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BIOLOGIE Mikrobe aus dem Baukasten

Ein Genforscher ist der Schöpfung auf der Spur: Aus schlichter Chemie will er eine neue Kreatur erzeugen und so den Kern allen Lebens finden.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Kritik ist Craig Venter gewohnt. Für gewöhnlich ficht sie ihn nicht an. Der umstrittene Star der internationalen Genforscher-Gemeinde zieht sich darauf zurück, daß er als Wissenschaftler nicht darüber zu befinden habe, ob seine Erkenntnisse »zum Guten oder zum abgrundtief Bösen« verwendet werden.

Am vorletzten Sonntag, bei der Tagung der AAAS (American Association for the Advancement of Science) in Anaheim bei Los Angeles, mußte Venter es sich gefallen lassen, schon bei der Ankündigung eines Forschungsprojekts des abgrundtief Bösen verdächtigt zu werden: Britische Journalisten verglichen ihn mit Frankenstein, dem irren Wissenschaftler aus Mary Shelleys Roman, der aus Leichenteilen ein Monster bastelt und ihm Leben einhaucht.

Der Grund für die Anwürfe: Venter will, erstmals in der Geschichte, Leben im Labor erzeugen. Eine tote Bakterienhülle will er in eine neue Kreatur verwandeln, fähig, sich eigenständig fortzupflanzen.

Das Projekt paßt perfekt in die Biographie des ehrgeizigen Forschers und Unternehmers - Venters Welt ist der Superlativ. Niemand war schneller beim Entschlüsseln von Erbgut: Er war der erste, der die DNS eines kompletten Organismus sequenzierte. Inzwischen gehen 7 der weltweit 19 geknackten Genome auf das Konto seiner Arbeitsgruppe. Angefeindet wird der Biotech-Star spätestens, seit er im letzten Jahr ankündigte, daß seine Firma Celera Genomics das menschliche Erbgut innerhalb von drei Jahren entziffern wolle - fast doppelt so schnell und nicht annähernd so teuer wie die Wissenschaftler des internationalen, öffentlich geförderten Human-Genom-Projekts.

Mit dem geplanten Schöpfungsakt hat sich Venter wieder einer großen Menschheitsfrage angenommen. Die Fähigkeit alles Lebendigen, sich selber immer wieder neu zu erschaffen, hat Forscher seit je fasziniert; die Nachahmung dieses Kunststücks lag weit jenseits der Grenzen auch des geschicktesten Genom-Bastlers. Seit Aristoteles, der glaubte, daß Leben einem inneren Zweck folge, stritten sich Philosophen, ob es eines besonderen Odems ("Lebenskraft") bedürfe, der sich der »toten Materie« annimmt, oder ob Leben am Ende doch nichts anderes sei als eine bloße Mixtur aus dem Chemiebaukasten der Natur. Ein Beweis für die eine oder die andere These schien unmöglich.

Craig Venter will ihn nun antreten. Um erst einmal zu begreifen, was die biologische Mindestvoraussetzung für den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens ist, bedient er sich des Bakteriums Mycoplasma genitalium. Der harmlose Parasit lebt in menschlichen Atemwegen und Genitaltrakten. Er eignet sich wie kein anderer für die Suche nach der »Definition von Leben«, weil er von Natur aus eine übersichtliche Minimalausstattung an Genen besitzt: gerade mal 470. Der Mensch hat, so die Schätzungen, rund 80 000.

Nur Viren sind schlichter gebaut, gelten aber nicht als lebendig, weil sie sich nicht eigenständig vermehren; sie brauchen eine Wirtszelle dazu.

Die Forscher werden dem Bakterium Stück für Stück einzelne Gene aus dem Erbgutstrang schneiden und jedesmal überprüfen, ob der Organismus ohne sie noch leben kann - 170 haben sie bereits entfernt, ohne ihn seiner Vitalität zu berauben. Mycoplasma genitalium verliert während dieses Gen-Strips nur seine speziellen Fähigkeiten, wie etwa die, das biochemische Milieu des menschlichen Körpers aushalten zu können. Venter wird auf diese Weise sozusagen den Luxus abtragen, der sich im Laufe der Evolution zum Wesentlichen gesellte.

Am Ende, das ist der Traum, gelangen die Wissenschaftler zum genetischen Existenzminimum des Bakteriums - und damit zum Urkern des Seienden.

Diesen kleinsten Nenner des Lebens, ein Stückchen DNS, wollen die Neuschöpfer dann im Labor nachbauen und in eine leere Mikrobenhülle einpflanzen. Solch zusammengepuzzelte Kreatur müßte existieren können und sich eigenständig vermehren - eine Mikrobe aus dem Genbaukasten.

Wenn es einmal möglich sein wird, diesem Urchromosom in Gestalt maßgeschneiderter Gene jede beliebige Eigenschaft hinzuzufügen, so hofft Venter, könnten etwa Organismen erschaffen werden, die Ölteppiche wegfressen oder hoch effektiv Medikamente produzieren. Die Gefahr: Terroristen oder Kriegstreiber könnten dem Wesen auch gefährliche Fähigkeiten verleihen und es so in eine tödliche Waffe verwandeln.

Allein wegen dieses Risikos schon mag Venter die Verantwortung diesmal nicht einfach von sich schütteln. »Die Schlüsselfrage ist, ob dies eine rutschige Piste ist«, sagte er in Anaheim. Er werde erst dann mit den Experimenten beginnen, versprach er, wenn eine Ethikkommission ihn freispreche von möglichen frankensteinesken Motiven. Aber dann lachte er auch schon wieder und meinte, daß Mary Shelley seinen Plan bestimmt toll gefunden hätte. RAFAELA VON BREDOW

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