Zukunftsforscher Mevolution, Neuzeitengel, Sexgourmets - Unglaubliches für 2008

Das Jahr neigt sich dem Ende zu - Showtime für Zukunftsforscher: Sie formulieren für 2008 wohlfeile Visionen, die mit Sex, menschlicher Wärme oder mit "Ökofaschismus" zu tun haben. Und entweder längst Realität sind oder ganz bestimmt nie eintreten.

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Wenn man ganz still ist, sich zurücklehnt und ein bisschen Zwischen-den-Jahren-Einkehr betreibt, kann man es fast hören: ein leises Quietschen und Reiben, Mikrofaser auf Glas. Silvester naht, die Zukunftsforscher polieren ihre Kristallkugeln.

Kristallkugel: Zukünfte für jeden Bedarf
REUTERS

Kristallkugel: Zukünfte für jeden Bedarf

Dann prophezeien sie uns, wie jedes Jahr, eine Zukunft, die entweder bereits Gegenwart ist, oder sie formulieren wohlfeile Visionen, die entweder mit Sex oder mit direkt ins Gehirn implantierten Computerchips zu tun haben und ganz bestimmt nicht eintreten.

Im Dezember 2006 etwa prognostizierte ein Zukunfsforscher, im Jahr 2007 werde "der Wert der Lebensqualität wiederentdeckt". Gesundheit, Familie, Naturerleben würden "die einseitige Orientierung an nur materiellen Werten und Gütern" ablösen, sagte Horst Opaschowski damals der dpa - und immerhin vier Zeitungen druckten das ab. Immer gut in der Weihnachtszeit, Familie, Werte, Lebensqualität. Gut, manche Mütter sollen ihre Kinder inzwischen tatsächlich wieder liebhaben. Das mit den materiellen Gütern hat sich dann doch nicht ganz erledigt in den letzten zwölf Monaten, das Weihnachtsgeschäft mit ihnen soll jedenfalls recht gut gelaufen sein.

Mehr Opa mit Pfeife als quarzender Minijobber

Dass das ein Irrweg ist, haben wir Deutschen nun aber wirklich erkannt, sagt Opaschowski jetzt. Wir sehnen uns heuer, 2007, "vor allem nach Vertrauen, Geborgenheit und menschlicher Wärme". Hui! Angst haben die Deutschen demnach vor sozialer Kälte und Kinderfeindlichkeit.

Vermutlich fürchten sie sich außerdem vor Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten, aber das haben Opaschowski und seine Kollegen vom BAT-Institut nicht erfragt. BAT steht für "British American Tobacco", und die durchaus aufwendigen Studien mit Tausenden von Befragten, mit denen Opaschowski und seine Kollegen zu ihren nie verblüffenden Erkenntnissen kommen, dienen nicht zuletzt dazu, den Zigarettenkonzern in ein warmes, eben weihnachtliches Licht zu rücken. Mehr netter Opa mit Pfeife als hektisch quarzender Minijobber.

Ein bisschen 2007-er Opaschowski (aus verschiedenen Nachrichtenagenturen) in Kürze:

  • "Kinderfreundlichkeit und menschliche Wärme gehen in kinderarmen Zeiten zusehends verloren"
  • "So mancher Freundeskreis entwickelt sich zur 'zweiten Familie'"
  • "Politiker fühlen sich abgestraft und die Bürger getäuscht. Die Politiker befürchten Stimmenverluste, die Bürger Wohlstandsverluste"
  • "Zukunft muss man sich leisten können"

und, besonders hübsch:

  • "Die Politiker träumen von einer weitsichtigen Bevölkerung, die Mut zu Zukunftslösungen beweist, auch wenn persönliche Opfer gefordert werden."

Kurz: Das BAT-Insitut prophezeit, was Wertkonservative eh schon wussten.

Während Opaschowski Zukünfte zwischen ledernen Buchrücken, Rotwein und Kachelöfen anpreist, sind die Visionen von Matthias Horx immer so, wie "Tempo" in den Achtzigern war: hochglänzend, ein bisschen dekadent, teurer als letztes Jahr und total sexy. Sein "Zukunftsinstitut" hat zum Beispiel die LOHAS erfunden, das steht für "Lifestyle of Health and Sustainability" - gemeint sind Volvo-Fahrer, die in Öko-Supermärkten einkaufen und Vermarkter im Moment ganz kirre machen vor Glück. Horx-Prognosen Ende 2006: "Neuer Moralismus", "Me-Volution" (aktive Beteiligung im Internet heißt das), "Gourmet-Sex" ("selbstbewusste Frauen!"), "Home Heroes" (Kochsendungen schützen vor der Kälte der Welt) und "Clever Kids" (Kinder als "neues Innovationsprojekt").

