Zivilisationen "Gesellschaften sind sterblich"

Der Historiker Johannes Fried hält alle Zivilisationen für vergänglich. Die Möglichkeiten der Selbstzerstörung der Menschheit sind heute größer denn je. Trotzdem hat der Mittelalterexperte eine gute Nachricht: Jedem Untergang folgt ein neuer Aufstieg.


Frage: Unsere derzeitige westliche Zivilisation hat mehr Wissen angehäuft als alle Kulturen vor uns. Wird das unsere Gesellschaft vor dem Kollaps retten?

Fried: Das kann nur behaupten, wer die Geschichte nicht kennt. Die Psyche spielt mit. Da gibt es zum Beispiel den Neid. Das ist bei Nationen nicht viel anders. Und dass gerade eine Gesellschaft, die so stark durch Konkurrenz geprägt ist wie die unsrige, einen Garantieschein auf Bestand haben sollte, bezweifle ich. Konkurrenz geht nicht ohne Opfer ab.

Frage: Also Untergang durch wirtschaftlichen Wettbewerb?

Fried: Bitte, missverstehen Sie mich nicht - auch für einen gesellschaftlichen Niedergang gibt es immer viele Gründe. Deshalb versuche ich als Geschichtswissenschaftler, verschiedenste Faktoren zusammen zu sehen: Produktionsverhältnisse, klimatische Bedingungen, Ernährung, religiöses Denken, das Verhältnis von Freund und Feind, die geistigen Debatten einer Epoche. Und dennoch können einzelne, scheinbar kleine Änderungen große Wirkungen entfalten.

Frage: So wie der Schmetterling, der nach Ansicht der Chaostheorie einen Wirbelsturm am anderen Weltende auslöst?

Fried: Ja. Ein Beispiel: In der Steinzeit kannte man nur aufrecht stehende Webstühle, mit denen sich Tücher nur in bestimmter Größe produzieren ließen. Im zehnten Jahrhundert kam dann der horizontale mechanische Trittwebstuhl auf, mit dem sich prinzipiell Tücher jeder Größe produzieren ließen. Diese Innovation führte zu erheblichen Veränderungen in der ganzen Gesellschaft, sogar über die Grenzen hinweg. Das Weben ging von den Frauen auf die Männer über, weil es fortan viel mehr Kraft verlangte. Es entstanden ganz neue Produktionszentren in England, in den Niederlanden oder in Florenz. Diese Industrien finanzierten dann den Aufstieg von Städten und Ländern mit - und führten zum Untergang anderer. Auch die Entwicklung des Pflugs lässt ähnliche systemische Folgen erkennen.

Frage: Der Gang der Geschichte hängt demnach zuweilen von technischen Innovationen ab, die sich kaum oder überhaupt nicht vorhersehen lassen?

Fried: Gewiss, es lässt sich so wenig voraussagen oder planen wie um 1900 der Computer.

Frage: Wieso sollte eine flexible Gesellschaft auf solche Entwicklungen nicht rechtzeitig reagieren können?

Fried: Wir können ja nicht einmal große Erfindungen und ihre dramatischen Folgen vorhersehen. Zudem waren bislang alle Gesellschaften sterblich: Venedig etwa war um 1300 eine stolze Mittelmeergroßmacht. Sie brach zusammen - unter anderem deshalb, weil die Anrainer sich verselbständigten. Das spätantike Rom litt darunter, dass die Hocharistokratie keine Kinder mehr bekam. War es eine Mode? Wir wissen es nicht. In Südgallien starben im sechsten Jahrhundert die Senatorenfamilien aus, weil ihre besten Vertreter ins Kloster gingen. Solche Phänomene beobachten wir immer wieder in der Geschichte. Wenn es den Leuten gut geht, leben sie glänzend, sie mehren sich. Dann schlägt es um; viele Gründe sind denkbar. Wenn dann noch schwere Seuchen oder Naturkatastrophen hinzukommen, kann die Gesellschaft zusammenbrechen. Die Möglichkeiten der Selbstzerstörung haben sich bis heute erheblich vermehrt. Ein Atomkrieg könnte die gesamte Menschheit auslöschen.

Frage: Welche Rolle haben ökologische Krisen in der Geschichte gespielt?

