionen zusätzliche Dürren, kommen die Reserven an ihre Grenzen, warnt das WRI. Besondere Sorge bereiten den Forschern die knappen Wasserreserven in Indien. Mit 1,3 Milliarden Einwohnern hat der Staat mehr als drei Mal mehr Einwohner als die restlichen 16 Staaten mit extrem hohem Wasserstress zusammen.

Deutschland belegt Platz 62

In den vergangenen Wochen warnte die Stadt Chennai im Osten des Landes bereits, dass bald kein Wasser mehr aus den Leitungen kommen könnte, weil die Reservoire auszutrocknen drohten - ähnlich wie in Kapstadt 2018. Auch in Sao Paulo in Brasilien gab es 2015 eine solche Situation. Da Dürren durch die Klimakrise weiter zunehmen, könnten Nachrichten über extreme Dürren künftig noch häufiger werden, so das WRI.

Zu den 17 Staaten mit extrem hohem Wasserstress kommen 27 weitere Staaten mit ebenfalls hohem Risiko hinzu. Dort werden jährlich zwischen 40 und 80 Prozent der verfügbaren Wasserressourcen entnommen. Das gilt etwa für Zypern, Belgien, Mexiko, Griechenland, Spanien und Portugal. Insgesamt lebt damit sogar ein Drittel der Weltbevölkerung in Gegenden mit extrem hohem oder hohem Wasserstress.

Deutschland landet im Ranking in der mittleren Kategorie auf Platz 62. Hierzulande werden laut WRI 20 bis 40 Prozent der Wasserreserven genutzt. Allerdings gibt es auch Regionen in Deutschland, in denen der Wasserstress hoch ist. Das betrifft einen breiten Streifen, der sich von Norden über Bremen, Hannover, Leipzig und Stuttgart nach Süden zieht (die interaktive Karte des WRI finden Sie hier).

Wasserbedarf wird weiter steigen

In den nächsten Jahrzehnten könnte sich die Lage weltweit noch verschärfen. Seit den Sechzigerjahren habe sich die entnommene Grundwassermenge mehr als verdoppelt, berichten die WRI-Forscher. In Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung und des zunehmenden Wohlstands gebe es keinen Grund anzunehmen, dass der Wasserbedarf in den nächsten Jahren wieder sinke - ganz im Gegenteil.

Wasserstress-Ranking

Platz Staat Wasserstress
1. Katar Extrem hoch
2. Israel Extrem hoch
3. Libanon Extrem hoch
4. Iran Extrem hoch
5. Jordanien Extrem hoch
6. Libyen Extrem hoch
7. Kuwait Extrem hoch
8. Saudi Arabien Extrem hoch
9. Eritrea Extrem hoch
10. Vereinigte Arabische Emirate Extrem hoch
11. San Marino Extrem hoch
12. Bahrain Extrem hoch
13. Indien Extrem hoch
14. Pakistan Extrem hoch
15. Turkmenistan Extrem hoch
16. Oman Extrem hoch
17. Botswana Extrem hoch
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22. Marokko Hoch
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24. Mexiko Hoch
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26. Griechenland Hoch
27. Afghanistan Hoch
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28. Spanien Hoch
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37. Namibia Hoch
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41. Portugal Hoch
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43. Ägypten Hoch
44. Italien Hoch
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49. Luxemburg Eher hoch
50. Australien Eher hoch
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56. China Eher hoch
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58. Estland Eher hoch
59. Frankreich Eher hoch
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62. Deutschland Eher hoch
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65. Indonesien Eher hoch
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71. USA Eher niedrig
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75. Japan Eher niedrig
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79. Tansania Eher niedrig
80. Niederlande Eher niedrig
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89. Großbritannien Eher niedrig
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94. Russland Eher niedrig
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108. Kanada niedrig
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134. Österreich niedrig
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142. Neuseeland niedrig

Staaten mit extrem hohem, hohem, eher hohem, eher geringem und geringem Wasserstress. Quelle: WRI, 2019