Bitte nicht ohne verchromten Vibrator

Horx zwölf Monate später, Ende 2007: Wieder (oder immer noch) "Me-Volution", wieder "Sex-Gourmets" (diesmal im Auftrag von Beate Uhse entdeckt, hat sich also gelohnt, die Prognose vom letzten Jahr) und alle möglichen anderen sexuellen Untergruppen, nach Alter sortiert. Von "Pleasure Parents" bis "Lover Ladies", eine Gruppe schärfer als die andere. Besonders die "Young Experimental Couples" werden den Auftraggeber der Studie beflügeln - das sind Paare im Alter zwischen 20 und Anfang 30, bei denen Sex der "bewussten Aufwertung des Liebeslebens und der Beziehungsqualität" dient. Oha. Nicht nur mal schnell drübergerutscht, wie das früher war: "Die jungen Paare legen Wert auf stilvolles Ambiente und hochwertige Produkte." Aufgemerkt, Studenten: Sex auf dem Mensaklo ist nicht mehr, und daheim im WG-Zimmer bitte wenigstens einen verchromten Vibrator einbeziehen.

Horx' brisanteste Entdeckung Ende 2007 aber ist ein "neuer Umweltextremismus", wie die Agentur AP berichtet. Horx: "Die Vision der Klimakatastrophe weist viele Parallelen zu Religionen und Kulten auf." Der Dreh- und Angelpunkt dieser jedenfalls provokanten These ist natürlich der im Zusammenhang mit dem Treibhausgas-Emissions-Handel ständig gebrauchte Begriff "Ablasshandel" - und das schlechte Gewissen der "Umweltsünder". Ein paar lockere Analogien und fertig ist der diabolische-religiöse Trend, dem man am besten mit dem Kauf eines Turbo-Cabrios entgegentritt. Alles eine Glaubensfrage - außer, man wohnt auf Tuvalu oder einer der anderen Pazifikinseln, die als erstes im Meer versinken werden, wenn das Wasser weiter steigt.

"Wale sind die Engel der Neuzeit"

Neue Verhaltensnormen "im Namen des Klimas" werden in den kommenden Jahren entstehen, warnt Horx, und das, Achtung, könne "bis an den Rand eines Ökofaschismus gehen". Laut Langenscheidts Fremdwörterbuch ist Faschismus eine "rechtsradikale, nationalistische, antidemokratische, diktatorische, meist autokratische Herrschaftsform". Man darf gespannt sein, welcher totalitäre Herrscher sich dem Kampf gegen den Klimawandel zuerst verschreibt, seine Schläger in grüner Uniform rücksichtslos auf die CO2-Sünder los-, Autofahrer zusammenknüppeln und die Führungsriegen der Automobil-, Öl- und Energiebranche in die Lager verfrachten lässt.

Damit man merkt, dass er das nicht wirklich ernst meint (oder etwa doch?), schob Horx im Gespräch mit AP noch einen Ökofundamentalismus-kritischen Satz hinterher, der unbedingt noch auf die ganzen Listen mit den Zitaten des Jahres muss: "Wale sind die Engel der Neuzeit."

Fassen wir zusammen: Die jungen Deutschen werden sich im Jahr 2008, während die Politik noch von einem besseren Volk träumt, auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit in Gourmet-Sex flüchten, unterstützt von hochwertigen Produkten, und anschließend das Geleistete mevolutionär im Internet präsentieren. Von wütenden Ökofaschisten verfolgt, die Ablass für das auf dem Weg zum Höhepunkt ausgeatmete CO2 forden, werden sie dann schlechten Gewissens in ihr Lohas-Auto steigen und fliehen. Enden wird das natürlich böse, vermutlich mit Wucht an einem Alleebaum - aber vor dem Aufprall werden die Young Experimental Couples noch Hand in Hand ein Stoßgebet in Richtung Ozean schicken, an ihren Schutzwal.