Fried: Nur zwei Beispiele: In den Alpen wurde der Wald bereits zu Beginn der Kupferzeit abgeholzt, weil sich dort Kupferlagerstätten befanden. Und Venedig steht auf Eichenpfählen, dafür wurde die Adriaküste abgeholzt. Wo der Mensch einen Rohstoff findet, beutet er ihn rücksichtslos aus - eine Einbahnstraße in den Untergang.

Frage: Sind die Erwartungen der Menschen für die Stabilität von Gesellschaften wichtig? Das Mittelalter hatte doch ohnehin Angst vor dem Ende aller Zeiten.

Fried: Erwartungen lenken das Handeln. Die Apokalypse stand für Christen im Mittelalter aufgrund der Offenbarung des Johannes und anderer Bibelstellen außer Frage - auch, dass es schrecklich werden würde. Dennoch verzagte man nicht. Die Endzeit wurde als Prüfung verstanden, die man als Christ bestehen müsse. Sie verlangte beispielsweise, der ganzen Welt die Botschaft Christi zu bringen. Noch Christoph Kolumbus schrieb dem spanischen Königspaar, dass die Welt demnächst, gegen 1648, untergehen werde - und dass bis dahin den Menschen der gesamten Erde das Evangelium gepredigt sein müsse. Das war ein Antrieb zur Erkundung der Erde, zum Schiffsbau, zur Errichtung von Kolonien. Der Glaube ließ die Menschen Kirchen bauen, Krankenhäuser errichten. Der Glaube an den Untergang bewirkte Aufschwung!

Frage: Gab es gar keinen Stillstand?

Fried: Keineswegs. Das apokalyptische Denken trieb sogar die Naturwissenschaft an. Im Matthäus-Evangelium sind kosmische Zeichen genannt, mit denen sich das Weltgericht ankündigt: Sterne fallen vom Himmel, Sonne und Mond verfinstern sich, es wird Erdbeben, Teuerungen, Hungersnöte geben. Deshalb mussten Gelehrte bei jeder Sonnenfinsternis überprüfen, ob sie ein Untergangszeichen sei. Dazu konsultierte man die Chroniken und erforschte den Himmel. Zur Zeichendeutung diente auch die Astrologie. Sie gelangte seit dem elften Jahrhundert aus der arabischen Welt in den Westen und half etwa, die Planetenbahnen zu berechnen.

Frage: Das heißt, der Glaube war ein Motor der modernen Wissenschaft?

Fried: Selbst Isaac Newton hat noch mehr über die Apokalypse geschrieben als über Physik. Er deutete die Endzeit als Wiederkehr Jesu zum Jüngsten Gericht, das in ein irdisches Reich seliger Menschen führe. Von da war der Weg nicht mehr weit zu Karl Marx und dem kommunistischen Paradies auf Erden, das ja auch einem Untergang folgen sollte: der Revolution.

Frage: Es ist das Versprechen, dass es nach der Katastrophe weitergehen wird.

Fried: So ist es. Einmal angenommen, die Hälfte der derzeit sechs Milliarden Menschen käme bei Kriegen oder Epidemien um. Dann lebten immer noch drei Milliarden Menschen auf der Erde - mehr als zu früheren Zeiten.

Frage: Wollten wir in solch einer Welt leben?

Fried: Aber natürlich. Die schlimmsten Kriege und Pestwellen haben viele Menschen getötet. Aber die Überlebenden waren gegen die Seuchen immunisiert, und sie hatten eine materielle Basis, um neu anzufangen. So haben sich die Menschen nach Pestwellen im Mittelalter prunkvoll neu eingekleidet, weil sie sich freuten, überlebt zu haben. Der pestbedingte Bevölkerungsrückgang im sechsten Jahrhundert hat jungen Völkern aus dem Norden und dem Osten eine Chance gegeben. Jedem Untergang folgt ein neuer Aufstieg.

Frage: Stimmt Sie das optimistisch?

Fried: Nicht unbedingt. Aber mein Handeln orientiert sich nicht am Untergang. Ich will Menschen fördern. Ich habe Kinder und Enkel und bin bemüht, ihnen gute Startmöglichkeiten zu verschaffen. Aber der Historiker weiß auch, dass eine Katastrophe in seinem Leben anderen Menschen eine Chance eröffnet.

Das Interview führte Hubertus Breuer



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