Ausgegraben Zucht für Ziegenopfer

Ziegen: Züchter der Tiere stellten spezialisierten Wirtschaftszweig im frührömischen Jerusalem
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Ziegen: Züchter der Tiere stellten spezialisierten Wirtschaftszweig im frührömischen Jerusalem


Vor 2000 Jahren verlangte das jüdische Gesetz in Jerusalem massenweise Tieropfer. Doch woher kamen all die Schafe und Ziegen? Forscher fanden die Antwort in den Müllkippen der Stadt.

Dreimal im Jahr wurde es in Jerusalem eng. Zu Pessach, zu Schawuot und zum Laubhüttenfest kamen die Pilger. Hochrechnungen schätzen die Einwohnerzahl Jerusalems um die Zeitenwende auf etwa 30.000. Zu den Festen allerdings schnellte diese Zahl noch einmal um mindestens das Doppelte nach oben.

Das Ziel der Gläubigen war der große Tempel - sie wollten beten zu opfern. Woher aber kamen die Opfertiere für diese Massen? Trieben die Juden sie den ganzen Weg von ihrer Heimat, von den kleinen Dörfern in den Hügeln von Judäa und Galiläa, in die Großstadt Jerusalem?

Die Lösung des Rätsel fanden Forscher im Müll. Ihren Müll verteilten die Jerusalemer nicht gleichmäßig über die Stadt, sondern vieles davon landete zwischen der Regierungszeit des König Herodes (37 bis 4 vor Christus) und der Zerstörung des Großen Tempels im Jahr 70 nach Christus auf einer Halde an den Westhängen des Kidrontals, außerhalb der damaligen Stadtmauer.

Hier fanden Archäologen die Knochen vieler Opfertiere. Sie zeigen, dass die meisten Opfertiere vor Ort gezüchtet wurden.

Dieser Knochen nahm sich eine Forschergruppe um Gideon Hartman von der University of Connecticut und seiner Kollegen von der University of Haifa an. Und stellte fest, dass der Handel mit Tieren für den Altar des Jerusalemer Tempels sich offenbar rentierte: "Unsere Untersuchung bietet den ersten direkten Beleg für einen spezialisierten Wirtschaftszweig im frührömischen Jerusalem, der durch die jüdischen Pilgerfahrten begünstigt wurde", schreiben die Forscher in ihrem Aufsatz im Journal of Archaeological Science. "Dazu haben wir die stabilen Isotopen in den Knochen untersucht und die Herkunft der Tiere bestimmt, die in der Stadt verkauft und konsumiert wuden."

Beweis im Knochen

Die Isotopenverhältnisse von Stickstoff und Kohlenstoff in den Knochen unterscheiden sich je nach den Pflanzen, die ein Tier zu Lebzeiten gefressen hat. Wuchsen diese Pflanzen in der wasserreichen Zone am Mittelmeer? In der semiarriden Steppe? Oder in den Wüstenregionen der Negev? Die Pflanzen jeder Region haben ihre jeweils eigene Isotopensignatur.

Ganz so klar funktioniert die Unterscheidung allerdings nicht. Das Klima in frührömischer Zeit war nasser - und damit lagen auch die Vegetationszonen leicht verschoben. So rechneten die Forscher die Möglichkeit mit ein, dass ein Prozentsatz von Tieren mit einer Isotopensignatur, die für eine Aufzucht in feuchteren Zonen spricht, tatsächlich in trockeneren Regionen aufwuchs.

Die Proben, welche die Forscher an vier Stellen der Müllkippe entnahmen, ergaben von überall ein einheitliches Bild. Elf Prozent der Knochen stammte von Tieren aus der Küstenregion, 52 Prozent aus der semiarriden Steppe und 37 Prozent aus der Wüste. "Die Pflanzenfresser der Wüste könnten bis zu 25 Prozent unterschätzt sein", rechnen sie allerdings vor, "und auf der anderen Seite gilt für die Pflanzenfresser aus der feuchten Küstenregion, dass sie weit überschätzt wurden."

Letzteres ist vor allem wahrscheinlich, weil das Land an der Küste viel zu gut war, um darauf Schafe und Ziegen weiden zu lassen. Jeder, der statt Ackerbau auf seinem Land zu betreiben, dort Huftiere hätte weiden lassen, wäre ein Dummkopf gewesen. Bei den wenigen Tieren, die tatsächlich aus der Küstenregion nach Jerusalem gebracht wurden, handelte es sich wahrscheinlich um die Hausziege oder das Hausschaf einzelner Familien, die ihr Opfer den ganzen Weg von ihrem Dorf in den westlichen Hügeln Judäas oder dem oberen Galiläa bis nach Jerusalem getrieben hatten.

Bestätigung alter Texte

Für Zuchtbetriebe in der trockenen Steppe nordöstlich von Jerusalem gibt es sogar archäologische Beispiele. So lagen in Shu'fat and Tell el Ful in etwa fünf Kilometern Entfernung zur Stadt Höfe, auf denen Ziegen und Schafe gezüchtet wurden. Die antiken Knochen, die aus diesen beiden Stätten stammten, scheinen nach den Ergebnissen der Isotopenanalyse allerdings zu 25 Prozent von Tieren aus der feuchteren Küstenregion zu stammen. Das macht noch wahrscheinlicher, dass weitaus mehr als die bestimmten 37 Prozent der Knochen aus der Jerusalemer Müllkippe - nämlich möglicherweise mehr als die Hälfte - tatsächlich aus der Wüste kommen.

Und das ist erstaunlich. Denn die Wüste beginnt etwa 20 Kilometer östlich von Jerusalem. Das allein ist schon zu weit, um eine Herde bequem an einem Tag in die Stadt treiben zu können. Und da die Pflanzen in der Trockenheit so spärlich wachsen, braucht eine Viehherde wesentlich mehr Platz als in feuchteren Zonen. Der kleine Teil Wüste auf dem Gebiet der Provinz Judäa hätte bei weitem nicht ausgereicht, um den Hunger Jerusalems nach Schlachttieren zu stillen. Das alles spricht für Viehzucht im großen Stil - weit außerhalb der Provinzgrenzen.

So beschreiben es tatsächlich talmudische Quellen, die allerdings über zweihundert Jahre jünger sind als die Zerstörung des Tempels. Edomitische Händler, heisst es da, hätten Ziegen und Schafe zu tausenden aus der Wüste importiert. "Der Beitrag der jüdischen Pilger in der frührömischen Zeit war sicherlich sehr stimulierend für die Wirtschaft Jerusalems", fassen die Autoren der Studie zusammen, "sowohl durch lokale Produktion auf Höfen der näheren Umgebung als auch durch den Handel über die Provinzgrenzen hinweg.

"Man darf auch nicht vergessen, dass zur Zeit des König Herodes die Hälfte der jüdischen Bevölkerung bereits in der Diaspora lebte - viel zu weit entfernt, um tatsächlich nach Jerusalem pilgern zu können", ergänzt Hartman. "Statt dessen schickten die Gemeinden Vertreter, die mit den gesammelten Geldern der Gemeindemitglieder anreisten, um Opfertiere zu kaufen - vor Ort. Ohne Zweifel war dies ein großer Antrieb für die Wirtschaft der Stadt, für den es uns bisher an einem direkten Nachweis noch gefehlt hatte."



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7 Leserkommentare
herr_kleint 09.10.2013
taglöhner 09.10.2013
denkmal! 09.10.2013
taglöhner 09.10.2013
michaelkaloff 09.10.2013
Miere 10.10.2013
akronymus 10.10.2013

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