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Missetaten gegen »Wogwog«

Der Frosch, eines der Urviecher dieser Erde, ist auf dem Rückzug. Nach 230 Millionen Jahren besonders gewitzter Anpassung stehen viele Froschlurcharten vor dem Ende - rätselhafterweise auch in Erdregionen, die noch ökosauber sind. In 30 Jahren, schätzen Experten, wird die Hälfte aller Froschlurcharten ausgestorben sein.
aus DER SPIEGEL 9/1993

Der Goldammer zwirnte sein einförmiges Lied, während der Mann mit dem mangelhaften Haarwuchs und dem morosen Gesicht im Garten von Schloß Balmoral die Kinder der Flora aquarellierte.

»Mit großer Trauer, ja Entsetzen«, so Prince Charles im letzten Sommer, habe er dabei »etwas ganz Furchtbares« feststellen müssen: Wo früher die Frösche schnarrten wie tausend wildgewordene Kinderrasseln, herrsche jetzt die Stille des Grabes.

Sofort ließ der Prince, der neben Camilla bekanntlich auch die Natur sehr liebt, Tümpel und Teiche zuhauf anlegen und mit Froschlaich aus der Tierhandlung bestücken. »Wenn es dann wieder quakt«, so hat Charles es sich vorgenommen, »feiere ich hier ein großes Auferstehungsfest der Frösche.«

Da wird er lange warten können. Denn für viele Froscharten ist die Party over, die ihnen hinieden bewilligte Zeit bald vorbei: Ob in Amerika oder im australischen Busch, ob auf dem europäischen Festland, im schwarzen Afrika oder in den Highlands von Schottland, wo Balmoral liegt - überall auf der Welt und wie auf ein menetekelhaftes Kommando hin haben die Froschlurche, zu denen auch die Kröten und Unken gehören, den Rückzug angetreten.

Die Breitmäuler, seit ihrem evolutionären Debüt vor etwa 230 Millionen Jahren eine der erfolgreichsten Tierordnungen überhaupt, sind weithin im Aussterben begriffen. Der reihenweise Abgang von »Höpper«, »Padde«, »Lork« und »Pogge«, wie der deutsche Volksmund den einst häufigsten aller erdgebundenen Gartengäste nennt, begann jählings Ende der achtziger Jahre. »Eine Froschart nach der anderen«, so der amerikanische Froschforscher David Bradford, »kollabiert vor unseren Augen.«

In den letzten fünf Jahren sind etwa 40 der 3450 weltweit bekannten Froschlurcharten nachweislich ausgestorben, viele andere verschollen - wie viele genau, wissen die Experten nicht zu sagen, denn die vollständige Erfassung und wissenschaftsgenaue Kontrolle von Froschpopulationen ist schwer, schier unmöglich. Die meisten Forscher gehen davon aus, daß im Laufe der nächsten 30 Jahre die Hälfte aller Froschlurcharten aussterben wird.

Von den 32 in Europa verbreiteten Arten sind 7 stark gefährdet, bei 11 verzeichnen die Experten bedrohliche »Bestandseinbrüche« - so heißt in der Fachsprache, was der Laie lediglich als örtliches Massensterben wahrnimmt. »Kübelweise mußte man die Muggels einsammeln«, erinnert sich Willi Ditters, Besitzer eines Wildgartens am Rande von Hamburg, an ein großes Froschsterben im Frühsommer letzten Jahres.

In Deutschland sind 12 der 14 heimischen Froscharten bedrängt, darunter auch der bei rohen Buben einstmals so beliebte Laubfrosch: »Der tut am allerlautesten zerplatzen«, beschrieb der bayerische Schriftsteller Ludwig Thoma den seinerzeit von der Landjugend ausgiebig verübten Zeitvertreib des Froschaufblasens per Strohhalm.

