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ZEITGESCHICHTE »Mögen sie mein Geld fressen«

Vom Botschafter zum Staatsfeind: Der Physiker Albert Einstein, so belegen neue Aktenfunde, hat sich stärker in die deutsche Politik eingemischt, als bisher bekannt war.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Auch politisch war der Meisterdenker seiner Zeit voraus. »Sieht die Welt nicht, daß Hitler den Krieg zum Ziel hat?« mahnte Albert Einstein bereits im Oktober 1933. Seine Glaubensbrüder rief der jüdische Gelehrte zur Flucht auf: Ein Verbleiben der Juden in Deutschland, warnte er, »leistet der Vernichtung Vorschub«. Die meisten wollten davon nichts wissen.

Der Physiker war gerade auf einer Vortragsreise in Amerika, als er von der Machtergreifung des Diktators erfuhr. Öffentlich verkündete der berühmte Professor, er »wage es nicht mehr, deutschen Boden zu betreten«.

Die Nazis waren außer sich vor Wut. Sie verbrannten Einsteins Schriften, durchwühlten seine Wohnung und leerten seine Bankschließfächer. Der Exilant nahm es gelassen: »Die Deutschen mögen mein bißchen Geld fressen.«

»Einstein war alles andere als ein weltfremder Gelehrter«, sagt Siegfried Grundmann. Der Ost-Berliner Historiker hat die bislang unterschätzte Rolle Einsteins in der deutschen Politik untersucht*.

Grundmann wertete erstmals all jene Akten aus, die deutsche Ministerien und Behörden über den unbequemen Physiker angelegt haben. Die amtlichen Schrift-

* Siegfried Grundmann: »Einsteins Akte«. Springer Verlag, Heidelberg; 266 Seiten; 78 Mark.

stücke, viele davon bislang unveröffentlicht, reichen von der Kaiserzeit bis zum Dritten Reich. »Der Staatsapparat hat stets aufmerksam alle seine politischen Aktivitäten verfolgt«, resümiert der Historiker.

Eine pazifistische Gesinnung war Einstein schon als Schüler eigen. 1894, im Alter von 15 Jahren, floh der gebürtige Württemberger in die Schweiz, um dem Militärdienst zu entgehen. Ausgerechnet im Jahre 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, lockte Physikerpapst Max Planck das junge Genie zurück. Einstein durfte aber, das war seine Bedingung, die Schweizer Staatsbürgerschaft behalten.

In Berlin machte er sich als Mitglied der Akademie der Wissenschaften daran, die Rätsel des Kosmos zu lösen. 1916 veröffentlichte er seine bahnbrechende Allgemeine Relativitätstheorie - doch im Schlachtengetümmel nahm kaum einer Notiz davon.

Einstein litt an der Kriegsbegeisterung und klagte, »welch trauriger Viehgattung man angehört«. Nach Kriegsende pries er öffentlich die Novemberrevolution und die Ausrufung der Weimarer Republik: »Jetzt wird mir erst recht wohl hier.«

Zur gleichen Zeit erlangte Einstein als Wissenschaftler Weltruhm. Gemäß seiner Allgemeinen Relativitätstheorie konnten Raum und Zeit nur existieren, wenn auch Materie vorhanden war; aus dem Formelwerk ergab sich zugleich, daß massereiche Körper wie Sterne und Planeten den umliegenden Weltraum verbiegen. Während einer Sonnenfinsternis im Sommer 1919 wurde diese Vorhersage glänzend bestätigt. Englische Astronomen beobachteten, daß das Licht der Sterne, wie von Einstein prophezeit, von der Sonne abgelenkt wird.

Die führenden Physiker in Deutschland und der Welt feierten Einstein als den »neuen Newton«. Nur eine kleine Gruppe völkischer Wissenschaftler machte schon früh gegen ihn und seine Ideen mobil. Allen voran bekämpfte der deutschnationale Physiker und Nobelpreisträger Philipp Lenard die Allgemeine Relativitätstheorie als »typisch jüdisches Blendwerk«.

Mit seinem »großen Schwindel« wolle er nur die »Volksseele vergiften«, geiferte auch der damals noch weithin unbekannte Adolf Hitler. Im August 1920 gründeten die Rechten die »Arbeitsgemeinschaft deutscher Naturforscher zur Erhaltung reiner Wissenschaft«; ihr Ziel: die »Judenreinheit der deutschen Wissenschaft«. Die Einstein-Gegner organisierten Vorträge zur Widerlegung der Relativitätstheorie; meist gingen sie nach hinten los - bei den Versammlungen ging es zu wie im Bierzelt, die wirrsten Köpfe meldeten sich mit eigenen Welterklärungen zu Wort.

