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Mit dem Dotter in den Darm

Eine Welle von Darmerkrankungen überrollt Deutschland, ausgelöst durch Salmonellen. Die aggressiven Bakterien sind, als Folge der Massentierhaltung, außer Kontrolle. Der Kampf gegen die Erreger, so das Fazit eines Weltkongresses für Lebensmittelinfektionen in Berlin, muß bei Futtermitteln und Tierhaltung anfangen.
aus DER SPIEGEL 26/1992

In einem gut organisierten Hühner-KZ verlieren, wenn der Tag gekommen ist, in einer Stunde 15 000 Hennen den Kopf. Das funktioniert alles automatisch. Leider kann dabei weder auf das Huhn noch auf die Regeln der Hygiene besondere Rücksicht genommen werden.

So kommt es, daß eine kleine Mikrobe namens »Salmonella enteritides, Phagtyp 4« in dieser Stunde ihre große Chance erhält. Einige der todgeweihten Hühner sind immer mit diesem Bakterium infiziert. Das ist winzig, nur zwei bis fünf Tausendstel Millimeter lang, nicht einmal halb so breit, dank eigener Geißeln jedoch sehr beweglich. Schlimmer noch: Salmonellen können sich in rasendem Tempo vermehren; aus 10 Bakterien werden in 24 Stunden 10 Millionen.

Weil bei der Massentierhaltung am Fließband gestorben wird, verschmieren sich die unsichtbaren Keime durch Blut und Sekret auf gesunde Hühner. Dort wachsen und gedeihen die Salmonellen, sogar dann, wenn der geköpfte und tiefgekühlte Vogel seine lange Reise zum Verbraucher antritt.

Ganz besonders wohl fühlen sich die Salmonellen im Hühnerei, dessen Dotter einen erstklassigen Nährboden abgibt. Dorthin gelangen die Bakterien über die infizierten Eierstöcke und Eileiter der Legehennen. Es kommt auch vor, daß die Eier über ihre Schale bakteriell besudelt werden, meist durch den Kontakt mit Fäkalien. Häufig pickt das in Legebatterien gehaltene Huhn die Salmonellen direkt mit verseuchtem Futter auf.

Von außen sieht man weder dem Huhn noch dem Ei die gefährlichen Mitbewohner an. Deshalb war der Bruder Koch im berühmten Benediktiner-Kloster Maria Laach in der Eifel reinen Herzens, als er seinem Konvent und den 40 frommen Laien, die aus Bonn zu einem »Tag der Besinnung« angereist waren, Mitte Januar dieses Jahres einen schmackhaften Grießpudding zubereitete.

Noch in der gleichen Nacht ging es im Kloster so aufgeregt zu wie im Mönchsthriller »Der Name der Rose«. Die Gäste - darunter SPD-Promi Hans-Jochen Vogel, der Ost-Abgeordnete Konrad Weiß vom Bündnis 90, die Katholiken Hans-Jürgen Rüttgers und Johannes Nitsch von der Bonner CDU - irrten schmerzgeplagt durch dunkle Gänge. Ein Bischof kollabierte vor dem Altar.

So was passiert, wenn die Salmonellen vom Hühnerei in den menschlichen Darm gelangen. Dort lösen sie die höchst unangenehme »Salmonellen-Enteritis« aus, den fieberhaften Brechdurchfall. Für Kleinkinder, geschwächte Patienten und alte Menschen kann er tödlich enden. In Deutschland rechnet man in diesem Jahr mit rund 120 Opfern, mindestens 60 sind bisher schon gestorben.

Auch beim »Tag der Besinnung« im Kloster Maria Laach ging nicht alles gut aus. 2 der 30 infizierten Mönche starben im Februar, der schwer erkrankte Sozialdemokrat Reinhard Weis wurde in die Isolierstation der Bonner Uni-Klinik verlegt, Hans-Jochen Vogel zu Hause im Bett kuriert.

Seither häufen sich die Schreckensmeldungen: *___Acht von 54 erkrankten Bewohnern eines hannoverschen ____Altersheims starben Anfang Juni nach dem Verzehr einer ____mit rohen Eiern zubereiteten Süßspeise. *___Fünf Salmonellen-Todesopfer gab es in diesem Monat in ____einem Altersheim in Hattingen; zwei alte Damen starben ____in Melle (Kreis Osnabrück). *___98 Soldaten der Herzogvon-Braunschweig-Kaserne in ____Minden erkrankten während der heißen Tage des Juni, ____nachdem sie einen salmonellenverseuchten Erdbeerpudding ____genossen hatten. Oberstleutnant Holger Sick: »Es war ____nicht lebensbedrohlich, aber einige haben bis zu acht ____Kilo Gewicht verloren.«

Verloren geht vor allem Wasser, die Angesteckten trocknen durch wäßrige Durchfälle und unstillbares Erbrechen regelrecht aus. Fast immer besteht Fieber, oft auch Schüttelfrost. Leibschmerzen quälen den Kranken. »Noch nie in meinem ganzen Leben«, klagte der betroffene Bundestagsabgeordnete Reinhard Weis in der Bonner Isolierstation, »habe ich mich so schlecht gefühlt.«

Der extreme Flüssigkeitsverlust ist durch eine stürmische Entzündung der Darmschleimhaut (Enteritis) bedingt. Die Austrocknung (Exsikkose) führt zu einer belegten Zunge, eingesunkenen Augäpfeln, zu Blutdruckabfall und Wadenkrämpfen. Vor allem bei älteren Menschen drohen Kreislaufkollaps und Nierenversagen. Rechtzeitige Therapie bessert den Zustand: Der Flüssigkeits- und Mineralstoffverlust wird durch die Zufuhr von Elektrolytlösungen direkt in das Kreislaufsystem ausgeglichen; die Salmonellen werden mit Antibiotika bekämpft.