Das WRI sieht drei Möglichkeiten gegenzusteuern: Landwirte sollen Wasser sparen, indem sie ihre Pflanzen gezielt bewässern, statt ganze Felder zu fluten. Sie könnten auch vermehrt Sorten anpflanzen, die bei Trockenheit gut wachsen. Zudem müsse mehr in Infrastruktur investiert werden - etwa in Wasserleitungen, die trockene Gegenden versorgen. Als dritten Punkt fordern die Forscher, Abwasser vermehrt aufzubereiten.

insgesamt 45 Beiträge
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gerhard_walter_kell 07.08.2019
1. Umdenken
auf ganzer Linie ist erforderlich. Ich halte es für eine Jahrhundert - Aufgabe, die Wasservorräte weltweit neu zu verwalten. Um in Europa anzufangen: wäre es nicht sinnvoll, die lokal periodisch wiederkehrenden Dürren mit den ebenso regelmässig vorkommenden Überflutungen auszugleichen? Und, in einem weiteren Schritt, der Versteppung Südeuropas durch Transfer von Wasser aus nördlicheren Ländern (sofern vorhanden) zu begegnen?
kj.az 07.08.2019
2. Wasser = Leben
Wasser ist nicht knapp auf diesem Planeten. Knapp und immer knapper wird verfuegbares Trinkwasser und daran ist NICHT NUR der hohe Pro Kopf - Verbrauch schuld, sondern eben auch die ausufernde Zunahme der Weltbevoelkerung, komischerweise haeufig da, wo Wasser sowieso nicht ausreichend vorhanden ist. In anderen Teilen dieses Globus' wird Wasser behandelt als gaebe es dieses ohne Ende. Nur ein Beispiel: Im Suedwesten der USA, insbesondere in Arizona wird wasserintensive und bodenzerstoerende Baumwolle massiv angebaut, in der Sonora Wueste befinden sich Milchvieh- und Aufzuchtbetriebe fuer Rinder, mit Kopfzahlen von bis zu Hunderttausend pro Betrieb. Nicht nur versaufen die Viecher Millionen Liter am Tag, sie lassen fast genausoviel wieder ins Grundwasser, das dann westlich (im Colorado River Valley) wieder als Trink- und Nutzwasser entnommen wird. Und weil es so schoen ist, haben sich in Phoenix Arizona etliche Betriebe der grossen Nahrungsmittelkonzerne angesiedelt, die ihr Gatorade in der Wueste abfuellen und dann uebers Land verteilen. Ja, man folgt dem Geld - und Wasser ist nicht der Rede wert im Suedwesten der USA. Man schwimmt im Ueberfluss. Da liegt der Hund (auch) begraben.
Now Rob 07.08.2019
3. 1 kg Rindfleisch
kostet 15.300 Liter Wasser. Etliche Tausende Liter Wasser werden von der Tierhaltung zusätzlich verschmutzt. Das Wissen gibt es seit Jahrhunderten. Es sind also nicht nur die Hitze und die Dürre Schuld, sondern in erster Linie wir, die Menschen.
kohle+reibach 07.08.2019
4. 2018 war es bereits knapp
Hätten die hohen Temperaturen im letzten Jahr noch 2-3 Wochen länger gedauert, hätten wir bereits eine Katastrophe gehabt. Die Talsperren waren vielerorts kurz vor leer. Deshalb ist es ja auch so wichtig, dass wir bevölkerungsmäßig in unserem vergleichsweise kleinen Land noch mehr wachsen, anstatt uns gesund zu schrumpfen. Dann kommt der Knall eben schneller.
aequitas12 07.08.2019
5. Danke.
An dieser Stelle übrigens mal Danke an die Autorin für das Verlinken der entsprechenden WRI Karte. Es ist immer erfreulich, wenn man sich durch solche Verlinkungen weiterinformieren kann. Die Karte des WRI ist außerdem sehr interessant. Gerade wenn man sich die unterschiedlichen Prognosen für die Zukunft anschaut wird das Problem noch deutlicher.
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