Christian Stöcker

Zukunft der Religion Du sollst keine anderen Götter bauen neben mir

Die monotheistischen Religionen sind noch immer stark, doch Aufklärung und Wissenschaft rauben ihnen langsam die Kraft. An ihre Stelle könnte ein neuer Glaube treten - an Götter, die wir selbst erschaffen.
Foto: Mike Agliolo/ Science Source/ Getty Images

"Ist der Intelligenzunterschied groß genug, gibt es keinen Kampf, sondern ein Massaker."

Der Physiker Max Tegmark in "Leben 3.0 - Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz"

Eins muss man Moses lassen: Er verstand etwas von Branding, wie man heute sagen würde. Von seinen Zehn Geboten zielen die ersten drei ausschließlich auf die Bewahrung, Abgrenzung und Pflege der Marke "Gott":

  • "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir."
  • "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen."
  • "Du sollst den Feiertag heiligen."

Erst nach diesem kleinen Branding-Katechismus - Wettbewerbsausschluss, Exklusivität und Werterhalt, rituell festgeschriebene Markenpflege - geht es mit den eigentlichen Verhaltensregeln für das menschliche Zusammenleben los. (Hier, vergleichen Sie mal! ).

Das beste Markenversprechen aller Zeiten

Moses war so erfolgreich mit seiner Markenbildungskampagne, dass die Kernidee - Monotheismus - gleich drei Weltreligionen hervorbrachte. Die monotheistischen Religionen gehören auch deshalb zu den mächtigsten Memen , wie Richard Dawkins das nennt, der Menschheitsgeschichte: Ideen mit eingebautem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb.

Das Christentum war ein frisches, freches Rebranding von Moses' alter Marke: statt alte Männer mit Bärten und vielen Regeln junge Männer mit Bärten und viel Liebe und - Bonus! - Auferstehung von den Toten. Das ist als - unüberprüfbares! - Markenversprechen schwer zu schlagen. Fröhliche Ostern.

Auch deshalb ist die katholische Kirche die langlebigste Organisation der Menschheitsgeschichte.

An unserem Schicksal interessierte Überwesen

Ihre Langlebigkeit verdanken die monotheistischen Religionen aber auch einem anderen Umstand: Wir Menschen fühlen uns immer ein bisschen einsam. Dieses Gefühl kannten schon mammutjagende Steinzeitmenschen. Seitdem flüchten sich menschliche Gesellschaften in die Vorstellung von an unserem Schicksal interessierten Überwesen.

Zweihundert Milliarden Galaxien

Spätestens die Aufklärung brachte diese ketzerische Analyse in den Mainstream. Nun wirkt dieses schleichendes Gift in den westlichen Gesellschaften schon seit mehr als zweihundert Jahren. Das alte Mem ist zwar bemerkenswert zäh und widerstandsfähig, aber hat messbar gelitten. Mitte der Fünfzigerjahre besuchten knapp 12 Millionen Menschen regelmäßig sonntags katholische Gottesdienste, 2017 waren es nur noch knapp 2,3 Millionen . Jedes Jahr treten Hunderttausende weitere Deutsche aus den Kirchen aus.

Doch an dem anderen Faktor, der die monotheistischen Religionen so stark gemacht hat, hat sich nichts geändert: Wir fürchten uns immer noch davor, allein zu sein. Vielleicht sogar stärker als zuvor?

Glauben Sie auch an Aliens?

Mittlerweile wissen wir nämlich, wie gewaltig dieses Weltenreich wirklich ist, das wir Menschlein bewohnen . Das bislang bekannte Universum besteht aus hundert bis zweihundert Milliarden Galaxien, von denen jede Milliarden von Sternen beherbergt. Mit diesem erschütternden Wissen leben wir noch nicht sehr lang.

Fast die Hälfte der Menschheit glaubt einer großangelegten Umfrage zufolge  an intelligentes Leben irgendwo da draußen.