Immer häufiger erweisen sich die Salmonellen jedoch als hartnäckige Gegner ärztlicher Maßnahmen. Auf dem Weltkongreß für Lebensmittelinfektionen, der letzte Woche in Berlin stattfand, waren sich die Teilnehmer über den Ernst der Situation klar: Die Zahl der Vergiftungen steigt in den meisten westlichen Industriestaaten rasch an. 1986 wurden in der alten Bundesrepublik 48 salmonellenbedingte Todesfälle registriert, 1990 waren es bereits 116.

Mit den Erregern befaßt sich inzwischen eine eigene Forschungsrichtung der Bakteriologie. 1885 hatte der amerikanische Veterinär Daniel E. Salmon unter einem altertümlichen Mikroskop das erste Exemplar des später nach ihm benannten Erregers gesichtet. Mittlerweile sind mehr als 2000 verschiedene Salmonellentypen entdeckt, die entweder nach ihrem Erstbeschreiber oder nach dem Ort benannt werden, an dem sie zum erstenmal gesichtet wurden. So gibt es S. virchow, S. breslau, aber auch S. poona und sogar S. senftenberg (nach der gleichnamigen Braunkohlestadt in der Niederlausitz).

Seit 1986 irritiert die Wissenschaftler das zuerst in England geortete S. enteritides Phagtyp 4, weil es besonders aggressiv und gegen Hitze widerstandsfähig ist. Das ist ein Grund für den europäischen Siegeslauf dieser Mikrobe. In nur erwärmten Speisen fühlt sie sich wohl; erst starke Erhitzung ruiniert die Salmonellen. Die Experten raten den Verbrauchern deshalb, *___Geflügel, Fleisch und Fisch immer gut durchzubraten; ____die Farbe des Nahrungsmittels muß dabei von rot zu grau ____wechseln; *___bei der Zubereitung von Speisen, auch in der ____Mikrowelle, auf eine gleichmäßige Temperatur von ____mindestens 70 Grad zu achten.

Hitze allein hilft in der Küche aber nicht weiter, weil viele salmonellenträchtige Speisen - etwa Tartar, Tiramisu, Mayonnaise, Pudding, Creme, Tortenfüllungen - keiner Hitze ausgesetzt werden.

Der Ratschlag der Experten, König Kunde möge die Kühlkette möglichst nicht unterbrechen, garantiert auch keine salmonellenfreie Kost, denn die Bakterien überleben sogar in Tiefkühlhühnchen. Strenge Hygieneregeln am heimischen Herd sind zwar nützlich, aber nicht hundertprozentig sicher. Auftauwasser von Tiefkühlgeflügel rinnt, der Schwerkraft folgend, womöglich auf bakterienfreie Nahrungsmittel.

Wahrheitsgemäß muß das Bundesgesundheitsamt eingestehen: »Lebensmittel können in Aussehen, Geruch und Geschmack völlig einwandfrei erscheinen und trotzdem zahlreiche Salmonellen enthalten.«

Theoretisch müssen alle Salmonellose-Patienten den Gesundheitsbehörden gemeldet werden, schon der Verdacht ebenso wie die Erkrankungen und jeder Todesfall. 1991 meldeten die Ärzte rund 130 000 Patienten (Vergleichszeitraum 1990: 91 000), doch beträgt die Dunkelziffer der bakteriell bedingten Lebensmittelvergiftungen offenbar ein Vielfaches. Professor Walter Steuer vom Medizinischen Landesuntersuchungsamt Baden-Württembergs schätzt ihre Zahl auf zwei Millionen.

Das Interesse der Experten konzentriert sich auf Diagnoseverfahren, die salmonellenbesiedelte Nahrungsmittel möglichst frühzeitig nachweisen sollen, ehe sie in Muttis Küche verarbeitet werden. In der Erprobung sind Teststäbchen und eine Art Echolot für Hühnereier. Mißlicherweise entwickelt der menschliche Körper gegen Salmonellen keine Immunität; auch Impfstoffe gibt es nicht.

Deshalb muß, so forderten die Experten auf dem Berliner Weltkongreß, im Vorfeld agiert werden. Klaus Gerigk vom Bundesgesundheitsamt (BGA): »Es genügt nicht, Lebensmittel auf eine Verunreinigung mit den Erregern zu untersuchen.« Richtig sei vielmehr: »Eine wirksame Salmonellenbekämpfung muß bei der Kontrolle der Futtermittel und der Tierhaltung einsetzen.«

Das dürfte schwerfallen. Überlebensgroß und Arm in Arm stehen vor diesen Kontrollen die Großbauern und die Lobby der international agierenden Nahrungsmittelindustrie. BGA-Veterinär Gerigk: »Den wahren Grund für die gestiegenen Lebensmittelvergiftungen haben wir nicht im Griff.«

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