Zeitumstellung am Sonntag Auf den Zeiger

Eine Stunde Schlaf weniger: Von Samstag auf Sonntag wurden die Uhren umgestellt, wieder einmal. Was bringt das eigentlich?
Gemeinsames Nickerchen von Mensch und Tier

Gemeinsames Nickerchen von Mensch und Tier

Foto: Anita Maric/ picture alliance / dpa

In der Nacht auf Sonntag wurden die Uhren vorgestellt auf die Sommerzeit: Der Zeiger sprang zumindest bei Funkuhren um zwei Uhr nachts direkt vor auf drei Uhr. Wir haben also eine Stunde Schlaf verloren. Über ein Viertel der Menschen leidet danach ein paar Tage lang unter einem Mini-Jetlag.

Was bringt mir die Zeitumstellung?

Zunächst die gute Nachricht: Es bleibt nun scheinbar abends eine Stunde länger hell, das ist nicht nur für Sport und Gartenpartys schön. Und Journalisten haben ein Dauerbrennerthema, das sie zweimal im Jahr gnadenlos immer wieder durchkauen können, das nächste Mal am 30. Oktober, wenn die Sommerzeit wieder endet. Toll.

Die Idee ist ein altes Steckenpferd fanatischer Energiesparer: Schon 1784 wollte der amerikanische Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin seine Mitbürger mit Kanonenschüssen zu Frühaufstehern umerziehen, mit dem hehren Ziel, weniger Kerzen zu verbrennen. Seit 1980 gilt die Sommerzeit in Deutschland, seit 2002 ist sie verbindlich für alle EU-Mitgliedsländer.

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Zeitumstellung: Niemand hat die Absicht, eine Sommerzeit einzuführen

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Die Hoffnung, damit Energie zu sparen, hat sich allerdings nie erfüllt, stellt das Umweltbundesamt eindeutig klar. Denn das, was wir abends bei der Beleuchtung einsparen, verballern wir in den kalten Morgenstunden fürs zusätzliche Heizen. Weltweit machen daher rund 160 Länder und Territorien gar nicht erst mit beim gut gemeinten, aber schlecht durchdachten Uhren-Aktionismus.

Werde ich unter der Zeitumstellung leiden?

Das ist durchaus möglich, denn immerhin 27 Prozent der Bevölkerung reagieren empfindlich auf den verordneten Mini-Jetlag, so eine aktuelle Forsa-Studie im Auftrag der DAK-Versicherung. Besonders betroffen sind vor allem Nachtmenschen (sogenannte "späte Chronotypen") und Familien mit kleinen Kindern: Sie leiden an Tagesmüdigkeit, Schlafmangel, schlechter Laune und brauchen teils mehrere Tage, bis sich ihr Biorhythmus umgewöhnt hat. Ob es allerdings in den Folgetagen wirklich zu mehr Verkehrsunfällen mit Motorradfahrern und Wildtieren kommt, wie Studien bisweilen belegen wollen, ist unter Forschern eher umstritten.

Wird die Zeitumstellung irgendwann wieder abgeschafft?

Die verordnete Uhren-Akrobatik ist medizinisch eher schädlich. Und auch wirtschaftlich bringt sie nichts. Eine Abschaffung wäre also durchaus sinnvoll, geht aber nicht im Alleingang und müsste EU-weit koordiniert werden. Keine Frage: Europa hat derzeit wohl wirklich drängendere Probleme zu bewältigen.

Dennoch: Immer mehr Bürger wenden sich gegen eine Uhrenumstellung. Vor 30 Jahren waren es weniger als 60 Prozent, heute sind es meist über 70 Prozent.

In einer nicht repräsentativen SPIEGEL-Umfrage (mit über 160.000 Teilnehmern) lehnen sogar rund 90 Prozent eine Zeitumstellung ab. Die Gruppe der Gegner ist dabei in zwei erbitterte Lager gespalten. Rund ein Drittel will durchgängig dem natürlichen Sonnenstand folgen, also der Winterzeit oder "Normalzeit". Eine Zweidrittelmehrheit dagegen wünscht sich lieber abends eine Stunde länger Licht und daher den ewigen Sommer - zumindest auf dem Zifferblatt.

