Christian Stöcker

Zukunft der Energieversorgung Wir starren auf den falschen Frosch

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Zum Thema Klimakrise hört man häufig: Wir können sowieso nichts tun, denn in Afrika werden zu viele Kinder geboren. Dabei ist man in Afrika dabei, uns vorzumachen, wie klimafreundliches Wachstum funktionieren kann.
Dezentrale Stromversorgung: Ein ghanaischer Bauer legt ein Solarpanel auf das Dach seines Hauses

Dezentrale Stromversorgung: Ein ghanaischer Bauer legt ein Solarpanel auf das Dach seines Hauses

Foto: Thomas Imo / photothek / imago images
»Wachstumsziele sollten spezifizieren, was wachsen soll und wozu.«

Simon Kuznets, der Erfinder des Bruttosozialprodukts (1962)

Der Frosch ist im Zusammenhang mit dem Klimawandel bislang eher eine Metapher für das Versagen der Menschheit. Einer oft bemühten Legende zufolge bleibt ein Frosch, wenn man ihn in langsam zum Kochen gebrachtem Wasser platziert, sitzen. Das stimmt gar nicht – echte Frösche hüpfen irgendwann  weg.

Eine zweite Froschmetapher deutet in die andere Richtung – hin zu einem hoffnungsvollen, konstruktiven Blick auf unsere Zukunft. Die Metapher steckt im englischen Begriff »Leapfrogging«, im Deutschen nur unzureichend übersetzt mit »Bockspringen«. Leapfrogging heißt: Ein Entwicklungsstadium, das in anderen Teilen der Welt stattgefunden hat, meist in den Industrienationen, wird in anderen Teilen der Welt, meist Schwellen- und Entwicklungsländern, ausgelassen. Übersprungen eben.

Es funktioniert, das ist zweifelsfrei erwiesen

Das bekannteste Beispiel ist das mobile Internet, das etwa in vielen afrikanischen Staaten und in Indien für viele Menschen der erste und weiterhin einzige Zugang zur digitalen Welt ist. Mobiltelefone statt Rechnern als Tor zur digitalen Welt haben einen weiteren Vorteil: Sie verbrauchen viel weniger Energie.

Ein zentrales Ziel europäischer Außen- und Entwicklungspolitik sollte sein, Leapfrogging auch in dem Bereich zu fördern, der für die Zukunft der Menschheit noch wichtiger ist: der Energieversorgung. Das heißt aber auch, sich den Begehrlichkeiten der Fossilbranchen auch global entschlossen entgegenzustellen.

Bislang gibt es zum Beispiel in Afrika nur sehr wenige  Kohlekraftwerke. Das muss dringend so bleiben. Den Plänen  der chinesischen Regierung, in vielen asiatischen und manchen afrikanischen Ländern Kohlekraftwerke zu bauen, sollten die EU und die bald wieder kompetent regierten USA dringend und entschlossen entgegentreten. Das Gleiche gilt für entsprechende Projekte westlicher Konzerne.

Ein großer Satz hin zu intelligenter Energieversorgung

Nirgendwo wächst die Bevölkerung weiterhin so schnell wie auf dem afrikanischen Kontinent, und gleichzeitig gibt es nirgendwo so viele Menschen, die noch vollständig ohne Strom auskommen müssen.

Noch 2019 hatten der Internationalen Energieagentur IEA zufolge  600 Millionen Menschen in Afrika keinen Zugang zu elektrischem Strom, die meisten davon südlich der Sahara. Für viele weitere ist Stromversorgung Glückssache: Es gibt ständige Stromausfälle, die gigantische wirtschaftliche Schäden anrichten. Wer es sich leisten kann, behilft sich mit einem Dieselgenerator, was dem Klima schadet und extrem teuer ist.

Mit einem großen Satz in die saubere Zukunft

Wenn die wachsenden Volkswirtschaften dort ihren Energiebedarf künftig mit Kohle, Öl und Gas decken, wird das die Klimakrise weiter beschleunigen. Es gibt aber einen Ausweg: Die Staaten Afrikas könnten und müssten das Zeitalter der fossilen Brennstoffe überspringen. Wie ein Frosch, der einen großen Satz macht.

In vielen afrikanischen Städten und Dörfern gibt es längst sogenannte Mini- oder Mikro-Grids, kleine bis mittlere Fotovoltaik-Installationen samt Speicher, die einzelne Häuser oder ganze Viertel mit Strom versorgen, der gerade für einige Lampen, einen Kühlschrank und ein TV-Gerät reicht – und um Mobiltelefone zu laden. Wer sich eine eigene Anlage nicht leisten kann, bekommt eine installiert und bezahlt den Strom dann mit dem Handy, Kilowattstunde für Kilowattstunde. Man kann so auch Mobilfunkmasten betreiben, die in Afrika bislang vielerorts tatsächlich an Dieselgeneratoren hängen.

