WWF-Bericht zum Artensterben
"Wir verlieren die Vielfalt des Lebens auf der Erde"
Durch intensive Landwirtschaft und Entwaldung sterben immer mehr Tierarten aus. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend, heißt es im aktuellen Artenschutz-Bericht der Umweltorganisation WWF.
Gorillas im Kongo sind ebenfalls vom Aussterben bedroht
Foto: imago images / Cavan Images
Beim Artenschutz häufen sich die Negativschlagzeilen seit Jahren. Tausende Tiere stehen bereits auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion. Doch so deutlich wie der am Donnerstag veröffentlichte "Living Planet Report 2020" der Umweltstiftung WWF und der Zoologischen Gesellschaft London war die Botschaft lange nicht: Mehr als zwei Drittel der für den Bericht untersuchten Tierwelt sind in den vergangenen 50 Jahren vom Menschen vernichtet worden.
Die für den alle zwei Jahre erscheinenden Bericht berücksichtigten Populationen von Tieren, Vögeln und Fischen sind damit seit 1970 um fast 70 Prozent geschrumpft. Schuld daran sind laut den Studienmachern die Vernichtung von Wäldern und die Ausbreitung der Landwirtschaft.
Für den Bericht analysierte die Umweltorganisation WWF rund 21.000 Bestände von etwa 4400 Wirbeltierarten. Der Schwund bei Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien lag zwischen 1970 und 2016 im Durchschnitt bei 68 Prozent und ist mittlerweile auf 70 Prozent gestiegen.
Die genutzten Daten - laut Report wurden fast 4000 Quellen herangezogen - berücksichtigten Bestände aus allen Klimazonen, Kontinenten und aus verschiedenen Lebensräumen, von Wäldern bis Süßwasser. Laut Report sind es zunehmend auch sogenannte Bürgerwissenschaftler, die sich beim Zählen von Tieren engagieren.
Hotspots des Artensterbens: Afrika und Lateinamerika
Besonders gefährdete Tiere sind laut dem Bericht der Östliche Flachlandgorilla im Kongo, Lederschildkröten in Costa Rica und Störe im Jangtse - bei den Letztgenannten liege der Rückgang seit 1970 bei 97 Prozent. Lateinamerika stehe insgesamt "herausragend schlecht" da, sagte Studienautor Christoph Heinrich vom WWF. In Europa liegt das Minus der untersuchten Tierarten laut Bericht bei 25 Prozent. Die stärksten Eingriffe in die Landschaft seien hier vor 1970 und damit vor Beginn des Untersuchungszeitraums geschehen, erklärte Heinrich den vergleichsweise guten Wert. Wie es im Report heißt, liegen die meisten Orte ohne menschlichen Fußabdruck in nur wenigen Ländern: Russland, Kanada, Brasilien und Australien.
In Deutschland seien Rebhuhn und Kiebitz von massiven Bestandsrückgängen betroffen, so Heinrich. Diese beiden stünden nur stellvertretend für die Vogel- und Insektenarten in der Agrarlandschaft.
Insgesamt stellt der Report nur einen kleinen Ausschnitt der biologischen Vielfalt dar. Biologen gehen von 10 und 20 Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit aus, so WWF-Sprecher Heinrich. Davon werden aber nicht alle konsequent überwacht. Wie es um Insekten steht, wird bisher nicht einberechnet.
Naturzerstörung und -überbeanspruchung geschehen laut Report in beispielloser Geschwindigkeit. "Wir verlieren die Vielfalt des Lebens auf der Erde", sagte Christoph Heinrich. Beim Bericht von 2018 habe der gemessene Rückgang der beobachteten Populationen im Schnitt noch bei 60 Prozent gelegen. Die Entwicklung sei "extrem besorgniserregend".
Angesichts der Zahlen fordert der WWF einen Systemwechsel bei der Agrarpolitik, dem Ernährungssystem und den globalen Lieferketten. Zudem müsse bis 2030 ein Drittel der Erde unter Schutz gestellt werden.