Was kann ich tun, um geschmeidig in die Sommerzeit zu rutschen?

Keine Panik, der Chrono-Kokolores ist zwar sinnlos und nervig, aber eigentlich kein großes Ding, vergleichbar einer Flugreise nach London oder Athen. Generell gilt: Digital ist besser, zumindest, was den Wecker angeht. Von CSU-Chef Horst Seehofer ist überliefert, dass er anno 2014 eine Telefonkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel verpasste, weil er verbummelt hatte, seinen Wecker per Hand umzustellen. Wer sich am nächsten Montag nicht ebenfalls zum Horst machen will, sollte die Handy-Uhr im Menü so einstellen, dass diese automatisch die aktuelle Zeitzone anzeigt, was übrigens auch bei Fernreisen praktisch ist.

Und wer zu den Spätaufstehern und Jetlag-Sensiblen zählt, kann von Landwirten noch eine Menge lernen: Um das liebe Vieh nicht durch eine abrupte Umstellung zu stressen, was zu geringeren Milcherträgen führen würde, verlegen sie behutsam die tierische Nachtruhe über mehrere Tage hinweg nach und nach um 10 oder 20 Minuten nach vorne. Für dieses Jahr ist es zwar bereits etwas spät, aber dies ist die Gelegenheit für einen kleinen Kalendereintrag für 2018.

Sind Sie für die Abschaffung der Zeitumstellung? Hier geht es zur Abstimmung:

Wer hat an der Uhr gedreht? Wer genau?

"An Economical Project for Diminishing the Cost of Light" - ein Wirtschaftsprojekt zur Reduzierung der Ausgaben für Licht. So lautete die Forderung, die der US-Politiker Benjamin Franklin 1784 in der Zeitschrift "Journal de Paris" veröffentlichte. Die Pariser seien Faulpelze und stünden viel zu spät auf, meckerte Franklin augenzwinkernd. Sein brachialer Vorschlag: "In jeder Straße sollten Kanonen abgefeuert werden, um die Faulpelze aufzuwecken."

Seine satirische Idee entwickelt ein Eigenleben. Jahrelang kämpfte der britische Baulöwe William Willet im 19. Jahrhundert für die Einführung der Sommerzeit. Sein feinfühliger Vorschlag: Um die Umstellung weniger schmerzhaft zu machen, schlug er vor, sie schrittweise an vier aufeinanderfolgenden Sonntagen um jeweils zwanzig Minuten vorzunehmen, auf insgesamt eine Stunde und zwanzig Minuten. Der komplizierte Plan scheiterte.

Eingeführt wurde die Sommerzeit schließlich im ersten Weltkrieg von Deutschland, um Energie zu sparen. Doch sofort nach dem Friedensschluss wurde die "Kriegszeit" wieder ausgesetzt. Bis sie 1980 in Deutschland wieder eingeführt wurde. Der Spaßvogel Franklin würde sich im Grabe umdrehen. Vor Lachen.

Chronotyp

Dieser Begriff bezeichnet den unterschiedlichen Tag-Nacht-Rhythmus von Menschen. Der Chronotyp ist genetisch vorgegeben und verändert sich mit zunehmenden Lebensalter stark, vor allem junge Männer haben überdurchschnittlich oft einen späten Chronotyp, was sich später wieder auswächst. Unterschieden werden drei Typen:

  • der Frühaufsteher ("Lerche")
  • der Normaltyp und
  • der Spätaufsteher ("Eule").

Es gibt mehr Eulen als Lerchen. Frühaufsteher haben laut einer neuen Studie aus Finnland jedoch gesündere Ernährungsgewohnheiten.

Immer mehr Bürger nutzen die langen, lichten Sommerabende dafür, sich bei Petitionen und Aktionsbündnissen gegen die Zeitumstellung zu engagieren. Ihre Namen sprechen Bände: "AG Zeitfeststellung", "Sommerzeit abschaffen", "Initiative Sonnenzeit", Petition der SHG "Atmen & Leben Eichsfeld".

Bislang allerdings laufen all diese Initiativen ins Leere, wie ein Don Quijote, der vergeblich gegen Uhrzeiger kämpft.

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