Zwillingsstudie Drogenprobleme durch frühen Haschkonsum?

Eine Vergleichsstudie an australischen Zwillingen liefert neuen Zündstoff für die hitzige Haschdebatte. Wer früh mit dem Kiffen beginnt, so das Ergebnis, verfällt später leichter dem Alkohol oder harten Drogen.


Die Behauptung, Marihuana sei eine Einstiegsdroge, existiert schon lange - und fast ebenso lange wettern Befürworter einer Legalisierung dagegen. Nach Meinung eines Forscherteams ist jedoch die umstrittene These zumindest für Jugendliche unter 17 Jahren nicht ganz falsch. Die Risiken des Kiffens in diesem Alter wollen die Wissenschaftler aus Australien und den USA mit einer neuen Studie belegt haben.

Joint-Raucherin: Stärkeres Verlangen nach anderen Drogen?
DPA

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"Forschungen, die einen Zusammenhang zwischen frühem Cannabis-Konsum und einem erhöhten Risiko des späteren Missbrauchs so genannter harter Drogen aufzeigen, gibt es schon ziemlich lange", sagt der Teamleiter Michael Lynskey von der Washington University in St. Louis. "Diese Untersuchungen beruhen aber darauf, dass die meisten Heroin- oder Kokain-Konsumenten nach eigenen Berichten zuerst Cannabis genommen haben."

Frühere Studien, so der Psychiater, vernachlässigten Faktoren wie das Umfeld der Befragten und genetische Veranlagung. Um diese Fehlerquelle weitestgehend auszuschließen, untersuchten Lynskey und seine Kollegen ein- oder zweieiige gleichgeschlechtliche Zwillinge: "Dadurch konnten wir Individuen desselben Alters, mit derselben Familiengeschichte und, im Fall eineiiger Zwillinge, mit exakt den gleichen Genen vergleichen."

Bei den 311 australischen Zwillingspaaren, die sich an der Studie beteiligten, unterschieden sich die Geschwister jedoch in einem Punkt. "Einer von ihnen hatte noch vor seinem 17. Geburtstag begonnen, Cannabis zu nehmen, der andere nicht", so Lynskey. Befragt wurden die Zwillinge über ein Jahrzehnt später, als sie Ende zwanzig oder Anfang dreißig waren.

Wie die Forscher im Fachblatt "Journal of the American Medical Association" schreiben, berichteten dabei die Zwillinge, die früh Erfahrungen mit Cannabis gesammelt hatten, deutlich häufiger von Alkoholproblemen oder dem Gebrauch anderer Drogen. So gaben 46 Prozent an, weiterhin Marihuana zu konsumieren oder sogar davon abhängig zu sein, und 43 Prozent waren nach eigener Aussage alkoholabhängig.

Wer früh zum Joint griff, geriet der Studie zufolge später auch eher an härtere Drogen: 48 Prozent aus dieser Gruppe nahmen Kokain oder andere Stimulanzien, 14 Prozent Opiate wie Heroin und 35 Prozent Halluzinogene. Diese Werte lagen, so die Forscher, 1,8-mal bis 5,2-mal höher als bei den Geschwistern, die als Jugendliche abstinent geblieben waren. Das Ergebnis war vergleichbar, wenn die Analyse auf eineiige Zwillinge beschränkt wurde.

Für die Wissenschaftler kam dieses Resultat überraschend: "Wir hatten erwartet, dass der Zusammenhang zwischen frühem Gebrauch und späterem Missbrauch verschwinden würde, wenn wir genetische oder familiäre Einflüsse korrigieren", so Lynskey. "Die Studie demonstriert aber, dass an diesem Zusammenhang mehr dran ist, als wir vorher angenommen hatten."

Lynskey betont jedoch, dass ein früher Marihuana-Konsum nicht zwangsläufig zu Problemen führen muss. Bislang sei unklar, in welcher Hinsicht ein solches Verhalten mit einer späteren Neigung zu härteren Drogen zusammenhängen könnte. Oft werde angenommen, "dass Cannabis-Gebrauch das Gehirn verändert und so das Verlangen nach anderen Drogen weckt."

Allerdings sind Lynskey zufolge auch andere Mechanismen vorstellbar. So könnten Personen, die schon als Jugendliche Cannabis ausprobieren, generell zu einem riskanteren Lebensstil neigen. Nach Ansicht des Forschers spielen möglicherweise Faktoren wie etwa der Zugang zu Drogen oder die Bereitschaft zu Gesetzesverstößen eine Rolle.



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