»Gegenwärtig debattiert jeder Kutscher und jeder Kellner, ob die Relativitätstheorie richtig sei«, staunte Einstein im September 1920. »Die Überzeugung wird hierbei bestimmt durch die Zugehörigkeit zu einer politischen Partei.«

Erst die heftigen, politisch gefärbten Auseinandersetzungen um ihn und sein Weltmodell machten den Professor mit dem wilden Haarbusch in den zwanziger Jahren zum Superstar. Was der Gelehrte fortan auch von sich gab, die Presse verbreitete es. »Wie bei dem Mann im Märchen alles zu Gold wurde, was er berührte«, stöhnte er, »so wird bei mir alles zum Zeitungsgeschrei.«

Die deutsche Forscherelite störte sich zwar an dem Rummel um Einstein, stand aber zu ihm. Um den berühmten Wissenschaftler in Berlin zu halten, erhöhte das Kultusministerium mehrfach sein Gehalt.

Allmählich begriffen auch die rechten Dunkelmänner, daß sie den genialen Physiker auf dem Gebiet der Wissenschaft nicht besiegen konnten. Also trachteten sie ihm nach dem Leben.

In den Anfangsjahren der Weimarer Republik kam es regelmäßig zu Mordanschlägen auf prominente Juden und Demokraten. Im Juni 1922 erschossen rechtsradikale ehemalige Offiziere Außenminister Walther Rathenau. Kurz darauf sagte Einstein seinen Vortrag auf der Naturforscher-Versammlung ab; er sei gewarnt worden, daß die »völkische Seite« auch gegen ihn ein Attentat plane.

Um sich vor Mordanschlägen zu schützen, flüchtete Einstein ins Ausland: »Nun hilft nichts als Geduld und Verreisen.« In der ersten Hälfte der zwanziger Jahre hat er die halbe Welt bereist - er fuhr nach Japan, Spanien und Palästina, besuchte Schweden, Frankreich und die USA, schipperte bis Argentinien und Uruguay.

Für die deutsche Regierung waren Einsteins Reisen äußerst nützlich. Nach dem verlorenen Krieg war Deutschlands Ansehen in der Welt auf einem Tiefpunkt. Der pazifistische Gelehrte war genau der richtige Mann, um die Fronten aufzuweichen.

Und der Botschafter machte seine Sache gut. »Gerade im gegenwärtigen Augenblick«, meldete etwa der deutsche Geschäftsträger aus London, sei Einstein »für Deutschland ein Kulturfaktor ersten Ranges«. Mit seiner »liebenswürdigen Art« habe er geholfen, »das Märchen von der deutschen Barbarei« zu zerstören, telegrafierte der Gesandte aus Argentinien an das Auswärtige Amt in Berlin. Bemängelt wurde nur seine »Gleichgültigkeit in Toilettefragen«.

Lobend hoben die Diplomaten hervor, daß Einstein seine Vorträge stets »auf deutsch« hielt. Dabei störte es wenig, daß er wenig patriotische Gründe dafür hatte; das Genie hatte nur große Schwierigkeiten, Fremdsprachen zu erlernen. Gespenstisch verlief der Besuch im Weißen Haus: US-Präsident Harding sprach nur englisch, Einstein verstand kein Wort. Stumm ließen sie sich nach dem Dinner fotografieren.

Ende 1922 kam es zu einem diplomatischen Eklat. Als Einstein der Nobelpreis verliehen werden sollte, hielt er sich unerreichbar in Japan auf. Der deutsche und der Schweizer Gesandte in Stockholm stritten sich, wem die Ehre zufiel, den Preis entgegenzunehmen. Forsch behauptete der deutsche Vertreter: »Einstein ist Reichsdeutscher.« Am Tag nach der Preisverleihung erfuhr er, daß Einstein einen Schweizer Paß besaß. Zerknirscht empfahl er dem Auswärtigen Amt, über den peinlichen Vorfall nach außen »kein Wort zu verlieren«.