Dezentrale, lokale Energieversorgung mit Mini- und Mikro-Grids schafft auch nicht solche Probleme wie gigantische Wasserkraftprojekte wie der »New Renaissance«-Damm in Äthiopien.

Einer der größten Anbieter solcher Lösungen ist das afrikanische Unternehmen M-Kopa, das mittlerweile über 900.000 Haushalte mit Energie versorgt. Der Tonfall, mit dem solche Firmen ihre Dienste bewerben, unterscheidet sich dramatisch von den Verlautbarungen der Energieversorgungsgiganten der industrialisierten Welt: »Wir helfen Konsumenten mit niedrigem Einkommen dabei, hochwertige und bezahlbare Energielösungen zu erwerben«, heißt es auf M-Kopas Website. Die Kunden würden so »unabhängig«.

Strom plus Fernseher im Paket

Die dezentrale Solarstromversorgung hat noch einen weiteren Vorteil: Sie macht den Anschluss an ein Stromnetz überflüssig, und der ist in vielen afrikanischen Staaten immens teuer.

Das britische Unternehmen Azuri bietet ähnliche Leistungen an, verkauft aber TV-Geräte und Satellitenantennen gleich mit, mit einem monatlichen Ratenplan, an dessen Ende den Käufern Solaranlage und TV gehören. »Jetzt bin ich mit der ganzen Welt verbunden«, sagte ein kenianischer Bauer stolz der BBC .

Und das Ganze lohnt nicht nur für einen Kühlschrank und einen Fernseher: »Eine wachsende Zahl von energieintensiven Unternehmen wie etwa Minen hat begonnen, Solarmodule aufzustellen, um Dieselgeneratoren zu ersetzen«, berichtete der »Economist« schon 2017 . Das hat einen weiteren Vorteil: Die IEA schätzt, dass sich so die Energiekosten einer Firma mal eben halbieren lassen.

Auch Deutschland hat da einen Anteil

Befördert werden diese Modelle auch von den seit vielen Jahren dramatisch fallenden Preisen für Solarzellen  und Windstromanlagen. Die hat die Menschheit übrigens auch der so viel gescholtenen sogenannten Energiewende in Deutschland zu verdanken. Aber irgendwie hat in Berlin niemand so richtig Lust, mit diesem Hoffnung machenden Erfolg anzugeben. Vielleicht weil man die eigene Solar- und Windenergie systematisch demontiert, während Kohlekonzerne weiterhin verhätschelt werden.

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten eine Reihe von Vorträgen zu den Themen exponentielles Wachstum, Klimakrise und Zukunftsstrategien für die Menschheit gehalten. Dabei werde ich fast immer gefragt, was man denn hier in den westlichen Industrienationen überhaupt tun könne. Ob es nicht notwendig sei, das Wirtschaftswachstum an sich möglichst schnell zu beenden.

Verbunden sind diese Fragen oft mit einem Verweis auf das Bevölkerungswachstum in Afrika und Indien. Wichtig zunächst: Es gibt keine Bevölkerungsexplosion mehr. Vermutlich schon ab Mitte des Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung sogar zu schrumpfen beginnen. Aber das Bevölkerungswachstum gerade in wirtschaftlich schwächeren Ländern wird noch einige Jahrzehnte weitergehen.

Wir brauchen Wachstum, aber anderes

Deshalb hier einmal gebündelt die Antwort auf die obigen Fragen (eine ausführliche Version steht in meinem Buch): Wir können, ja wir dürfen keineswegs anstreben, das Wirtschaftswachstum an sich global zu beenden. Das wäre nicht nur unfair gegenüber all jenen Menschen, die bis heute keinen Zugang zu Elektrizität, sauberem Trinkwasser und anderen für uns selbstverständlichen Annehmlichkeiten haben. Es wäre auch fatal, denn wir brauchen Wachstum, nur in einer anderen Richtung.

Die Mini- und Mikro-Grids Afrikas sind nur ein Beispiel von vielen: Wenn die rasch wachsenden Nationen dieses Planeten unsere Fehler vermeiden, wenn sie ihre Energieversorgung direkt auf viel billigere, saubere, emissions-, stickoxid- und feinstaubfreie Energiequellen ausrichten, können sie nicht nur vermeiden, die Klimakatastrophe weiter zu beschleunigen.

Dann könnten Staaten in Afrika und anderswo zum Vorbild für den Rest der Welt werden.