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ZEITGESCHICHTE Mit Vollgas in den Krater

Begann die Mondfahrt 1945 auf der Schwäbischen Alb? Historiker sind kaum bekannten Raketenprojekten der Nazis auf der Spur.
aus DER SPIEGEL 42/2002

Es war ein trüber Morgen, als auf dem Truppenübungsplatz Heuberg südlich von Stuttgart die Tarnnetze fielen. SS-Leute umringten ein hochragendes Stahlgerüst. Daran hing eine Rakete mit Stummelflügeln.

Eingezwängt in ein enges Cockpit, am Hals ein Kehlkopfmikrofon, saß der Gefreite Lothar Sieber im Plaste-Overall mit Asbestfutter. »Vollschub!«, meldete der Ur-Astronaut an den Leitstand. Blitze zuckten, weißer Qualm umflorte die Startrampe.

6500 Kilopond entfesselte Schubkraft drückten die Ba 349 »Natter« empor. Was für ein Triumph! Sieber lenkte die erste bemannte Rakete der Welt - allerdings nicht lang: Plangemäß verschwand der Pilot im Hochnebel. Doch schon 55 Sekunden später steckte sein Gefährt, in tausend Splitter zerrissen, nahe der Ortschaft Nusplingen in einem Absturzkrater.

Die Aktion vom 1. März 1945 gehört zum spannendsten, was die deutsche Luftfahrtgeschichte zu bieten hat. Angespornt von SS-Chef Heinrich Himmler hatten Ingenieure eine Rakete in die Atmosphäre gejagt - für den Flugexperten Horst Lommel ein »erster kleiner Schritt in Richtung bemannte Raumfahrt«.

Lommel, der in Siegen ein privates Luftfahrtarchiv betreibt, hat das Drama um das »bemannte Geschoss« dem Vergessen entrissen. Er befragte Zeitzeugen, barg rostige Raketenteile und stieß bei einer Begehung der Absturzstelle sogar auf »Leichenreste des Unglückspiloten«.

14 Countdowns, so ergab die Recherche, erfolgten auf dem Testgelände. Vollautomatisch gesteuert hoben die Prototypen ab. An Bergungsfallschirmen schwebten Lederpuppen und abgesprengte Hecks zu Boden, während das Bodenpersonal Treibstoff in großen Kannen heranschleppte.

Übrig geblieben ist von dem schwäbischen Cape Canaveral fast nichts. Ein einziges Farbfoto konnte Lommel auftun. Die

Filme, die Fernkameras von den Starts machten, blieben verschollen.

Trotzdem wird immer klarer, dass die Raketenpioniere von Peenemünde, die mit Milliardenaufwand die »Wunderwaffe« V 2 bauten, nicht allein dastanden. Wernher von Braun hatte Konkurrenz.

Auch Raumgleiter und Flugbomben wurden von Ingenieuren unterm Hakenkreuz entwickelt. Die Winzrakete »Kralle« war kaum größer als eine Biotonne. Von der V 2 (Spitzentempo: 5500 km/h) existieren Skizzen einer bemannten Version.

Erst vor wenigen Wochen stieß Hans Holzer, der im Deutschen Museum in München arbeitet, auf eine weitere Überraschung. Bei Durchsicht alter Dokumente der Firma Junkers stieß er auf »500 Konstruktionszeichnungen« des Geheimprojekts »Dolly«. Der Codename steht für ein Raketenflugzeug, das nur Sprit für drei Minuten hatte.

Auch über die DFS 346 liegen neue Erkenntnisse vor. Auf über 20 000 Meter Höhe sollte dieser Pfeilflügler steigen und ein Tempo von 2000 km/h erreichen. In der Tat gelang es, eine Mustermaschine zu bauen. Sie fiel 1945 den Russen in die Hände und wurde im sowjetischen Zagi-Institut für Aerodynamik getestet. Danach verliert sich die Spur.

»Absurde und nahezu unbekannte Unternehmen« seien da noch hastig angeschoben worden, staunt Holzer. Mit Sperrholz und anderen Billigstoffen sowie Kartoffelschnaps als Raketensprit habe die SS am Ende die alliierte Luftüberlegenheit brechen wollen.

Auch das Projekt Natter atmete Verzweiflung aus jeder Pore. Bei Sichtung feindlicher Flugzeuge, so der Plan, sollte der von Leitwerken stabilisierte Flugzapfen steil zum Himmel steigen und sodann von einem Radarleitstrahl an den Bomberpulk herangeführt werden. Bewaffnet war die Maschine mit einer Art Stalinorgel am Bug.

Im August 1944 machte sich Erich Bachem, Besitzer einer Fabrik im oberschwäbischen Waldsee, ans Werk. 500 Arbeiter zimmerten im Eiltakt Rümpfe aus Holz. Unter der Billighülle steckte Hightech.

Ob Booster-Antrieb oder Mehrwegrakete - überall beschritten die Ingenieure technisches Neuland. Neun wegweisende Entwicklungen gehen auf ihr Konto. Sie bauten den ersten Bänderfallschirm zur Bergung ein und sahen das erste »Strahlruder« für den bemannten Flug vor, einen Steuerkeil, der direkt im Raketenstrahl schwenkt.