Daß Einstein vom deutschen Staat »als Renommierbonze und Lockvogel« herumgereicht wurde, nahm er gelassen hin. Ihm war die Aussöhnung der Völker ein Herzensanliegen; vor allem aber wollte er seine Forscherkollegen aus der weltweiten Isolation herausführen. Nach dem Krieg wurden sie nicht mehr zu Kongressen eingeladen und aus Fachorganisationen rausgeworfen. Erst als Deutschland 1926 dem Völkerbund beitrat, war der Forschungsboykott beendet. »Mit seinen Auslandsreisen hat Einstein entscheidend dazu beigetragen«, urteilt Historiker Grundmann.

Mitte der zwanziger Jahre ging es auch mit der Wirtschaft wieder aufwärts, Deutschland stieg zur zweitgrößten Industriemacht (nach den USA) auf. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 beruhigten sich die politischen Kämpfe, auch die Angriffe gegen Einstein flauten ab. »Zumindest äußerlich«, erinnerte sich sein Physikerkollege Max Born. »Unter der Asche glimmte die Feindschaft gegen ihn fort, bis sie dann 1933 offen emporschlug.«

Zum Staatsfeind wurde Einstein aber schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik, als er für den diplomatischen Einsatz nicht mehr gebraucht wurde. Immer häufiger, so fand Grundmann heraus, landete sein Name nun in den Geheimakten des »Reichskommissariats für die Überwachung der Öffentlichen Ordnung«, da er sich in linken oder pazifistischen Organisationen engagierte.

Penibel registrierten die Staatsschützer, wann und wo der Gelehrte etwa an Treffen der »Liga für Menschenrechte« teilnahm ("Die Liga ist ein Hauptträger der pazifistischen Propaganda in Deutschland"). Aktenkundig wurde 1927 auch, daß Einstein im Präsidium der »Gesellschaft der Freunde des neuen Rußlands« saß; diese Organisation, so urteilten die Staatsschützer, verfolge den Zweck, »russische Ideen in die deutsche Gelehrtenwelt hineinzutragen«.

Für die Nazis waren die Überwachungs-Protokolle aus dem Reichskommissariat ("Streng vertraulich!") später ein gefundenes Fressen. Unter anderem mit diesen Dokumenten rechtfertigten sie die Enteignung des weltberühmten Wissenschaftlers.

Grundmann hat erstmals im Detail rekonstruiert, wie der Beutezug ablief. Bereits am 10. Mai 1933, dem Tag der Bücherverbrennung, teilte das Geheime Staatspolizeiamt den »Eheleuten Professor Albert Einstein« schriftlich mit, »Ihre Guthaben und Depots bei der Dresdner Bank« würden beschlagnahmt. Begründung: »Einstein betätigte sich kommunistisch.« Die Maßnahme diene mithin der »Abwehr staatsgefährdender Umtriebe«.

Einstein war ein wohlhabender Mann, 46 134,75 Reichsmark flossen in die Staatskasse. Und als hätte es diesen Raub nie gegeben, forderte das Finanzamt die Einsteins dann auch noch dazu auf, die »Reichsfluchtsteuer« in Höhe von 15 675 Reichsmark zu überweisen; diese sei fällig, weil das Ehepaar unerlaubt das Deutsche Reich verlassen habe.

Schwieriger gestaltete sich die Enteignung von Einsteins Sommerhaus in Caputh; laut Grundbuch gehörte es seinen beiden Töchtern. Selbst nach geltendem NS-Recht mußten die Behörden deshalb nachweisen, daß es auf dem Grundstück zu »staatsfeindlichen Zusammenkünften« gekommen war.

Aber in den Akten war einfach kein Beleg dafür zu finden, daß Professor Einstein in seinem Sommerhaus ("mein Paradies") die Revolution geplant hatte. Auch eine Vernehmung seiner früheren Hausangestellten Herta Schiefelbein war ein Reinfall. Zwar habe sie oft Einsteins Gespräche belauscht, so gab sie bei der Staatspolizei zu Protokoll, »aber Verdächtiges konnte ich nicht entnehmen«.

Anfang 1935 verlor der Potsdamer Regierungspräsident die Geduld. Im Handstreich konfiszierte er Sommerhaus und Segelboot des Nobelpreisträ-gers. Das Eigentum habe schon deswegen der Vorbereitung eines Umsturzes gedient, so argumentierte der preußische Beamte, weil »Einstein dort gearbeitet hat«.

* Siegfried Grundmann: »Einsteins Akte«. Springer Verlag,Heidelberg; 266 Seiten; 78 Mark.

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