Zukunft der Medizin Experten warnen vor Diabetes und Seuchen

Die Schattenseiten der Zivilisation werden die Medizin nach Meinung führender deutscher Forscher vor neue Herausforderungen stellen. Diabetes könnte zur Todesursache Nummer eins werden, verheerende Seuchen immer häufiger auftreten.


Übergewichtige Frau: Wohlstands- und Altersleiden auf dem Vormarsch
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Übergewichtige Frau: Wohlstands- und Altersleiden auf dem Vormarsch

Berlin - Die Berliner Charité hat 100 führende deutsche Experten aus Industrie, Hochschulen und Forschungsinstituten nach der künftigen Entwicklung der Volksgesundheit befragt. Das Ergebnis: Wohlstand, Mobilität und immer höhere Lebenserwartung werden nach Meinung der Mediziner dazu führen, dass immer mehr Menschen unter alters- und ernährungsbedingten Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Demenz leiden. Die Experten erwarten ferner eine Zunahme von Infektionskrankheiten sowie den Ausbruch einer schweren Grippeepidemie in den nächsten fünf Jahren, ergab die Studie "Krankheitsspektrum der Zukunft".

Diabetes bereitet den Experten die größten Sorgen, heißt es in der Studie, die das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité im Auftrag des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) erstellte. Über zwei Drittel der Befragten erwarten, dass die Zuckerkrankheit trotz derzeit guter Behandlungsmethoden in den nächsten zehn Jahren zu den häufigsten Todesursachen zählen wird.

Zuckerkrankheit bald Todesursache Nummer eins?

Altersdiabetes wird sich nach Meinung von 69 Prozent der Experten in den kommenden zehn Jahren sogar zur häufigsten Todesursache entwickeln, gefolgt von Herzmuskelschwäche (49 Prozent) und Schlaganfall (48 Prozent). Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen derzeit für rund die Hälfte aller Sterbefälle in Deutschland verantwortlich und damit Todesursache Nummer eins, gefolgt von Krebsleiden.

Die Zuckerkrankheit wird nach Einschätzung der Forscher mit ihren Folgen wie Nierenschäden, Augenproblemen und Amputationen einen erheblichen Kostenfaktor darstellen. Sieben bis acht Prozent aller Erwachsenen, das entspreche sechs Millionen Menschen, seien gegenwärtig betroffen - 20 Mal so viele wie noch vor 50 Jahren. Bis 2010 wird die Zahl der Neuerkrankungen voraussichtlich um 50 Prozent auf 350.000 Fälle pro Jahr steigen, sagte Dieter Götter, medizinischer Direktor beim Pharmakonzern Sanofi-Aventis Deutschland. Dennoch wisse nur etwa die Hälfte der Betroffenen über 55 Jahre von ihrer Erkrankung.

Optimismus über medizinischen Fortschritt

Unwissenheit und mangelnde Vorsorge sowie ein verstärktes Reiseaufkommen machen die Experten auch für den Vormarsch der Infektionskrankheiten in Deutschland verantwortlich. 62 Prozent der Befragten rechnen in den nächsten zehn Jahren mit einem Anstieg der Tuberkulose-Fälle. Jeweils rund 40 Prozent erwarten mehr HIV- und Hepatitis-Infektionen, Hepatitis A nicht eingerechnet. Dies sei ein besorgniserregender Trend, sagte Götte. Zudem bewertet mehr als jeder Zweite die Gefahr einer deutschlandweiten schweren Grippeepidemie als hoch.

VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer unterstrich die Bedeutung der Erhebung. Im Durchschnitt vergingen zwölf Jahre, bis die Entwicklung eines Arznei-Wirkstoffes zur Zulassung führe. Daher müssten die erwarteten Verschiebungen im Krankheitsspektrum bereits heute in die Forschung einfließen.

Zur Qualität der medizinischen Forschung befragt, zeigen sich die Experten größtenteils optimistisch. So rechnen 53 Prozent mit einer HIV-Schutzimpfung in den nächsten zwölf Jahren. Zwei Drittel erwarten während dieses Zeitraums bei der Behandlung von Alzheimer einen Durchbruch. Gerade im offenbar so wichtigen Bereich der Diabetes-Forschung erhält der Standort Deutschland gute Noten: 45 Prozent der Befragten bescheinigen der Bundesrepublik hier eine international große Rolle.



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