Zwischenfall in Südfrankreich Atomkraftgegner warnen vor Gefahren des freigesetzten Urans

Der Zwischenfall in der französischen Atomanlage Tricastin kann die Gesundheit von Menschen gefährden, warnen Greenpeace und Mediziner. Der Betreiber spricht hingegen von einer geringen Gefahr und hat die Menge des freigesetzten Urans präzisiert.

Paris - Ein Teil des uranhaltigen Wassers sei von einem Sicherheitssystem aufgefangen worden, teilte der Konzern Areva mit, der die Atomanlage in Tricastin nördlich von Avignon betreibt. Statt 360 Kilogramm Uran, was genau 30 Kubikmetern Wassern mit einem Urananteil von zwölf Gramm pro Liter entspricht, seien am Dienstag nur 75 Kilogramm in das Erdreich und einen nahe gelegenen Fluss gelangt, sagte ein Sprecher der Areva-Tochter Socatri.

Die Präfektur von Vaucluse ergänzte, das Risiko für die Bevölkerung sei gering. Das ausgetretene Uran sei nur im Mikrogrammbereich in dem Fluss nachzuweisen. Der Urangehalt sei zwar an der Wasser-Oberfläche deutlich über der Norm, aber seit dem Unfall erheblich zurückgegangen. Auch die Tests an Seen in der Umgebung hätten keine Uranverseuchung ergeben. Daher bestehe auch für die hundert am Dienstag in Sicherheit gebrachten Badegäste keine Gefahr. Fischen, Wassersport und die Bewässerung von Feldern mit Wasser aus der betroffenen Region bleibe aber als Vorsichtsmaßnahme bis auf weiteres verboten.

Der Zwischenfall war bereits am Dienstagmorgen passiert: Bei Reinigungsarbeiten wurden Tausende Liter des radioaktiv verseuchten Wassers freigesetzt. Dieses sei aus einem undichten Tank geflossen und auf dem Gelände einer Tochterfirma der Urananreicherungsfabrik Eurodif im Boden versickert oder über die Kanalisation in die kleinen Flüsse Gaffière und Lauzon gelangt, erklärten die Betreiber.

Der Vorfall platzt mitten in die neuentflammte Debatte um den Atomausstieg in Deutschland. Dem Bundesumweltministerium lag bis zum Mittag keine offizielle Mitteilung aus Frankreich vor. Man bemühe sich um Informationen aus dem Nachbarland, sagte ein Ministeriumssprecher in Berlin. Weil der Vorfall keine grenzüberschreitende Auswirkungen gehabt habe, sei die Alarmkette nicht in Gang gesetzt worden. Der Zwischenfall zeige, dass es sich bei der Atomenergie um eine Technologie mit hohem Risiko handele. Als Konsequenz sei daraus in Deutschland der Atomausstieg beschlossen worden.

Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) warnte, dass die freigesetzte uranhaltige Flüssigkeit auch für Menschen eine Gefahr darstelle. Uran und seine Zerfallsprodukte könnten über das Trinkwasser, Fisch oder über die Bewässerung in der Landwirtschaft in die Nahrungskette des Menschen gelangen, sagte Henrik Paulitz, IPPNW-Experte für Atomenergie.

Uran wird im menschlichen Körper unter anderem in der Niere und in der Leber eingelagert, erklärte er. Das Schwermetall stelle einerseits wegen seiner Toxizität eine Gefahr für die Gesundheit dar. Andererseits handelt es sich um einen Alphastrahler, der bei gleicher Energiedosis ein viel höheres zellschädigendes und damit auch krebsauslösendes Potential habe als beispielsweise ein Gammastrahler.

"Hinsichtlich der freigesetzten Uranmengen und der Abschätzung der Gefahr muss man, wie beim Thema Atomenergie üblich, mit gezielten Falschinformationen rechnen", erklärte Paulitz. Die Gefahr für die Bevölkerung sei insofern nicht abschätzbar.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace erklärte, der Atomunfall in Frankreich zeige, wie unsicher die gesamte Atomtechnologie sei. Die Gefahren gingen nicht nur von den Atomkraftwerken aus. Auch beim Abbau und der Verarbeitung, bei Transport und Lagerung könne es zu Unfällen kommen. "Die Atomkraft ist ein unkalkulierbares Risiko für uns und die kommenden Generationen", sagte Greenpeace-Experte Heinz Smital.

Die Behörden hielten die am Dienstag verhängen Sicherheitsmaßnahmen bis auf weiteres aufrecht. Der Atomkonzern Areva erklärte, der Austritt der radioaktiven Flüssigkeit habe keinerlei Folgen für das Personal und die Anwohner gehabt. Man habe der ASN empfohlen, den Zwischenfall als Stufe 1 auf einer siebenstufigen Skala zu klassifizieren.

Die französische Anti-Atomkraft-Gruppe Sortir du Nucléaire warf den Behörden vor, den Zwischenfall zu verharmlosen. Es sei unmöglich, dass der Austritt uranhaltiger Flüssigkeit keine bedeutenden Konsequenzen für die Umwelt und die Gesundheit der Anwohner habe.

Ein Verein unabhängiger Forscher, CRIIAD, erklärte, nach seinen Schätzungen sei durch das Leck das Hundertfache der jährlich normalen Menge Radioaktivität in die Umwelt gelangt. Die Behörden hätten die Schutzmaßnahmen zu spät verhängt und die Öffentlichkeit erst mit stundenlanger Verzögerung informiert. Zudem sei noch immer nicht mitgeteilt worden, um welche Art von Uran es sich genau handele.

hda/AP/Reuters

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