Ob aber, wie die gängigste Erklärung lautet, der Makroparasit Mensch für den Exitus auch dieser Kreatur die Alleinschuld trägt oder ob neben dem ganzen Umweltdreck noch andere, vielleicht noch ungemütlichere Schicksalsfaktoren im Spiel sind, darüber quakeln die Teilnehmer der sich häufenden Herpetologenkongresse bis tief in die Nacht - oft lautstark wie eine am Teichrand versammelte Rufgemeinschaft von Ochsenfröschen beim Balzbewerb um die Gunst der Weibchen.

Unbeantwortet sind bislang die zwei großen Rätselfragen: Weshalb grassiert der Froschtod auch in den wenigen verbliebenen Regionen der Welt, die noch ökosauber sind? Warum scheiden die Frösche so überaus schnell dahin, schneller als jede Spezies vor ihnen?

Aus dem Monteverde-Regenwald-Reservat in Costa Rica zum Beispiel, einer noch weitgehend naturreinen Öko-Oase, berichtet der amerikanische Biologe Jay Savage, der über ein Vierteljahrhundert hinweg das Paarungsverhalten der nur dort vorkommenden Goldkröte beobachtete: »Bis zum Jahre 1987 war hier alles gut und normal. 1988 war plötzlich nur noch ein einziges Männchen da. Zwei Jahre darauf war Schluß.«

Ebenso »fundatim exstirpiert«, wie die Wissenschaftler das totale Ende einer Art bezeichnen, sind auch viele andere von Savages Beobachtungsobjekten im Regenwald von Costa Rica. Zu ihnen gehört neben anderen der Harlekinfrosch, ein schwarzrotgelb gesprenkelter und überaus amouröser Geselle, der viele Tage in geschlechtlicher Umklammerung zu verbringen pflegte; verschwunden ist auch der wundersame Glasfrosch, dessen Unterseite so durchsichtig war wie ein Fenster, durch das man des Frosches Eingemächte sowie sein tropfengroßes Herz beim Lebensschlag betrachten konnte.

»Juwelen in der Nacht haben wir sie genannt«, erzählt Jay Savage wehevoll, »weil ihre Ärsche im Schein der Lampen wie Edelsteine leuchteten. Jetzt sind sie von der Erde verschwunden, und ich mußte lügen, wenn ich sagen würde, ich wüßte, warum.«

Dabei sind viele der Gründe, weshalb sich über den Naßstandorten dieser Welt allmählich eine ungemütliche, nagende Stille herabsenkt, hinlänglich bekannt und unter den Experten unumstritten.

Daß etwa in Deutschland das Glucksen der Knoblauchkröte ("dlockdlock") und die leisen Rufreihen des zierlichen Springfrosches ("wogwog") immer seltener zu hören sind, ebenso die befehlhaft bellende Korporalsstimme des Seefroschs ("kekäkekä"), ist zweifelsohne eine Folge der menschlichen Missetaten wider die Natur: Begradigt und betongefaßt sind die einst hurtig mäandernden Bäche, vielfach verschwunden die mückenreichen Saumbiotope der Tümpel, trockengelegt die Feuchtwiesen aus Mädesüß, Wiesenflachs und Trollblume.

Ohne Feuchtigkeit aber stirbt der Frosch, dessen Haut so dünn ist, daß sie eher einer Membran als einer Schutzhülle gleicht: Seine Körperflüssigkeit entweicht direkt durch die Haut, weshalb ein trockengelegter Frosch innerhalb weniger Stunden zu Tode schrumpelt. Ebensoschnell dringen Umweltgifte durch die Haut hindurch in seinen Organismus ein.

Viele der den Fröschen verbliebenen Gewässer sind mit Pestiziden, Nitrat und Schwermetallen belastet, dazu kommt der saure Regen, der den Laich für Pilzbefall anfällig macht. Was auch immer seinen Lebensraum vergiftet, der amphibische Frosch kriegt es gleich doppelt ab: erst zu Wasser, wo er geboren wird und als Kiemenatmer heranwächst; dann zu Lande, wo er nach dem Kaulquappenstadium sein Leben fortsetzt.