Oder es kommt doch wieder alles ganz anders.



insgesamt 10 Beiträge
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xandmi 29.12.2007
1. Trend- und Zukunftsforscher
Zumindest ein Gutteil der hiesigen Zukunftsforscher wurde ausgangs der Neunzigerjahre von der Zigarettenindustrie bezahlt, um Zugangsmöglichkeiten zu ihrer Zielgruppe nach Eintreten der europaweit verschärften Werbeverbote für Tabakwaren zu finden. Man frage sich also stets, _wessen_ Zukunft es eigentlich ist, die da als Abfallprodukt in die Nachrichtenagenturen geblasen wird. Was ich beim Forscherbeobachten damals immer recht erheiternd fand: Die Erkenntnisse für die Zukunft bezogen sie (zumindest die, die ich kannte) dabei fast ausschließlich aus dem Studium aktueller Werbung. Waren dort beispielsweise plötzlich überdurchschnittlich oft Werbesituationen im Freundeskreis abgebildet ("Guten Freunden gibt man ein Küsschen"), so hieß es kurz darauf zweifelsfrei, dass Freundschaft der kommende neue Trend sei und quasi die Familie ablöse (natürlich in Englisch, gern auch ein zusammengesetztes Kunstwort). Was dann wieder so lange verwurstet wurde, bis kreative Werber einen neuen Trend "kreierten". Anders ausgedrückt: Eine Branche ernährt sich selbst. Was ja auch okay ist, denn die Trend- und Zukunftsforscher ("Dokumentation des Wertewandels in der Gesellschaft") bescheren einem mit großer Regelmäßigkeit vergnügliche Momente. Wie eben bei der Lektüre des Artikels.
angel29.01, 29.12.2007
2. Deutsche Zukunftsforscher
Diese DEUTSCHEN "Zukunftsforscher" sind so billig! Alles was sie "vorhergesagt" haben, kann sich jeder Mensch, der mit offenen Augen durch die Welt geht und ein bisschen extrapolieren kann, selbst denken. Die sollten sich mal ein Beispiel an Ray Kurzweil nehmen, der die Zukunft mit ein paar Ausnahmen immer sehr gut voraussagt und das auf Jahre hinaus!
fledermaus62 29.12.2007
3. 2008
Zitat von sysopDas Jahr neigt sich dem Ende - Showtime für Zukunftsforscher: Sie formulieren für 2008 wohlfeile Visionen, die mit Sex, menschlicher Wärme oder mit "Ökofaschismus" zu tun haben. Und entweder längst Realität sind oder ganz bestimmt nie eintreten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,525531,00.html
tausend richtungen, in die man gehen kann. gut dass sich für jeden eine nische findet, eine schublade auf tut. gut das es immer wieder welche geben wird, die uns sagen, zu wem oder was wir gehören. wem die orientierung fehlt, dem kann sie gegeben werden.
gerhardklein 29.12.2007
4. Oekofaschismus?
Den Oekofaschismus haben wir doch schon laengst. Das mit dem Knueppeln, Unterdruecken usw. schreit doch als Drohung aus vielen Forumsbeitraegen raus und es ist doch lediglich eine Frage der Zeit bis jene gnadenlosen Umweltschuetzer mit diesen Mitteln auf uns losgehen werden. Fragt man sich durch in der Szene dieser Weltordner, erfaehrt man doch, dass sie zwar den Ueberwachungsstaat ablehnen, in Bezug auf Umwelt und KLima aber gerne eine groessere KOntrolle (auch des Einzelnen) durchaus befuerworten. Gruesse fuer 2008
Steinkauz, 29.12.2007
5. Horx macht Wahlkampf
Warum muss SPON diesen selbsternannten Propheten noch eine Plattform bieten? Herr Horx ist hessischer Kochfreund und versucht ihm nun Wahlkampfhilfe zukommen zu lassen - in Form einer klimawandelleugnenden Kampagne (seine amerikanischen Freunde lassen grüßen). Horx hat im Jahr 2001 prophezeit das Internet würde in die Krise geraten - wo bleibt die denn? Horx tut sich als Klimawandelleugner in entsprechenden Kreisen hervor - klar: seine Parteifreunde tun ja ihr bestes Hessen mit Flughafenausbau und Straßenneubauten an der Spitze der CO2-Schleudern zu etablieren. Ich warte nur noch darauf, dass Horx die Atomkraft als Heilsbringerin der Zukunft aus dem Ärmel zaubert. Die Geldgeber seiner sog. Forschungsstudien sind somit bekannt.
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