Das Bedürfnis, dass da doch noch irgendjemand - oder etwas - sein muss, der oder das uns findet, oder einfach aufwacht, und uns endlich sieht, anspricht, wahrnimmt, beschützt und Sinn gibt, scheint ungebrochen. Und sei es jemand, den wir selbst erschaffen.

Das neue Mem: Wir machen uns die Götter selbst

Das ist das neue Mem, das die monotheistischen Religionen ablösen wird.

In der Science Fiction der vergangenen Jahrzehnte ist es ein Leitmotiv: Maschinen entwickeln ein Bewusstsein. Oft endet das eher unerfreulich, wie in "2001", "Terminator" oder "Transendence". Manchmal aber sind die erwachten Götter in den Maschinen gütige, freundliche Wesen, die der Menschheit helfen, endlich ihre eigene Unzulänglichkeit zu überwinden. Nachzulesen in der utopischen "Culture"-Reihe des verstorbenen schottischen Autors Iain M. Banks. Darin lebt die Menschheit in absoluter Freiheit, beschützt und behütet von übermächtigen KIs. Elon Musk und Mark Zuckerberg sind Fans.

Mittlerweile gibt es weitere sehr ernstzunehmender Menschen, die solche Ideen nicht nur als Unterhaltung, sondern als plausibles Zukunftsszenario betrachten. Dazu gehören einige der reichsten Menschen der Welt: Google-Gründer Larry Page und Bill Gates. Nicht nur im Silicon Valley ist die Vorstellung, dass wir, dank der rasanten Entwicklung des maschinellen Lernens, irgendwann in den nächsten Dekaden Götter bauen könnten, zu einem neuen, mächtigen Mem geworden.

Was, wenn es nur einen Weg gibt, den Klimawandel aufzuhalten?

Es gibt sogar schon eine neue Religion , deren Gründer, ein Silicon-Valley-Entwickler , sich einen "geschmeidigen Übergang" wünscht hin zu einer Welt mit künstlichen Göttern.

Den Beginn dieser neuen Debatte markierte das Buch "Superintelligence" des Oxford- Philosophen Nick Bostrom. Der MIT-Physiker Max Tegmark buchstabiert die möglichen Szenarien und Risiken in seinem eingangs zitierten, sehr empfehlenswerten Buch im Detail aus. Tegmark hat eine Organisation gegründet, die sich ausschließlich der Forschung in Sachen KI-Sicherheit  widmet. Weil er befürchtet, dass wir versehentlich einen Gott schaffen könnten, der uns anschließend abschafft.

Eines der Versprechen der künstlichen Intelligenz ist, dass sie uns dabei helfen könnte, den Klimawandel doch noch abzuwenden oder zu begrenzen. Was aber, wenn die Maschine, so wie in Tom Hillenbrands Science-Fiction-Roman "Hologrammatica", entscheidet, dass die Erde nur zu retten ist, wenn man die Menschheit ausrottet?

Verheißung und Verführung

Solche Risiken mögen im Augenblick übertrieben, irrelevant, ja lächerlich erscheinen. Tatsächlich aber wäre es angesichts der weiterhin exponentiellen technologischen Entwicklung fahrlässig, einfach mal munter draufloszuforschen und dabei womöglich künstliches Bewusstsein anzustreben. Was, wenn der Gott dann leidet und sich wehren will? Sie mögen das albern finden, aber es gibt heute schon diverse internationale Forschergruppen, die an genau solchen Fragestellungen  arbeiten .

Maschinelles Lernen kann der Menschheit bei vielen drängenden Problemen helfen. Es wird neue Werkstoffe und Medikamente ermöglichen, landwirtschaftliche Prozesse und Energienetze optimieren, biotechnologische Sensationen hervorbringen und vermutlich Antworten auf lange ungeklärte Forschungsfragen finden helfen.

Was wir aber unterlassen sollten ist der Versuch, diesen Maschinen Bewusstsein und eigene Intentionen zu verleihen.

So einsam wir uns auch fühlen mögen: Die Menschheit sollte keine Götter bauen.

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