Ein weiteres tut die Teilnahme der Frösche am Straßenverkehr, wenn sie während ihrer Laichwanderung in Scharen über den Asphalt hinweg jenen Gewässern entgegenhopsen, in denen sie geboren wurden.

Darüber hinaus enden jedes Jahr viele Millionen Frösche auf den Seziertischen angehender Mediziner, noch mehr dienen in weiten Teilen der Welt als Delikatessenlieferanten - vorzüglich munden dem Gourmet die bißzarten Schenkel des Katholikenfrosches, nachdem sie diesem bei lebendigem Leibe ausgerissen und dann gesotten oder in Omeletteig gebacken wurden.

In der Bundesrepublik, wo der Schenkelverzehr geächtet ist, hat der Frosch statt dessen die Spezies des deutschen Nachbarn und die von ihm bemühte Justiz zum Feind.

Allenthalben häufen sich Klagebegehren und Urteile gegen Anwohner, die den glotzäugigen Lärmbläsern in ihren Gärten Asyl gewähren: Er habe »es zu unterlassen«, beschied etwa das Landgericht Itzehoe einen Froschfreund, »von seinem Hausgrundstück in der Zeit vom 15. April bis Ende Juli Gequake ausgehen zu lassen«.

Verfolgt wurden die wechselwarmen Wasserpatscher mit der aus vielen Drüsen sekretierenden Haut seit alters her. »Ekelhaft und widerwärtig« seien sie, schmähte im 18. Jahrhundert der große schwedische Naturforscher Carl von Linne. Der Bauersmann hingegen glaubte, »daz der fröschl unkäusch ist« - Folge des lüstern anmutenden Geschlechtsgebarens, bei dem das Männchen, nachdem es seine Nebenbuhler nach Art eines Freistilringers zu Boden geworfen und mit einem Sprung auf den Bauch gedemütigt hat, das Weibchen a tergo besteigt.

Erst wenn ihm die Partnerin durch eine bestimmte »Signalposition« den Zeitpunkt des Laichaustritts aus ihrer Kloake bekanntgibt, kommt es beim Froschmann zur Samenabgabe. Aus dieser von den Froschlurchen entwickelten Basistechnik schuf die Evolution schließlich den Geschlechtsverkehr mit Penis und Vagina, wie ihn alle höheren Wirbeltiere praktizieren. »Wenn man es recht bedenkt«, kommentiert der britische Biologe John Mortimer diesen fragwürdigen Fortschritt, »geht alles auf den Frosch zurück.«

Die Froschlurche zählen zu den ersten Tierwesen, die fit für das Leben an Land waren und sich dort bepaarten. Und sie taten noch etwas bis dahin Unerhörtes: Sie gaben Laute von sich, eine evolutive Neuerung, die zur Entwicklung von Mittelohr und Trommelfell führte.

Manche Froscharten perfektionierten die Brutpflege bis hin zur »Viviparie«, der Lebendgeburt, wobei sich die im Mutterleib zu Fröschen heranwachsenden Kaulquappen vom eigenen Eidotter sowie von Eileitersekreten ernähren. Gar im Magen brütete der erst 1973 in Australien entdeckte Rheobatrachus seinen Nachwuchs aus - er überlebte seine Entdeckung gerade so lange, daß die Forscher herausfinden konnten, wie er das anstellte: Die im Magensack umherwimmelnden Kaulquappen sonderten einen hormonartigen Stoff ab, der die Produktion der Verdauungssäfte unterband und die Struktur des Magens gebärmutterartig veränderte.

Ähnlich vielfältig und einfallsreich sind die Techniken, mittels derer sich die Frösche ihrer Feinde erwehren. Manche, wie etwa die Krallenfrösche, sind Meister im Kratzen. Andere, so zum Beispiel der Leopardfrosch, vermögen sich auf das Doppelte ihrer Körpergröße aufzublasen oder, wie der sogenannte Wallace-Frosch, ihre Verfolger durch flugartige Weitsprünge zu narren. Wahre Giftmörder sind die Farbfrösche Süd- und Mittelamerikas, deren Haut das Nervengift Batrachotoxin ausschüttet - aus ihnen gewinnen die Indianer das Gift für ihre Pfeile.