Nach dem Krieg machte Projektleiter Willy Fiedler in den USA Karriere; er war maßgeblich beteiligt an der Erprobung der atomar bestückten U-Boot-Waffen »Poseidon« und »Polaris«. Sein Kollege Theo Knacke, heute 91, entwarf für die Nasa Fallschirme zur Bergung von Mondkapseln.

Im kalten Winter 1944/45 stand das Genie dieser Männer im Dienst düsterer Mächte. »Wir wähnten uns in einen utopischen Film versetzt«, erinnert sich ein Mitarbeiter. Mindestens fünf »Nattern« stürzten ab. Bei jedem Fehlstart witterte die SS Verrat.

Besonderen Mut verlangte der Tankvorgang. Hochexplosiver »C-Stoff« wurde in der Brennkammer mit aggressivem Perhydrol vermischt, das über Kunststoffschläuche aus »Mipolam« vorsichtig in den Rumpf gepumpt wurde.

Als die Front näher rückte, machte sich das Erprobungskommando davon. Halbfertige Raketen in den Produktionshallen der Bachem-Werke ließ die SS zerstören, technische Unterlagen gingen in Flammen auf.

Der Kahlschlag zeigt bis heute Wirkung. Das Deutsche Museum in München besitzt zwar eine »Natter«. Doch die Maschine ist zusammengestoppelt. Das Cockpit wurde nachgebaut, Triebwerk und Instrumente fehlen ganz.

Erst im letzten Jahr tauchten weitere Originalteile des Flugexoten auf. Seit Mai 2001 sind im Museum von Mittelbiberach drei Rumpfspanten einer »Natter« zu sehen. »Über ein Zeitungsinserat«, erzählt der Leiter Alois Riedmüller, sei er in ihren Besitz geraten.

Auch Lommel konnte einige Originalteile ausfindig machen. Er griff zum Spaten und suchte mit Erlaubnis der Bundeswehr das alte Testfeld ab. Dabei stieß er unter anderem auf den Generator eines Kreiselgeräts sowie Teile der »Starthilfsrakete SG34«. Insgesamt aber bleibt die Bilanz jämmerlich. Ein paar verbogene Düsen und rostige Pinökel - das ist alles, was von dem »revolutionären Flugobjekt« (Lommel) übrig ist.

Doch es gibt Hoffnung. Fernab bei Washington steht ein Original. »Beim Vormarsch in Österreich fielen den Amerikaner vier ,Nattern'' in die Hände«, erzählt Lommel. Zwei der Maschinen gingen als Kriegsbeute über den Atlantik. Kurze Zeit später traf eine von ihnen auf der Muroc Army Air Base in Kalifornien ein.

Begierig studierten die US-Ingenieure die Wunderwaffe aus Germany. 1946 wagten sie einen Steilstart. Die Maschine hob ab, schwenkte nach Osten und krachte 30 Kilometer entfernt in einen Drugstore. Die Steuerung hatte versagt.

Beutestück Nummer zwei indes blieb heil. »Unter erbarmungswürdigen Umständen« (Lommel) steht es heute im Depot des National Air and Space Museum. Nur zu gern würde Lommel diese Ur-Rakete heimführen. Bereits vor drei Jahren startete er einen Vorstoß und wandte sich an Bill Clinton. Auch das Technikmuseum Berlin hat seine Fühler ausgestreckt - bislang vergebens.

So bleibt Deutschland das Belegstück jenes Kapitels seiner Luftfahrtgeschichte versagt, das am 1. März 1945 zugleich Höhe- und Endpunkt fand. Es war gegen 11 Uhr, als Sieber über das Stahlgerüst in die Kanzel der Versuchsmaschine 23 stieg. Er stöpselte die Atemmaske an den »Höhenatmer« und überprüfte den Kopfhörer. Einer Schilderung zufolge sollten »Natter«-Piloten ihre Brust mit einem Geflecht aus Gummischläuchen umwickeln, um so ihre inneren Organe vor Quetschungen zu schützen.

Dann kam die »X-Zeit«. Ein ungeheures Dröhnen erfüllte die Luft. Langsam kletterte der Flitzer an der Lafette empor. Sieber pflügte in die Unendlichkeit. Nach etwa 1000 Metern riss das Kabinendach ab. Nun fuhr der Mann Cabrio.

Gleichwohl hielt der Pilot den Gashebel auf Vollschub. »Die Auswertungen haben ergeben, dass die Rakete eine Spitzengeschwindigkeit von weit über 1000 km/h erreichte«, erklärt Lommel. Der Ingenieur Hans Zacher, 81, erinnert sich: »Ich hörte mehrere Donnerschläge« - der Knall vom Durchbruch der Schallmauer.

Rechte Freude über den Temporekord kam nicht auf. Der Pilot fuhr zwar wohl Mach 1, wie jüngst auch ein Vertreter vom Luftfahrtbundesamt bestätigte - aber leider erst kurz vor dem Aufschlag. Verwirrt durch Fahrtwind und Wolkenbänke hatte er offensichtlich völlig die Orientierung verloren und rammte sein Vehikel mit Vollgas in den Boden.

So fügt sich das Schlussbild ins allgemeine Chaos der Zeit. Fünf Meter war der Absturzkrater tief, in dem sich auch die sterblichen Überreste des deutschen Ur-Gagarin fanden.

Dokumenten zufolge waren es eine Hand sowie »ein linkes Bein, das unterhalb des Knies abgerissen war«.

MATTHIAS SCHULZ

* Am 1. März 1945.

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