Doch je mehr die Experten über die Froschlurche herausfinden, desto rätselhafter ist ihnen, weshalb dieses so überaus einpassungsfähige Getier ausgerechnet jetzt falliert.

Denn als Pioniere des terrestrischen Lebens haben die Froschlurche wesentlich Schlimmeres überstanden als den Umweltschmutz des Industriezeitalters: die vielen abrupten Klimasprünge von heiß nach kalt und umgekehrt zum Beispiel, die Perioden supersauren Regens am Ende der Kreidezeit, dazu den Weltenbrand nach dem großen Meteoriteneinschlag, der vermutlich den Sauriern den Garaus machte - Unbilden, an denen die meisten der nach den Fröschen entstandenen Arten krepierten.

Noch mysteriöser wird das große Froschsterben angesichts der Tatsache, daß viele Populationen noch vor kurzem durchaus in der Lage waren, sich sogar den schlimmsten Umweltgiften erfolgreich zu widersetzen: Als etwa Mitte der sechziger Jahre im Mississippi-Delta ganze Froschvölker durch das großflächig versprühte DDT hinfortgerafft wurden, baute sich der Bestand binnen nur eines Jahrzehnts wieder auf - die Frösche vertrugen nunmehr die 100fache Dosis des Insektenvernichtungsmittels.

Trotz solcher Beispiele für unverminderte Anpassungsfähigkeit bleiben die meisten Forscher dabei: Ursächlich für den reihenweisen Hinschied der Froschlurche sei, einzig und ausschließlich, die Zerstörung und Verschmutzung ihrer Lebensräume.

»Die Frösche machen uns darauf aufmerksam, daß wir uns an der Natur vergangen haben. Sie sind unser Sozialgewissen«, sagt der australische Herpetologe Michael Tyler, der einen der letzten der magenbrütenden Rheobatrachus-Frösche sezierte.

Andere Experten, denen allzu glattpolierte Schlußfolgerungen nicht behagen, ziehen einen korrespondierenden Faktor mit ins Kalkül. Ihre Hypothese gründet auf der Tatsache, daß Lebewesen _(* Aus Meyers Konversationslexikon. ) mit fortschreitendem Alter zunehmend immunschwach und schließlich Opfer von banalen Infekten oder Veränderungsstrapazen werden, die sie in der Jugend spielend bewältigt hätten - beim Menschen spricht der Arzt in diesem Zusammenhang von altersbedingter Immuninkompetenz.

Möglicherweise, so spekulieren die Vertreter der Betagtheitstheorie, unterlägen auch ganze Gattungen diesem Gesetz des Alterns: Irgendwann in ihrer Entwicklungsgeschichte komme für jede Spezies der Zeitpunkt, an dem sie so alt und abgelebt sei, daß sie nicht mehr leisten könne, was ihr früher ein Leichtes war - etwa die überlebensnotwendige Anpassung an eine jäh veränderte Umwelt oder die Bewältigung von Immunanstrengungen, wie sie neue Krankheitserreger mit sich bringen.

Danach gingen der Frosch, die Kröte und die Unke, weil sie nicht mehr in der Lage sind, die ihnen vom Menschen zugemutete Veränderung ihrer Lebensräume zu kompensieren - Kollaps durch evolutionäre Altersschwäche also? »Irgendwann«, so postuliert Biologe Mortimer, »ist für jede Spezies Ende der Fahnenstange.«

Endgültig auf Halbmast sank auch die Stimmung des Froschhüters von Balmoral, als er erkennen mußte, daß seine Obsorge um das bedrohte Quakgetier am Ende noch ins Lächerliche gezogen wurde: Gewiß, es war naheliegend, aber dennoch gemein von Diana, den Prince in Lauschweite von Pressevertretern »Froschkönig« zu nennen.

* Aus Meyers Konversationslexikon.

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